FPD-Brüderle fordert kräftige Lohnerhöhung – was ist falsch damit?

Wirtschaftsminister Rainer Brüderle hat deutlich höhere Löhne in Deutschland angeregt. „Wenn die Wirtschaft boomt, sind auch kräftige Lohnerhöhungen möglich“, sagte der FDP-Politiker dem Hamburger Abendblatt. Huch? War Herr Brüderle nicht in der FDP? Der Unternehmer- und Arbeitgeber-Partei? Die sonst einen Faible für flexible Niedriglöhne hat und die Einführung eines Mindestlohnes so erbittert bekämpft wie jede andere Form „kommunistischer“ Bevormundung?

Wobei, die Partei der Besserverdiener war schon immer für höhere Einkommen bei den Besserverdienern. Bekanntlich sollen beispielsweise die Ärzte im nächsten Jahr endlich wieder besser verdienen, dafür hat FDP-Oberarzt Philipp Rösler schon gesorgt.

Gut, vielleicht hat Herr Brüderle zufällig Frontal 21 gesehen. Normalerweise sehe ich das auch nicht, aber gelegentlich gibt es auch im schwarzen Kanal interessante Beiträge. Dort ging es in der letzten Sendung unter anderem um die Zunahme sogenannter Billigjobs und die Auswirkungen dieser miserabel bezahlten Arbeit auf die Sozialkassen „Wir sind zu einem für uns erschütternden Ergebnis gekommen“, sagte Professor Gerhard Bosch vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Universität Duisburg-Essen. „Wir haben in Deutschland den stärksten Anstieg von Niedriglohnbeschäftigung in Europa in den letzten Jahren.“ Dabei sei es eine deutsche Besonderheit, dass vor allem die ganz niedrigen Löhne, also unter fünf oder sechs Euro, stark zugenommen hätten. „Solche Löhne“, so Bosch, „dürfen ja in Frankreich und England überhaupt nicht bezahlt werden, weil es dort Mindestlöhne gibt.“ Aber auch wenn man einen Mindestlohn von 7,50 Euro pro Stunde annimmt, der in SPD-Kreisen propagiert wird, sind die Aussichten für die Betroffenen düster. Ein Rechenbeispiel Waltermanns: „Wenn Sie 7,50 Euro in einem Arbeitsverhältnis verdienen und eine 40-Stunden-Arbeitswoche haben, und dann auch noch, was ja kaum jemals gelingt, 45 Versicherungsjahre zusammenbekommen ohne Unterbrechung, dann haben Sie am Ende einen Rentenanspruch nach heutigen Bedingungen von 620 Euro.“ Zum Vergleich: Die Grundsicherung liegt derzeit bei 676 Euro. Die angesparten Rentenansprüche wären also selbst bei einem Mindestlohn von 7,50 Euro immer noch geringer als das, was man über Hartz IV im Alter bekäme.
 
Professor Bosch schlägt deshalb einen Stundenlohn von mindestens 9,47 Euro vor. Es sei entwürdigend, nach einem harten Arbeitsleben am Ende zum Sozialamt gehen zu müssen und nicht selber für sein eigenes Leben sorgen zu können, so der Arbeitsmarktforscher gegenüber Frontal21. Wie der Professor auf diese kruckelige Zahl kommt, wird leider nicht verraten. Vermutlich war er selbst ein bisschen erschrocken darüber, dass ein Mindestlohn bei 10 Euro pro Stunde liegen müsste, und hat noch ein bisschen herumgerechnet, damit es nicht ganz so schlimm aussieht. Fakt ist aber, dass die Leute nichts kaufen können, wenn sie kein Geld haben. Sie können auch keine Versicherungen abschließen und in die Sozialkassen einzahlen. Wenn man schon der Meinung ist, dass man das alles braucht, um eine Wirtschaft am Laufen zu halten, dann muss man auch Geschäftsmodelle finden, die funktionieren, wenn man den Leuten existenzsichernde Löhne zahlt. Offenbar sickert diese Erkenntnis langsam auch in FDP-Köpfe ein.

Nun könnte man sich natürlich auch prinzipiell Gedanken darüber machen, warum es überhaupt nötig ist, dass man die Leute zwingt, für ihren Lebensunterhalt arbeiten zu müssen – auf welchem Niveau auch immer.

Brüderle zumindest träumt ja sogar wieder von einer Vollbeschäftigung, die „mit seriöser Politik in den nächsten Jahren“ erreichbar sein soll. Und auch die Legende vom Fachkräftemangel lässt er wieder aufleben, denn um diesen zu beheben, „brauchen wir gesteuerte Zuwanderung nach unseren Interessen.“ Und nicht nur das: „Wir müssen auch Ältere dafür gewinnen, länger auf dem Arbeitsmarkt zu bleiben, und Jugendliche besser qualifizieren.“ Ich frage mich nach wie vor, was für Fachkräfte die Unternehmen denn gern hätten, dass daran ein solcher Mangel herrscht. Offenbar wirken sich die geburtenschwachen Jahrgänge, die jetzt aus der Schule kommen, dahin gehend aus, dass die Unternehmen nicht mehr jede Menge eifriger Abiturienten haben, mit denen man auch den blödesten Job noch besetzen kann, sondern jetzt halt blödere Leute auf die blöderen Jobs setzen müssen, denen man am Ende auch noch beibringen muss, was sie denn zu tun haben.

Und dann zeigte sich Brüderle doch wieder als FDP-Betonkopf: Steuererleichterungen seien auch wichtig, um abgewanderte Fachkräfte und Forscher nach Deutschland zurückzuholen. „Wenn man sie fragt, warum sie das Land verlassen haben, sagen sie: Es gibt zu viel Bürokratie, und es bleibt zu wenig Netto vom Brutto.“ Jaja, die Haushaltskonsolidierung sei irgendwie auch wichtig. Aber die wird man ja wohl auch hinkriegen, wenn man „die Leistungsträger in der Mitte“ entlastet und das Steuersystem vereinfacht.

Warum geht die FDP nicht mal einen entschlossenen Schritt und schafft das Steuersystem ab? Und das Gesundheitssystem und diesen ganzen Sozialversicherungskram auch gleich mit. Dann sind wir auch diese leidige Diskussion um „Lohnnebenkosten“ endlich los. Ist doch klar, dass es am Ende nicht die Unternehmer sind, die dafür schuften müssen, sondern diejenigen, die sie dafür angestellt haben. Am besten gar keine Löhne mehr zahlen, dann sind wir diese blöde Mindestlohn-Diskussion auch los. Das ganze Geld überhaupt abschaffen! Dann erledigen sich auch die Super-Boni der Manager und sämtliche Bankenkrisen ganz von selbst. Neue Ideen sind gefragt! Querdenker, wo seid ihr?

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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2 Antworten zu FPD-Brüderle fordert kräftige Lohnerhöhung – was ist falsch damit?

  1. Argentina Imprus schreibt:

    Deutschland Ihre Unternehmen und ihr Fachkräftemagel! Wenn Unternehmen begünstigt durch die Politik weiter daran arbeiten den Leiharbeiterpool auszuweiten, so dass ausgebildete Fachkräfte nur einen halbwegs gesicherten Lebensstandart durch HarzIV führen können, dann braucht es doch heute keine Verwunderung das gut ausgebildetes Personal ins Ausland abwandert statt in Deutschland für 6 Euro die Std. plus für Hartz zu arbeiten. Ohnehin ist für viele Ausländer Deutschland kein attraktives Land, sehr wohl aber für Interessenten mit viel Kapital, welche für Dumpinglöhne Produzieren wollen.

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