Immer mehr: Unternehmensgewinne und private Pleiten

Ein Silberstreif am Horizont: Zumindest das Konsumklima verbessert sich! Zwar ist das mit dem Klima da draußen global gesehen ziemlich beschissen, aber man muss ja nicht immer das Haar in der Suppe suchen. Der ebenso frühe wie frostige Wintereinbruch in Deutschland hat nicht nur die Winterreifen- und die Schneeräumbranche, sondern auch den jahrelang sehr gebeutelten Einzelhandel in Schwung gebracht!

Die Einzelhändler erwarten jetzt die höchsten Umsatzzuwächse seit fünf Jahren. Zwar sind die Löhne nicht gestiegen und die Rente wird auch nicht mehr, sondern im lässt im Gegenteil länger auf sich warten, aber egal, die Leute wollen endlich wieder kaufen! Konsumieren!

Jetzt haben sie jahrelang gespart, weil sie mussten – die Riesterrente, die Zuzahlungen für Medikamente, die Praxisgebühr, höhere Mieten, höhere Energiekosten, es ist ja nicht so, dass sie keinen Spaß am Shoppen gehabt hätten, sondern nur weniger oder kein Geld dafür. Aber in diesem Jahr müssen sie endlich mal neue Winterstiefel, Mäntel, Mützen und Handschuhe kaufen. Und weil es so schön ist, kaufen sie aber auch neue Flachbildfernseher, Möbel und Schmuck und was man sich sonst noch zu Weihnachten schenken könnte.

Immerhin geht’s uns nicht so dreckig wie den Griechen und den Iren, also jetzt lieber die Kohle ausgeben, bevor alles im schwarzen Loch irgendwelcher Rettungspakete verschwindet. Irgendwie erinnert mich diese Stimmung an das, was ich über die dreißiger Jahre gehört habe. Eigentlich ging es den Leute ziemlich schlecht, sie mussten für wenig Geld richtig ranklotzen. Aber der Laden brummte, und die Leute verschuldeten sich, um Autos und Volksempfänger zu kaufen. Die Aussicht auf ein bisschen Luxus und Konsum brachte auch diejenigen in die Spur, denen nicht unbedingt gefiel, was sonst im Land passierte. Wie das alles geendet hat, ist ja bekannt.

Passend dazu lese ich gerade, dass in all dem Gebrumm der deutschen Wirtschaft, die auch sonst mit fantastischen Wachstumsraten glänzt, einen traurigen Rekord zu melden gibt: Die Zahl der Insolvenzanträge von Privatpersonen wird in diesem Jahr einen neuen Höchststand erklimmen. Laut Berliner Zeitung rechnet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform in ihrem Jahresbericht mit 111.800 Verbrauchern, die Gang zum Amtsgericht antreten müssen, um von der Restschuldbefreiung Gebrauch zu machen. Die Zunahme der Verfahren liegt bei 11 Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr, ein krasser Gegensatz zu der Entwicklung bei den Unternehmensinsolvenzen. Deren Zahl sank von 32.930 auf 32.100 – ein knapper Rückgang um 2,5 Prozent, aber immerhin.

Kein Rettungspaket für Arbeitnehmer

Daran ist zu sehen, dass die Zahl der privaten Pleiten angesichts der deutlich positiveren Konjunkturlage und der damit zumindest theoretisch einhergehenden Belebung am Arbeitsmarkt keineswegs zurück geht. Alles für die Unternehmen, nichts für die Privatpersonen, die bitte schön selbst zusehen sollen, wo sie bleiben. Schließlich sind wir ein freies Land!

Während den Unternehmen ihre dicken Gewinne aus den Jahren vor 2008 und danach großzügige staatliche Konjunkturprogramme aus der Krise geholfen haben, haben die Arbeitnehmer lange Jahre der Lohnzurückhaltung hinter sich, sofern sie überhaupt noch einen halbwegs vernünftig bezahlten Job haben. Vielen war es schlicht nicht möglich, Vorsorge für magere Zeiten zu treffen. Im Krisenjahr 2009 verloren viele ihre Jobs – der Verlust des Arbeitsplatzes und damit der Einkommens ist zumeist die Ursache für das Abrutschen in die Überschuldung. Ein weiterer und immer wichtigerer Grund ist aber auch die ständige Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse: Geringe Bezahlung und große Unsicherheit ist geradezu eine Garantie für kommende Geld- und Schuldenprobleme.

