Kapitalismus heute: Realsozialistische Parallelgesellschaften

So viel ist klar: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Jedenfalls nicht so viel. Insofern wird ein lächerlicher Existenzsicherungsbedarf für die tägliche Ernährung angesetzt – da hat sich CDU-Frontfrau von der Leyen durchaus von SPD-Universalgenie Sarrazins Speiseplan inspirieren lassen. Und gesundheitsschädliche Dinge wie Alkohol und Tabak sind für die Minimalexistenz ja nun wirklich nicht nötig.

Was aber auch klar ist: Es gibt unheimlich viele wirklich wichtige Dinge zu tun, für einfach kein Geld da ist. Jedenfalls wird es so dargestellt: Sich um Kinder kümmern, Alte und Kranke pflegen oder auch den Stadtpark, das sind alles Dinge, die getan werden müssen, für die aber keiner bezahlen will. Der Ausweg: freiwillige Bürgerarbeit. Das Problem dabei sei nur, die Leute entsprechend zu motivieren.

Ja liebe Politiker, was wollt ihr denn? Die „überflüssigen“ Leute knapp und billig halten, oder ein funktionierendes Gemeinwesen, in dem sich jeder engagiert einbringen kann, weil er sich ja keine Sorgen um seine Existenz machen muss?! Entweder gibt es weiterhin eine brummende Wirtschaft und eine sich radikalisierende Massenverarmung ODER man denkt mal darüber nach, wie man eine Gesellschaft anders, eben jenseits von Gewinnstreben und allem was daran hängt, organisieren könnte.

Solange bezahlte Arbeit für die absolute Mehrheit der Menschen in diesem Land die einzige Möglichkeit ist, sich eine halbwegs erträgliche Existenz zu sichern, ist es eine unerträgliche Heuchelei, ehrenamtliche Tätigkeiten zu einfordern. Wovon sollen die Leute denn leben? Von Hartz IV ist das ja kaum möglich. Und woher soll die Begeisterung für die Gesellschaft kommen, die einen am ausgestreckten Arm verhungern lässt, weil man – aus welchem Grund auch immer – nicht für die Profitmaximierung taugt?

Klar gibt es eine Reihe von Menschen, die gut versorgt sind, ohne etwas dafür tun zu müssen. Die könnten natürlich auch freiwillig was tun. Manche tun das auch, insbesondere, wenn sie schon reichlich vom herrschenden System profitiert und jede Menge Geld verdient haben, das sie ohnehin niemals ausgeben können. Das ist aber gar nicht gemeint.

Gemeint ist, dass man die Leute, die nicht in der Lage sind, einen vernünftig bezahlten Job zu finden (oder wenigstens einen Partner mit einem solchen Job), weil es eben nicht so viele vernünftig bezahlte Jobs gibt, gezwungen werden, einen schlecht bezahlten Vollzeitjob zu machen. Eine 30-Stunden-Woche für 900 Euro brutto ist definitiv kein vernünftig bezahlter Job. Sondern eine Art „Zwangsehrenamt mit Aufwandsentschädigung“.

Interessant: Gerade die Konservativen und die Liberalen installieren eine Art realsozialistischer Parallel-Gesellschaft, in der es kaum noch Freiheiten gibt, sondern jede Menge Zwang: Den Leuten wird eine Arbeit zugewiesen, die sie zu verrichten haben. Sie können sich nicht aussuchen, wo und wie sie leben möchten, weil Wohnungsgrößen und -kosten vorgegeben werden. Und von ihrem geringen Lohn müssen sie dann auch noch höhere Mieten, höhere Gesundheitskosten usw. bestreiten, so dass sie im Grunde überhaupt nichts mehr haben, worüber sich „frei verfügen“ ließe, es sei denn das abendliche Fernsehprogramm, in dem es – ebenfalls dank einer schwarz-gelben Regierung – ein paar Sender mehr gibt. Ein gar nicht geringer Teil der Menschen in diesem Lande lebt praktisch unter realsozialistischen Bedingungen: Ohne Geld nützt es nichts, dass man theoretisch um die ganze Welt reisen könnte. Ohne Geld wird ein Studium zum finanziellen Risiko, selbst wenn man ein passables Abitur hingelegt hat. Und was nützt es, dass man seine Meinung äußern darf, wenn doch klar ist, dass diese völlig irrelevant ist, für das, was tatsächlich geschieht?

