Blockupy: Liebe Bürger bitten um ein bisschen Demokratie

“Fast wie im Bürgerkrieg” titelte die junge Welt über die Zustände in Frankfurt. Nach der Räumung des Blockupy-Camps und dem Verbot aller möglichen Veranstaltung im Rahmen der europäischen Aktionstage – für oder was gegen was eigentlich? – haben sich trotzdem einige hundert Menschen versammelt. Das erscheint nicht so wahnsinnig viel, reicht aber aus, dass Blockupy Frankfurt derzeit (Donnerstag 9 Uhr morgens) auf Google News immerhin das Thema Nr. 1 in der Rubrik Deutschland ist. Wenn man das massive Polizeiaufgebot betrachtet, kann man wirklich auf den Gedanken kommen, dass ein Bürgerkrieg bevorstünde – allerdings fehlen die kampfbereiten Massen auf der anderen Seite. Nicht dass ich mir gewalttätige Krawall-Demonstranten herbei wünschen würde – natürlich finde ich friedliche Menschen sehr viel angenehmer als aggressive. Gewalt ist ohnehin keine Lösung – schon gar nicht, wenn man gegen die Staatsgewalt anrennt, die in Sachen Gewaltausübung sehr viel besser geschult und ausgestattet ist. Schließlich beansprucht unser wohlmeinender Staat ein Monopol auf Gewalt – der schlichte Untertan, äh, souveräne Staatsbürger, soll lieber die Finger davon lassen, sonst bricht er sie sich noch.

Denn Protest, selbst noch so friedlicher und planloser, ist unerwünscht. Ich frage mich wirklich, was passieren würde, wenn es tatsächlich mal wieder ernsthaften Protest mit ernsthaften Forderungen etwa gegen die Banken geben würde. Auf dem Niveau der Proteste gegen das Endlager in Gorleben beispielsweise. Damals, im Frühjahr 1979, als 500 Trecker aus dem Wendland nach Hannover fuhren, wo dann 100.000 Menschen gegen den Atommüll demonstrierten. Und selbst ein Ministerpräsident Ernst Albrecht (der Papa von Ursula von der Leyen) einsehen musste, dass Gorleben politisch nicht durchsetzbar war. Oder 1981, als noch mehr Menschen in Frankfurt gegen die Startbahn West demonstrierten. Da war wochenlang was los in Frankfurt. Aber die Flughafenerweiterung wurde natürlich durchgedrückt, 1984 ging die Startbahn West in Betrieb, allerdings ohne die üblichen Eröffnungsfeierlichkeiten.

Eigentlich sollte man ja annehmen, dass so ein globales Problem wie die ungehemmte Bereicherung der Banken zulasten der arbeitenden Bevölkerung noch sehr viel mehr Menschen auf die Straßen treibt, aber dem ist nicht so. Was sicherlich auch daran liegt, dass diese Bedrohung, die zwar sehr viel existenzieller ist, als die durch lokale Bauvorhaben wie ein Atomendlager, eine weitere Startbahn oder auch ein neuer Bahnhof mit unterirdischem Gleisanschluss, um ein aktuelleres Beispiel zu nennen, gar nicht als solche wahrnehmbar ist. Sie ist viel zu abstrakt – obwohl man doch ganz konkret erfahren kann, dass das Geld, für das man arbeiten muss, immer weniger wert ist. Diese Alltagsschwierigkeiten werden aber als traurige Einzelschicksale erlebt und hingenommen. Und es gibt leider keine öffentlichkeitswirksame Bewegung, die in der Lage ist, diese keineswegs individuelle Bedrohung transparent zu machen.

Occupy leistet das gerade nicht: Diese Bewegung fordert zwar, auf die Straße zu gehen, aber sie sagt nicht, warum. Es gibt zwar diffuse Forderungen nach der Begrenzung der Macht des Geldes, der Banken, der Märkte und der Regierungen. Aber gebrochen werden soll deren Macht nicht. Occupy will einen netteren Kapitalismus, aber keine Alternative zum herrschenden System. Vereinzelt gibt es auch konkrete Forderungen, etwa nach einer Finanztransaktionssteuer oder auch nach höheren Steuern für Reiche, aber die gehen keineswegs an die Substanz der Bedrohung: Damit werden die Banken weder effektiv reguliert noch abgeschafft und am herrschenden System ändert sich auch nichts. Derzeit ist die Hauptforderung im frankfurter Zentrum der Bewegung schlicht ein bisschen mehr Demokratie: Wir wollen wieder auf die Straße gehen dürfen!

