Was ist so toll daran, dass Bürger protestieren?

Da jetzt alle darüber ventilieren, wie schrecklich es sei, dass die Bürger bei Stuttgart 21 nichts mehr zu entscheiden hätten, wo sie doch endlich mal den Hintern hoch kriegen und was entscheiden wollen, will ich mir dazu doch noch ein paar Gedanken machen. Allerdings nicht über den unterirdischen Bahnhof, sondern darüber, was denn daran so toll sein soll, dass Bürger aufstehen und mit ihrer bürgerlichen Auffassung auf die Straße gehen. Am Ende auch noch mit Oberbürger Arnulf Baring vorweg, der fürs Bürgertum schon mal die eine oder andere verbale Barrikade erklimmt.

Normalerweise sind die braven Bürger eben die, die mit den Fingern auf andere, weniger bürgerliche Mitbewohner dieses Landes zeigen, wenn diese auf die Straße gehen – oder auch nur dort rumhängen. Es muss also schon allerhand passieren, damit die auf Ruhe und Ordnung versessenen Bürger in Fahrt kommen. Was das aber jeweils ist, kann ich nicht unbedingt als zivilisatorischen Fortschritt empfinden – im Gegenteil, die Bürger gehen in der Regel auf die Barrikaden, wenn man ihnen überholte Privilegien nehmen will, zum Beispiel unser gutes, an der alten Ständeordnung angelegtes Schulsystem.

In Hamburg beispielsweise haben die Bürger per Volksentscheid die Einführung einer Grundschule, in der alle Kinder länger gemeinsam lernen, abgeschmettert. Die guten Hamburger Bürger wollen nicht, dass alle Kinder bessere Chancen bekommen, in diesem Bildungssystem erfolgreich zu sein. Sie wollen lieber, dass ihre Kinder weiterhin auf die besseren Schulen gehen können, in denen die Kinder weniger (ein)gebildeter Schichten den Bürgernachwuchs nicht vom mit Nachhilfe-Unterricht erkauften Lernerfolg abhalten. Denn wie immer wieder bewiesen wird, hängt der Schulerfolg des Nachwuchses in erster Linie mit dem Geldbeutel und ja, schon auch irgendwie ein bisschen mit der Bildung der Eltern zusammen. Und weniger mit der individuellen Begabung der Kinder selbst.

Und die Verdrossenheit ist groß, wenn Steuern erhöht werden oder die Zersiedelungsprämie (also die Geldgeschenke beim Bau Eigenheims) gesenkt wird. Und es finden sich auch immer Bürger, die gegen den Bau eines Mastviehbetriebs oder eines Asylantenheims protestieren und für die Einrichtung einer Tempo-30-Zone vor der Schule, solange sie vorm Schultor halten können, um ihre Kinder dort rauszulassen.

Alles in allem fällt am Bürgerprotest die Kurzsichtigkeit auf und die Ignoranz gegenüber größeren Zusammenhängen. Nehmt dem Bürger etwas weg, das er sieht – einen ollen Bahnhof, ein paar alte Bäume, das Gymnasium, und er geht auf die Straße. Versucht einem Bürger zu erklären, das der olle Bahnhof, der Baum, humanistische Bildung für ein paar Auserwählte, doch nicht alles sein kann, sondern er bitte schön mal über die Perversität des privaten Autoverkehrs, die Zerstörung der Umwelt durch die herrschende Wirtschaftsweise oder Unmenschlichkeit der Lebensbedingungen nachdenken soll, wenn man gezwungen ist, einen Job unterhalb des Existenzminimums zu machen. Oder warum man überhaupt für andere arbeiten muss, um sich selbst zu ernähren.

Dann ist es ganz schnell vorbei mit dem Protest.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Was ist so toll daran, dass Bürger protestieren?

  1. A. K. schreibt:

    Im Prinzip hast Du recht. In Bezug auf Stuttgart 21 habe ich aber schon das Gefühl, daß relativ viele erkannt haben, daß es da nicht nur um Bäume und Bahnhof geht, sondern um den Ausverkauf der Städte, also um Immobilienspekulation, Milliarden-Geschäfte und Filz. Deshalb freue ich mich auch über die Demonstranten, gerade auch, wenn sie aus dem bürgerlichen Milieu kommen.

    Herzlichen Glückwunsch übrigens zum neuen Blog. 🙂 (Auch wenn es von wordpress.com ist und deshalb Besucherdaten u. a. an quantserve weiterleitet.)

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