Beispiel Atomkraft. Auch wenn die meisten Menschen in diesem Land keine Atomkraftwerke mehr wollen und sich wieder welche auf die Schienen legen werden, wenn der Castor kommt – die Giftschleudern werden weiter laufen.
Und wo man auch sonst hinschaut, Bildungsausgaben, Gesundheitssystem, Militärisches Engagement: Auch wenn eine Mehrheit der Bevölkerung sagt, dass sie lieber neue Unis oder kostenlose Arztbesuche für alle statt neuer Kampfjets will – wofür wird das Geld wohl ausgegeben?

Dazu kommt allerdings noch, dass man auf die Annehmlichkeiten des früheren DDR-Realsozialismus verzichten muss – etwa einen sicheren Job, kostenlose Bildungsangebote, ein breites, allen zugängliches Kulturprogramm und die Sicherheit, auch im Alter versorgt zu sein.

Soviel zur Demokratie und zur Freiheit in unserem System. Gleichheit wird schon gar nicht gefordert, es sei denn „Chancengleichheit“, die schon impliziert, dass es Gewinner und Verlierer geben muss. Es wird ja gern so getan, als könne man entweder Freiheit oder Gleichheit haben. In Wahrheit haben wir beides nicht.

Advertisements

Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Politisches abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Kapitalismus heute: Realsozialistische Parallelgesellschaften

  1. kucaf schreibt:

    Kluge Gedanken, nur sind sie selbst in den Verhältnissen gefangen, drehen sich im Kreis, stellen fest, konstatieren, folgern … aber schlussfolgern? Und ist es verwunderlich, wenn Kapitalismus sich als Kapitalismus entpuppt, dabei wird aus dieser hässlichen Raupe nie ein Schmetterling!
    Und auch jeder Mensch wird gebraucht, in dieser Gesellschaft ist es eigentlich nur die Frage, ob er sich auch auf die gebrauchte Funktion beschränken lässt!?

  2. modesty schreibt:

    Natürlich wäre es schön, wenn man sich nicht nur auf die geforderte Funktion beschränken lassen müsste – aber eine andere interessiert in dieser Gesellschaft nicht. Genau das ist es ja, was die Verhältnisse so hässlich macht.

    • kucaf schreibt:

      Muss man dass, sich auf die geforderte Funktion beschränken lassen? Vielleicht, nur bedeutet das noch lange nicht, dass man sich selbst darauf beschränken muss! Liegt es nicht auch an einem jeden selbst, in wie weit er es vermag sich der Vereinzelung der zugewiesenen Funktion zu entziehen? Immerhin wird hier von Parallelgesellschaft geschrieben, was zwar so nicht stimmt, da es sich nur um eine Erscheinungsform innerhalb einer Gesellschaftsformation handelt, und eine Gesellschaft immer aus mehreren Menschen besteht! Somit macht die Vielheit die Gesellschaft und nicht die Einfallt und wen diese noch durch Einheit der Betroffenen ergänzt wird, ja dann …!
      In diesem Zusammenhang zitiere ich gern F. Engels: „Alles, was die Menschen in Bewegung setzt, muss durch ihren Kopf hindurch; aber welche Gestalt es in diesem Kopf annimmt, hängt sehr von den Umständen ab.“
      Gruß

      • modesty schreibt:

        In meinem Artikel kritisiere ich doch genau diese Einschränkung der Möglichkeiten für den Einzelnen – vor allem, wenn er nicht in der Lage ist, aus eigener Kraft seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Wie will man sich denn seiner Funktion entziehen, wenn einem die Möglichkeiten dazu genommen werden? Und wie sollte eine Verweigerung denn konkret aussehen? Morgens in den Spiegel sehen und beschließen dass man auf Hartz-IV und die Behörden-Willkür scheißt? Oder beschließen, den Job, mit dem man seinen Lebensunterhalt verdienen muss, an den Nagel zu hängen, weil man sich nicht mehr für dieses System ausnutzen lassen will? Ich halte es ehrlich gesagt für verfehlte Anarcho-Romantik, zu glauben, dass man sich verweigern und aussteigen könnte – da schwingt eine ziemlich bourgeoise Freiheitsvorstellung mit. Natürlich kann ich mit dem Kopf auch anders, ein Ergebnis davon ist ja dieser Blog. Aber im konkreten Leben?!

  3. Pingback: Was so bewegt! » Blog Archive » Mein Kommentar wartet auf Freischaltung!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s