So weit haben sie uns schon. Anstatt dieses ganze verdammte System infrage zu stellen, bitten die braven Protestler mit bunten Aktionen, aber untertänigst darum, doch bitte weiter protestieren zu dürfen. Und der Staat fährt auf, als ginge es ihm tatsächlich an den Kragen. Lieb Vaterland, magst ruhig sein. Der Macht am Main wird schon nix passieren. Aber immerhin ersparst du deinen systemrelevanten Bankern für ein paar Tage den Anblick von arbeitsscheuem Gesindel, das sich vor den polierten Türen der Finanzpaläste schon nett mit Infostand und Gartenkräuterzucht eingerichtet hatte.

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Urheberrechts-Debatte: Freiheitskämpfer unter sich

Mittlerweile wird es unübersichtlich, es gibt inzwischen eine ganze Reihe “Wir-sind-aber-auch-Urheber“-Kampagnen, die versuchen, weniger peinlich zu sein, als die bekennenden bürgerlich-freiheitlichen Künstler . Dann gibt es aber auch Anti-Kampagnen der ganz plumpen Art, die im Grunde noch peinlicher sind. Trotzdem ist bezeichnend, dass diese, meines Erachtens tatsächlich wenig gelungenen, Versuche aus dem Anonymus-Umfeld, den eigenen Standpunkt zum Urheberrecht bzw. zum Filesharing mit zweifelhaften Aktionen zu untermauern – etwa durch den Hack der Kampagnenseite und die Veröffentlichung von Adressdaten der Unterzeichner des Pro-Urheberrechtsaufrufes – von der bürgerlichen Presse in die Nähe krimineller oder gar terroristischer Akte gerückt werden. Die Unterzeichner des Appells “Wir sind die Urheber” sollten bedroht und eingeschüchtert werden, mit Methoden, wie man sie aus totalitären Staaten kenne, schreibt beispielsweise die FAZ. Die Welt spricht in diesem Zusammenhang von Stalking.

Mit diesen bemerkenswerten Beiträgen zur Meinungsfreiheit sollen die selbsternannten Freiheitshelden als Feinde der Freiheit entlarvt werden. Davon mal abgesehen, dass das ganze Anonymous-Piraten-freies-Internet-Umfeld tatsächlichen eine ziemlich naive Vorstellung von Freiheit zu haben scheint, und sich vermutlich keiner dort klar macht, was denn die Freiheit eigentlich sein soll, die da doch ständig gefordert wird, ist der Freiheitsbegriff für die andere Seite klar: Hier geht es natürlich um die Freiheit des Urhebers, oder vielmehr seiner Verwerter, für seine Werke Geld zu verlangen. DAS ist nämlich die echte, wahre und eigentliche Freiheit.

Und die wird durch die ganze Kostenlos-Kopier-Praxis im Internet tatsächlich bedroht. Aber das kann man natürlich auch gut finden, wenn man nicht gerade versucht, seinen Lebensunterhalt mit derartigen Bezahl-Inhalten zu verdienen. Über diesen Widerspruch lohnt es sich wirklich nachzudenken, und zwar sowohl auf Urheber- als auch auf Freibeuter-Seite. Da könnte man drauf kommen, dass Freiheit an sich erstmal gar nichts besonders Tolles ist. Denn der Freiheit wegen sind die einen dazu gezwungen, ihre Produkte zu verkaufen, während die anderen angesichts knapper Mittel ihr Geld lieber für Wohnen, Essen und den Internetzugang (hier zeigt sich schon, dass der Mythos vom kostenlosen Internet eben nicht unbedingt Realität ist) als für Musikalben oder Zeitschriften ausgeben. Auch wenn sie trotzdem gern Musik hören oder interessante Artikel lesen, die sie sich dann halt anders verschaffen als durch den legalen Kaufakt.

