Ochs und Esel – Gedanken zum 3. Oktober

Aus aktuellem Anlass noch ein Bild, wobei das leider gar nicht witzig ist. Aber Wahrheiten sind mitunter schwer zu ertragen. Der sinnreich ergänzte Aufkleber klebt übrigens auf einer Treppenhaus-Tür in dem frisch sanierten Plattenbau gegenüber dem ND-Gebäude am Franz-Mehring-Platz in Berlin.

sinnreich ergänzter Aufkleber

Nein, ich bin nun wirklich kein Ostalgiker. Am real existierendem Sozialismus in der DDR gab es jede Menge zu kritisieren. Aber es war zumindest ein Versuch, eine Gesellschaft aufzubauen, in der es nicht um Besitz und Geld gehen sollte. Wenn auch ein miserabler. Denn die knechtende Unterordnung der Individuen, die ja durch den Sozialismus überwunden werden sollte, wurde statt dessen perfektioniert. Nur waren es jetzt nicht mehr die Junker und Kapitalisten, denen man sich unterordnen musste, sondern ein Staatsapparat, der seine Schäfchen dermaßen gängelte, dass sie einfach keine Lust mehr hatten, ihn zu ertragen. Statt dessen drängte es die Leute in das Reich vermeintlichen Wohllebens, in den goldenen Westen.

Zu schade, dass die paranoiden Betonköpfe, die in der DDR das Sagen hatten, ihrem Sozialismus und ihren Menschen so wenig vertraut haben, dass sie nicht zugelassen haben, dass die Leute Vor- und Nachteile der verschiedenen Systeme einfach mal selbst anschauen können. Die meisten hätten nach ein paar Wochen in kapitalistischer Freiheit schnell kapiert, dass einem die Farbfernseher nicht von allein durchs Fenster geflattert kommen bloß weil draußen der Markt herrscht.

Statt dessen haben die SED-Spitzen in ihrer irrationalen Harmoniesucht schlicht geleugnet, dass ihr „Sozialismus in den Farben der DDR“ nicht so funktionieren wollte, wie sie sich das vorgestellt hatten. Anstatt wissenschaftlich zu analysieren, wo Fehler gemacht werden, haben sie sich drauf verlassen dass „den Sozialismus in seinem Lauf weder Ochs noch Esel auf“-halten könnte. Das war freundlich formuliert ziemlich unwissenschaftlich. Statt sich ehrlich mit der tatsächlichen Situation und offensichtlich vorhandenen Widersprüchen auseinanderzusetzen, herrschte ein Wunschdenken vom quasi sich selbst perfektionierendem System, das sich schon irgendwie einstellen würde, wenn man die Leute nur ordentlich sozialistisch erzöge. Daher war es für die DDR-Oberen auch so schwer zu ertragen, dass die Zustimmung zu ihrer doch so menschenfreundlich gedachten Politik bei jedem Bestätigungsritual nicht bei exakt 100 Prozent lag und erst mit allen möglichen Tricks in Richtung der totalen Zustimmung frisiert werden musste.

Letztlich haben sie dazu beigetragen, dass der Kapitalismus nun als das überlegene System da steht. Und den Leute nur schreckliche Dinge wie Stasi, Schießbefehl, Mangelversorgung und Denkverbote einfallen, wenn sie „Kommunismus“ oder „Sozialismus“ hören. Und es tatsächlich für Freiheit halten, sich jeden Tag in der Konkurrenz durchsetzen zu müssen. Freiheit nutzt einem nur, wenn man nicht für Geld arbeiten muss, um zu überleben.

Das mit dem Wunschdenken hat sich aber überhaupt nicht erledigt. Heute herrscht der Glaube an die überirdische Macht des Marktes und der Notwendigkeit von Konkurrenz. Das ist zwar weniger menschenfreundlich als der Sozialismus, soll aber viel effektiver dafür sorgen, dass alle Bedürfnisse der Menschheit gestillt werden. Zwar häufen sich die Beweise, dass dem keineswegs so ist, aber auch hier gibt es keine ehrliche Analyse. Wenn, was doch recht häufig vorkommt, mal eine Blase (Internetblase, Immobilienblase, faule Kreditblase) platzt und der Markt nicht mehr funktioniert, so dass von anderer Stelle unglaublich viel Geld reingepumpt werden muss, damit es irgendwie weiter geht, wird das durchaus folgerichtig mit einem „Marktversagen“ erklärt. Was aber keineswegs zu dem Schluss führt, dass der Markt als Instrument dann wohl nicht tauglich wäre. Im Gegenteil, man müsse noch mehr Markt zulassen, damit er besser funktionieren kann. Da reiben sich Ochs und Esel verwundert die Augen.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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