Aber damit nicht genug: Auf der Ausgabenseite drücken wie oben schon ausgeführt steigende Kosten für Gesundheit, Miete, höhere Energiepreise, Altersvorsorge und so weiter auf das Konto. Kommt dann noch der Kaufrausch dazu, weil man sich doch seit Ewigkeiten nichts mehr gegönnt hat oder schlicht einen neuen Wintermantel braucht, weil es einfach schweinekalt draußen ist, dann leiht man sich notfalls auch Geld dafür – der Anstieg der Verbraucherkredite weist darauf hin. Bei der Bank geliehenes Geld will aber immer doppelt und dreifach zurückgezahlt werden.

Interessant ist auch, dass aus dem Creditreform Schuldneratlas hervor geht, dass die Rekordzahl an Privatpleiten keine Spätfolge der Krise ist, wie man nun vielleicht vermuten könnte. Im Gegenteil scheint sich die Zahl der Privatinsolvenzen vom Konjunkturzyklus abgekoppelt zu haben. Laut Auskunftsdatei beträgt die Anzahl der überschuldeten Personen, die noch keine Privatinsolvenz beantragt haben, etwa 6,5 Millionen Menschen (verschuldete Teenager unter 18 werden hier nicht mitgezählt). Das sind rund 300.000 Personen mehr als 2009. Eine Verschiebung gibt es auch bei den von Privatinsolvenz betroffenen Altersgruppen: Die 20 bis 29-Jährigen sind besonders betroffen, also jene, die überproportional unter prekären Arbeitsverhältnissen leiden und deshalb häufig mehr konsumieren als verdienen. Auch die Altersklassen 50 bis 59 und 60 bis 69 sind überdurchschnittlich häufig dabei. In diesen Fällen entsteht eine Überschuldung häufig durch Krankheit, Trennung vom Lebenspartner oder eine gescheiterte Selbstständigkeit – die oft die einzige Alternative zu altersbedingten Arbeitslosigkeit war.

Und weil kein Rettungspaket in Aussicht steht, das den Jungen endlich vernünftig bezahlte Arbeitsplätze und den Alten Schutz vor Krankheit und dem beruflichen Aus bietet, ist zu erwarten, das die Zahl an Privatinsolvenzen in den kommenden Jahren immer neue Rekorde erreichen wird.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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3 Antworten zu Immer mehr: Unternehmensgewinne und private Pleiten

  1. PeWi schreibt:

    Welcher Kaufrausch? Ich habe keinen gesehen. Im Einkaufcenter laufen viele Leute herum, schauen und gehen wieder raus. Der 1-Euro-Laden hat Hochkonjunktur, fast der Einzigste. Wenn etwas gekauft wird von 1. bis 15./16. des Monats, dann ist gähnende Leere in den Läden. Welcher Kaufrausch bitteschön? Der findet doch nur in den Regierungsmedien statt. Er wird jedes Mal kurz vor Weihnachten proklamiert und klammheimlich irgendwann im neuen Jahr wird ganz verschämt gemeldet, dass der Umsatz des Einzelhandels wieder stagniert ist und das ist noch positiv betrachtet.

  2. Scribine schreibt:

    Kann PeWi nur recht geben – hierzulande ist von Kaufrausch keine Spur.

    Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass noch etliche Leute bald auf “Sachwerte” setzen werden, und ihr gesparten Kröten irgendwie umsetzen werden, weil sie Angst vor 2011 und der damit herein brechenden Finanzkrise haben.

    Aber was solls, die die kein Geld haben, erkennen oder haben bereits längst erkannt, dass es sich “ohne” sinnstiftender leben lässt. Und die, die halt Angst um ihr Erspartes haben, können bis zum Jahresende schon mal über und nachdenken wie toll es ist, wenn man miteinander teilt.

  3. modesty schreibt:

    Ob der Kaufrausch nur in den Medien statt findet oder tatsächlich ist für mich gar nicht der Punkt (ich scheine auch zu anderen Zeiten in anderen Läden einzukaufen, da kommt schon es vor, dass sich längere Schlangen vor den Kassen bilden). Ich würde den Leuten auch total gönnen, sich hemmungslos alles zu kaufen, was sie brauchen und haben wollen, wenn sie sich schon den Rest des Jahres für die Kohle krumm machen.

    Genug Geld zu haben, macht nicht unglücklich – ich mag auch diese Bescheidenheitspropaganda nicht, mit der man den Leuten beibringen will, doch bitte mit dem, was man ihnen zuteilt, zufrieden zu sein. Es reicht halt nicht, und genau deshalb gehen die Leute pleite. Nicht, weil sie immer nur hemmungslos konsumieren.

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