In einem weniger freiheitsversessenen System könnte man darüber nachdenken, wie man die Bedürfnisse nach wohnen, essen und sinnvollen Inhalten mit dem Bedürfnis, seine Schaffenskraft auszuleben, in Einklang bringt und den scheinbaren Widerspruch praktisch und sozialverträglich löst: Wie schön wäre es für den Künstler, frei von dem Druck, mit seiner Kunst Geld verdienen zu müssen, Kunst schaffen zu können! Wie schön wäre es für alle anderen, zu dieser Kunst freien Zugang zu haben! Das wäre schon machbar – aber eben nicht mit der Durchsetzung des freiheitlich wertvollen Urheberrechts, sondern mit dessen Abschaffung. Und ein paar andere Dinge müssten auch abgeschafft werden – vor allem die Freiheit, mit der alle zum Geld verdienen verpflichtet werden.

In einer Presse-Erklärung stellt das Anonymous-Kollektiv übrigens klar, dass die Daten keineswegs auf kriminellem Wege beschafft, sondern lediglich aus frei zugänglichen Quellen zusammengestellt wurden. Man kann eine solche Fleißarbeit zwar ärgerlich finden – aber noch ist kein Mensch auf die Idee gekommen, den Druck und die Verbreitung von Telefonbüchern zu verbieten, weil die darin verzeichneten Personen möglicherweise irgendwann einmal bedroht oder gar Opfer eines Verbrechens werden könnten. In der Logik wäre die Deutsche Telekom Medien GmbH und ihre Partnerverlage ja irgendwie auch eine kriminelle Vereinigung.

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Unbedingt lesen: Das eingeschossige Amerika

Vor einigen Tagen geriet mir “Das eingeschossige Amerika” von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow in die Hände. Was für ein wunderbarer, überaus glücklicher Zufall! Die beiden Bände, in denen die zu ihrer Zeit in der Sowjetunion sehr bekannten Autoren ihre eigenwilligen Beobachtungen des US-amerikanischen Alltags beschreiben, verschlang ich in wenigen, für Schlaf zu kurzen, Nächten. Ich reiste mit Ilf und Petrow 16.000 Meilen durch die USA, vom Atlantik über die Rocky Mountains zum Pazifik und wieder zurück – ebenso hingerissen, überwältigt und erstaunt über die vielfältigen Entdeckungen wie die Autoren selbst. Die angesichts der Überwältigungen, die die sich rasant entwickelnde Supermacht des Westens für sie bereit hielt, einen sehr wachen, freundlich-distanzierten Blick behielten und ihre Erlebnisse in einem rasant zu lesenden, witzig-intelligenten Reportagestil zu Papier brachten.

Unglaublich, aber wahr: 1935 bereisten Ilja Ilf und Jewgeni Petrow als Korrespondenten im Auftrag der Prawda drei Monate lang das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sie fanden mit einem lange in den USA lebenden litauischen Ingenieur und seiner äußerst fahrtüchtigen amerikanischen Ehefrau ideale Reisebegleiter, die ihnen in einem eigens dafür angeschafften mausgrauen Ford auch das ländliche, das “eingeschossige” Amerika jenseits der Straßenschluchten von News York oder Chicago erschlossen. Dabei stolpern sie über etliche Kuriositäten, etwa über ein Schild mit der Aufschrift: “Revolution ist eine Herrschaftsform fürs Ausland”.

Das eingeschossige Amerika; Foto von der Rückseite des Schubers

Das eingeschossige Amerika; Foto von der Rückseite des Schubers

Der Reisebericht der beiden Prawda-Korrespondenten ist erstaunlich unideologisch – sie loben, was ihnen in den USA gefällt – etwa den Sinn fürs Praktische, den die Amerikaner überall demonstrieren, ihre unaufgeregte Hilfsbereitschaft und immer wieder den erstklassigen Service, der auch in den entlegensten Gegenden selbstverständlich ist. Aber sie kritisieren auch, was ihnen missfällt – die unübersehbare Armut so vieler Menschen direkt neben ungeheurem, ja vulgärem Reichtum, die unglaubliche Naivität der Menschen, die ständig darauf hoffen, entgegen aller Logik und Lebenserfahrung doch irgendwie ihr Glück zu machen, und sich, wenn sie angesichts widriger Umstände scheitern, immer selbst die Schuld geben, und nicht dem herrschenden System, das doch so viele Verlierer produziert. Oder die fehlende Wissbegier – die Autoren stellen fest, dass die Amerikaner so mit Geld verdienen beschäftigt sind, dass ihnen jedes Interesse für echte Bildung abgeht – Amerikaner lesen nicht, sondern gehen ins Kino. Das tun auch Ilf und Petrow – allerdings kommen da nicht die erwarteten anspruchsvollen Kunstfilme, sondern für die beiden Russen kaum erträglicher Hollywood-Schrott. Am Ende stellen sie fest: Die USA könnten das Paradies auf Erden sein, wenn sie denn nur sowjetisch wären.

“Die Triebkraft des amerikanischen Lebens ist und bleibt das Geld. Die moderne amerikanische Technik wurde erfunden und entwickelt, um so rasch wie möglich Geld zu machen. Alles, was Geld bringt, entwickelt sich, alles was kein Geld bringt degeneriert und stirbt ab. Die Konzerne der Gas-, Elektrik-, Bau und Autoindustrie haben auf der Jagd nach dem Geld einen sehr hohen Lebensstandard geschaffen. Amerika ist zu einem beträchtlichen Wohlstand aufgestiegen und hat Europa weit hinter sich gelassen. Hier zeigt sich nun, dass es schwer krank ist. Das Land führt sich selbst da absurdum. Es wäre in der Lage, auf der Stelle eine Milliarde Menschen zu ernähren, bringt es aber nicht fertig, seine eigenen 120 Millionen satt zu machen. Es hat alles, um den Menschen ein ruhiges Leben zu gewährleisten, stattdessen hat es erreicht, dass die gesamte Bevölkerung in ständiger Unruhe lebt: Der Arbeitslose fürchtet, nie wieder einen Job zu finden, der Arbeiter fürchtet, seine Arbeit zu verlieren, der Farmer fürchtet eine Missernte, weil dann die Preise in die Höhe schießen und er selbst Getreide für viel Geld kaufen muss, er fürchtet aber auch eine gute Ernte, weil dann die Preise fallen und er sein Getreide nur für ein Butterbrot losbekommt, die Reichen fürchten, dass Gangster ihre Kinder entführen, die Gangster, dass sie auf dem elektrischen Stuhl landen, die Neger fürchten, gelyncht zu werden, Politiker fürchten die Wahlen, Menschen mit mittlerem Einkommen fürchten, krank zu werden, weil die Ärzte ihnen dann ihr gesamtes Vermögen abnehmen, der Händler fürchtet, dass Schutzgelderpresser kommen und seinen Laden mit Maschinenpistolen zusammenschießen.”

Dieses Fazit gegen Ende ihrer Reise kann man auch heute, fast 80 Jahre später, noch so stehen lassen. Nur dass es jetzt in so ziemlich allen Ländern gilt.

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Internet, Eigentum, Freiheit und Kunst: Was passt hier nicht?

Mit Sorge und Unverständnis verfolge ich die in ihrer Hilflosigkeit schon fast wieder komische Kampagne von Urhebern, also Autoren und Künstlern, das Urheberrecht als historische Errungenschaft zu verkaufen: Bürgerliche Freiheit sei doch so viel schöner als feudale Abhängigkeit! Nun ist aber die großartige Freiheit in Gefahr, sich mit seiner Kunst an Verlage, Verwerter und letztlich das Publikum verkaufen zu müssen. Denn von Kunst an sich kann keiner leben, sondern nur von ihrem Verkauf. Deshalb finden gerade die erfolgreichen Autoren und Künstler, die sich bisher ganz gut verkauft haben, es total blöd, dass durch das Internet wunderbare Möglichkeiten für Millionen Menschen geschaffen wurden, künstlerische Werke einfach kopieren zu können statt sie kaufen zu müssen.

Analoge Kunst

Analoge Kunst

Aber anstatt sich darüber zu freuen, dass nun sehr viel mehr Menschen als zuvor in den Genuss ihrer Kunst kommen, grämen sie sich darüber und wünschen sich in die analoge Zeit zurück. Und jammern, dass die alltägliche Präsenz und der zweifellos vorhandene Nutzen des Internets keine Entschuldigung für Gier oder Geiz seien. Und deshalb wollen sie sowohl vor ihrem gierigen und geizigen Publikum, als auch vor global agierenden Internetkonzernen geschützt werden. Leider sagen sie nicht, auf welche Weise das geschehen soll: Totalüberwachung aller Internet-Nutzer, damit immer nachvollzogen werden kann, wann wer auf welche Inhalte zugegriffen hat? Furchtbare Vorstellung! Und was soll dann mit den gierigen und geizigen Kunstkonsumenten geschehen? Lebenslange Internetsperre? Finger abschneiden? Umerziehungslager? Liebe Künstler, wenn ihr wollt, dass die anderen nicht mehr gierig und geizig sein sollen, dann fasst euch erstmal an die eigene Nase!

Was ist denn das für ein Kreativenpack, das sich dermaßen ans geistige Eigentum klammert, weil es nicht in der Lage ist wirklich kreativ mit neuen Situationen umzugehen? Vielleicht ist gar nicht der ach so einfach gewordene Diebstahl geistigen Eigentums das Problem, sondern das Eigentum an sich?! Nur weil so ziemlich alle vom Eigentum weniger ausgeschlossen sind, funktioniert dieses wunderbar arbeitsteilige Gesellschaftssystem samt bürgerlicher Freiheit überhaupt: Die allermeisten Menschen müssen sich jeden Tag aufs Neue abzappeln, damit sie mit ihrer Arbeit die fürs Überleben nötigen Euros verdienen. Die anderen lassen arbeiten und kassieren ab. Dem durchgesetzten Recht auf Eigentum sei Dank! Tolle Sache, da wollt ihr euer Stück natürlich abhaben. Aber jetzt fällt euch auf, dass es ziemlich klein ist.

Aber, liebe Künstler, das nur nebenbei, auch andere Menschen müssen damit leben, dass der Wert ihrer Arbeit immer geringer geschätzt wird: Fragt mal die Fließbandarbeiter, die in China eure Laptops und Smartphones zusammen schrauben oder die Servicekraft, die euch euren Caffè Latte bringt. Wie kommt ihr eigentlich darauf, dass ausgerechnet ihr von eurer Arbeit anständig leben können müsstet? Was unterscheidet euch von der Friseurin, die für 4 Euro die Stunde arbeiten muss und auch nicht davon leben kann? Wie wäre es, anstatt eine ohnehin mit vernünftigen Mitteln gar nicht mögliche unbedingte Durchsetzung des offensichtlich von der digitalen Realität längst überholten Urheberrechts zu fordern, lieber gleich vernünftige Lebensbedingungen für alle Menschen zu fordern – egal ob Autor, Künstler oder bloß profanes Publikum?! Wenn ihr wollt, dass es keinen Diebstahl mehr gibt, dann schafft das Eigentum ab! Das wäre eine zeitgemäße Forderung.

Nun ja, jede Zeit hat die Künstler, die sie verdient. Und wenn die Künstler nichts mehr verdienen, dann liegt es vielleicht daran, dass sie statt Kunst zu schaffen, lieber rückwärtsgewandten Scheiß reproduzieren, wie in diesem unsäglichen Aufruf dokumentiert ist. Das ist einerseits peinlich, andererseits aber tatsächlich nichts wert. Übrigens: Wenns mit der Kunst nicht klappt, fühlt euch so frei, euch mit einem anderen Job zu versuchen. Vielleicht merkt ihr dann, dass das mit dem Eigentum auch im nichtgeistigen Bereich eine vertrackte Sache ist.

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Absturz aus Wolkenkuckucksheim

Berlin hat eine echte Attraktion: Das stillgelegte Flugfeld des ehemaligen Flughafens Tempelhof – dort tummeln sich Kite-Surfer, Skater, Radfahrer auf den ehemaligen Start- und Landebahnen. Dazu gibt es Grillplätze, Hundeplätze, einen Biergarten und eine grandiose Aussicht auf die eigenartig flache Stadtlandschaft um die Tempelhofer Freiheit herum. Durch die Weite des Blicks und den meist kräftigen Wind fühlt man sich wie am Meer. Die Flughafengebäude sind beliebte In-Locations für alle möglichen Veranstaltungen.

Vollmond über dem Tempelhofer Feld

Vollmond über dem Tempelhofer Feld

Und dann gibt es auch noch die ewige Baustelle in Schönefeld. Dass BER nun kurz vor dem Start schon abgestürzt ist, verwundert allerdings kaum – Anfang des Jahres schrieb ich einen Artikel über die Zustände auf der Baustelle des Großflughafens: Die Arbeiter eines Subunternehmens, das für die Montage von Klimatechnik (mit der es ja nun offenbar große Probleme gibt) zuständig war, wurden um ihren Lohn geprellt. Wenn man sich klar macht, unter welchen Bedingungen dort gearbeitet wurde, verwundert einen, dass an dem Flughafen überhaupt schon vieles funktioniert.

Die gesamte Planung von BER (erst BBI) war eine Serie von Pannen und Fehlentscheidungen – angefangen bei der Standortwahl bis hin zur Täuschung der Anwohner über die geplanten Flugrouten. Aber mit dem ganzen Gejubel, dass die coolste Metropole des Landes, ach was, der Welt, endlich einen richtigen Großflughafen bekommen soll, wurde das immer gleich wieder vergessen.

Wobei ich sagen muss, dass mich persönlich die BER-Panne sehr viel weniger berührt als das S-Bahn-Chaos, das die Stadt im Sommer 2009 und danach immer wieder lahmgelegt hat. Ob nun die Touris und Business-Leute in Tegel oder Schönefeld landen und abfliegen – tja, das interessiert höchsten die Anwohner, deren Tassen dann im Schrank klappern, wenn die Jets über ihre Häuser donnern. Aber wenn die S-Bahn nicht fährt, betrifft das doch viel mehr Menschen.

Nach einem Radbruch an einem Wagen der Baureihe 481 kam heraus, dass aufgrund von Rationalisierungsmaßnahmen seit 2004 (!!!) Wartungsarbeiten nicht mehr wie vorgeschrieben erledigt und Wartungsprotokolle systematisch gefälscht wurden. Das Eisenbahnbundesamt zog die Notbremse und entzog der S-Bahn die Betriebserlaubnis für sämtliche Züge, die nicht ordnungsgemäß kontrolliert wurden. Damit war der größte Teil der Wagenflotte stillgelegt – und die verbliebenen Techniker in den Werkstätten arbeiteten rund um die Uhr daran, einen Teilzug nach dem anderen wieder auf die Schienen zu bekommen. Bereits geschlossene Werkstätten wurden wieder in Betrieb genommen und längst eingemottete DDR-Züge reaktiviert – trotzdem wird mit einer Rückkehr zum Normalbetrieb der S-Bahn erst im Laufe des kommenden Jahres gerechnet. Das ist eine Katastrophe!

Mal sehen, wann der Betrieb in BER tatsächlich aufgenommen werden kann. Der Imageschaden für Berlin ist natürlich unbestreitbar – die Berliner sind halt arm und blöd, statt arm aber sexy – und die betroffenen Fluggesellschaften wären bescheuert, wenn sie jetzt nicht laut jammern und wehklagen würden. Aber gemessen an den ganzen Verzögerungen, die es im Berliner Nahverkehr so gibt, erscheint mir das Gewese um den geplatzten Start des Großtuer-Flughafens ziemlich übertrieben.

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Das Risiko-Gen und andere Legenden

Gene waren der große Hype der vergangen Jahrzehnte – als ich Ende der 80er, Anfang der 90er Biologie studierte, herrschte in der Genetik fröhliche Aufbruchstimmung: Im Prinzip meinte die Wissenschaft kapiert zu haben, wie Gene funktionieren, und es gab nicht nur Methoden, Gensequenzen zu analysieren, sondern auch, um welche herzustellen. Sensationell! Ja, man konnte die DNA an bestimmten Stellen zerschneiden und andere Sequenzen dort platzieren! Erstmals gelang es, durch Veränderung des Erbgutes etwa Pflanzen mit neuen Eigenschaften herzustellen. Und bald, da waren die Forscher sehr optimistisch, würde man auch am menschlichen Genom Gendefekte reparieren können. Damit würde man beispielsweise Erbkrankheiten kurieren können. Inzwischen wurde viel Zeit und Geld in die Forschung gesteckt, aber das wichtigste Ergebnis all dieser Bemühungen ist ziemlich ernüchternd: es ist nämlich längst nicht so einfach wie gedacht.

Zwar haben die fleißigen Forscher inzwischen jede Menge Gene gefunden, die mit allen möglichen Krankheiten zu tun haben – aber das heißt längst nicht, dass ein Mensch, der eine bestimmte genetische Disposition hat, tatsächlich auch krank wird. Oft kann eine Störung auch gar nicht auf einen einzelnen “Fehler” im DNA-Code, ja nicht mal auf ein einzelnes Gen zurückgeführt werden, sondern handelt es sich um ein komplexes Zusammenwirken verschiedener Gene. Das wiederum gestört wird, wenn man an einem oder mehreren Genen herumschraubt: Dann funktioniert am Ende das ganze System nicht mehr, das die betreffenden Gene regulieren. Fatal für die Patienten.

Große Hoffnungen haben Genetiker und Mediziner auch auf genomweite Assoziationsstudien (GWAS) gesetzt. Bei solchen Studien wird in den DNA-Sätzen von Erkrankten in möglichst großen Stichproben nach statistischen Auffälligkeiten gesucht. Damit sollen so genannte “Risiko-Gene” gefunden werden, etwa für einen Herzinfarkt. Zwar lassen sich mit solchen, sehr aufwendigen, Untersuchungen tatsächlich irgendwelche genetischen Risiko-Varianten finden – für eine Prognose, ob ein Mensch tatsächlich erkranken wird oder nicht, taugen sie allerdings kaum. Die Aussagekraft sämtlicher gefundener Genvarianten, die auf das Risiko einer koronalen Herzkrankheit schließen lassen, ist zusammen genommen ungefähr so groß wie das einer der klassischen Risikofaktoren – also Alter, Ernährung oder Rauchen.

Und, selbst wenn man einen Patienten aufgrund einer spezifischen Genanalyse mit hinreichender Sicherheit einer Risikogruppe zuordnen kann: Was ändert das an den Ratschlägen, die man ihm gibt, um das Risiko einer tatsächlichen Erkrankung zu minimieren?! Man wird ihm sagen, was man auch allen anderen rät: “Rauch nicht, trink nicht zu viel, beweg dich genug, werde nicht zu fett und vermeide Stress.” Das kann sich jeder an den eigenen fünf Fingern abzählen.

In diesem Zusammenhang ist auch interessant, dass eine so eben veröffentlichte Studie der IARC besagt, dass etwa ein Sechstel der Krebserkrankungen weltweit auf Infektionen zurückzuführen sein sollen. Krebs gilt gemeinhin als die Geißel unserer Zeit – was natürlich auch daran liegt, dass in unseren Breiten heutzutage viel mehr Menschen die Gelegenheit haben, überhaupt an Krebs zu erkranken, weil sie nicht mehr an bereits ausgerotteten Infektionskrankheiten sterben. Sicherlich wird aber auch die Belastung mit immer mehr Giftstoffen eine Rolle spielen, da reicht das Spektrum vom Dioxin im Bioei über Antibiotika im Fleisch bis hin zur Radioaktivität im Waldpilz. Über die Risiken und Nebenwirkungen unserer Wirtschafts- und Lebensweise wird es aber vermutlich nie eine seriöse Studie geben.

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Die Qual der Wahl – in Griechendland und anders wo

War das eine Wählerei am vergangenen Sonntag! Als ob sich damit irgendetwas ändern würde. Gut, in Griechenland haben die Leute tatsächlich schon ein bisschen anders gewählt also zuvor, aber die sind ja bisher auch am härtesten von der Krise getroffen worden. Die dortigen Volksparteien ND (18,9 Prozent) und Pasok (13,2 Prozent) wurden förmlich dezimiert, dafür legte die Koalition der Linken (SYRIZA) kräftig zu (16,8 Prozent). Diese ist der deutschen Linkspartei recht ähnlich. Die Kommunistische Partei KKE kam auf 8,5 Prozent, die Rechtspopulisten der ANEL kamen auf 10,6 Prozent und die rassistische Chrysi Avgi bekam 7 Prozent der Wählerstimmen. Damit sind sowohl radikale linke als auch radikale rechte Parteien stärker geworden – viele befürchten, dass Griechenland durch das Ergebnis dieser “Wutwahl” “unregierbar” sein werde. Entsprechend sind die Börsenkurse erstmal so richtig abgerauscht – Demokratie ist super! Aber nur, solange die Leute die richtigen Hanseln wählen. Da wird der eine oder andere Euro-Freund heimlich Wladimir Wladimirowitsch loben: Der Russe weiß, wie man effektive Demokratie macht! Die EU-Polit-Größen werden demnächst bei Putin Privatunterricht nehmen: Wie sorge ich für wirtschaftsfreundliche Stabilität, ohne mich dabei vom Volkswillen irritieren zu lassen? Oder nein, subtiler: Wie kriege ich das Volk dazu, zu wollen, was es soll?

Jetzt geht allen die Muffe, dass Griechenland beim Euro und das heißt ja vor allem bei immer noch brutaleren Sparmaßnahmen und somit bei immer neuen Verarmungsrunden nicht mehr mit machen will. Ich kann den Griechen nicht verdenken, dass sie das nicht (mehr) wollen. Gemessen daran zeigt das Wahlergebnis in Schleswig-Holstein, dass es den Deutschen auch im hohen Norden noch ziemlich gut geht – wer besteigt denn sonst ein totes Pferd, selbst wenn Kubicki auf der Satteldecke steht?! Leute, das war doch wirklich nicht nötig! Andererseits: Die Linkspartei hat sich nicht unbedingt als antibürgerliche Alternative zu den Sozen verkauft, sondern eher als Ergänzung sozialdemokratischer Politik – darauf können die Leute dankend verzichten, den Job macht ja neuerdings schon die CDU. Dann wählen die Leute doch lieber die Piraten. Die sind nämlich erst recht keine Alternative zu bereits vorhandener Politik, sondern tatsächlich deren Ergänzung – ums Virtuelle.

Tja, und Frankreich? Der bürgerliche Sarkozy ist trotz sexy Carla Bruni zugunsten des nicht weniger bürgerlichen Hollande abgewählt worden. Hier geht es auch nicht um einen Machtwechsel, sondern um Nuancen – man erinnere sich an 1998 in Deutschland. “Jetzt wird alles anders”! hatte der Spiegel getitelt, mit rot-grünem Titelblatt. Ja, es wurde anders. Aber anders als erwartet: SPD-Kanzler Gerhard Schröder drückte die Agenda 2010 durch.

Vor einiger Zeit lief auf arte der Zweiteiler “Lehrjahre der Macht“. Wer in Frankreich etwas werden will, muss eine der dortigen Kaderschmieden durchlaufen, eine der Grandes Ecoles. Die Aufnahmeverfahren für diese Elite-Unis sind hart, das Studium ebenso. Die berühmteste ist die Ecole Nationale d’Administration, kurz ENA. Zwei bis drei Jahre dauert allein der Vorbereitungskurs für die Aufnahmeprüfung. Aber wer durchkommt und Enarch wird, kann sich unter den Top-Postionen im Lande eine aussuchen. Jacques Chirac, Ségolène Royal und Dominique de Villepin, sie haben alle an der ENA studiert – und auch Francois Hollande. Nicolas Sarkozy übrigens nicht.

Aber worauf ich hinaus wollte – einer der fünf Elitestudenten, um die es in dem Film geht (zwei der anderen haben sind literarische Übersetzungen für Ségolène Royal und Francois Hollande) ist mit Ana verheiratet – eine Doktorandin der linken Reformuni Vincennes. Sie kritisiert ihren Freund, weil er ihrer Ansicht nach seine linken Ideale verrät und sie mit dem gemeinsamen Kind auch immer wieder im Stich lässt. In der Nacht, als Francois Mitterrand als erster sozialistischer Präsident der 5. französischen Republik gefeiert wird, hängt sie sich auf – während ihr Ex mit seinen Freunden von der ENA feiert. Diese Szene kam mir in den Sinn, als ich hörte, dass Hollande es geschafft hat.

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