Keine Lust auf Sex oder erfundene Krankheiten

So wie es bekanntlich kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Bekleidung gibt, gibt es auch keinen gesunden Menschen, sondern nur solche, die nicht gründlich genug untersucht wurden. Manchmal werden kurzerhand auch Krankheiten erfunden, insbesondere, wenn ein Pharmakonzern lange an einem neuen Medikament geforscht hat, das sich dann für seinen erhofftes Einsatzgebiet als untauglich erweist.

Prominentestes Beispiel ist die Potenzpille Viagra, die eigentlich mal den Blutdruck bei Herzpatienten senken sollte. Statt dessen erhöht die blaue Pille nun den Blutdruck an anderer Stelle ganz erheblich, vor allem bei Männern. Jedenfalls ist Viagra ist ein echter Renner geworden und hat nicht nur seine Entwicklungskosten locker wieder eingespielt, sondern beschert dem Pharmakonzern Pfizer fette Gewinne.

Ähnliches erhoffte sich Pfizer-Konkurrent Boehringer Ingelheim von BIMT-17, genannt Flibanserin. Flibanserin sollte ursprünglich ein Antidepressivum werden, erwies sich aber auf diesem Gebiet nicht als erfolgreich. In den Studien fiel aber auf, dass der Wirkstoff die sexuelle Lust bei Frauen steigern kann. Bei Männern wirkt Flibanserin dagegen gar nicht. Als neues Einsatzgebiet wurde nun etwas definiert, das sich „Hypoactive Sexual Desire Disorder“ (HSDD) nennt, also ein geringes Verlangen nach Sex. Fortan sollte BIMT-17 die „Krankheit“ HSDD unter dem Marktnamen Girosa „heilen“.

Flibanserin beeinflusst die Freisetzung von Neurotransmittern im Gehirn, ist also gar nicht so ohne. Es wirkt nur, wenn es über einen längeren Zeitraum eingenommen wird, mal schnell vor der Party eine Pille einwerfen und loslegen ist also nicht. Nebenbei wirkt Flibanserin sedierend, macht also müde und ruft häufig Schwindel und Übelkeit hervor. Diese Nebenwirkungen verstärken sich bei gleichzeitiger Einnahme der Antibabypille und von Alkohol. Ziemlich ungünstig für ein Präparat, das Appetit auf Sex machen soll. Da stellt sich prinzipiell die Frage, warum frau sich eine solche Gehirnwäsche überhaupt antun sollte.

Nun geht gerade die Meldung um, dass Boehringer Ingelsheim schweren Herzens beschlossen habe, die Entwicklung der „Lustpille für die Frau“ zu stoppen. Angesichts des fortgeschrittenen Entwicklungsstadiums sei diese Entscheidung nicht leicht gefallen. Aber die US-Gesundheitsbehörde FDA hatte Zweifel am Nutzen des „Medikaments“ und Bedenken über mögliche Nebenwirkungen. Das klingt so unerwartet vernünftig, dass mir spontan dieser Gedanke durchs Hirn blitzt: Na klar, die Amis wieder. Die brauchen in ihrer bigotten Prüderie auch keine Frauen, die Lust auf Sex haben. Wenn die Kerle ihr Viagra einwerfen geht das völlig in Ordnung, ob die Frau dann auch noch Lust hat, ist eigentlich nebensächlich.

Jetzt wieder ganz im Ernst: Ich finde es überhaupt nicht in Ordnung, wenn aus jedem Zustand, der irgendwie nicht der Norm entspricht, eine Krankheit gemacht wird. Durch den Boom der Gentechnologie wurde auch die Vorstellung befeuert, dass man jetzt alles am Menschen reparieren könne. Und was wurde da nicht alles entdeckt: Gene für kriminelles Verhalten, Gene für Suchtanfälligkeit, Gene für Krebs, Übergewicht und so weiter. Und wo man kein Gen findet, da findet man irgendwelche hormonellen Störungen. Die Menschen sind nicht lustlos und unglücklich, weil das Leben beschissen ist, sondern weil ihnen die richtige Pille fehlt. Auf diese Weise kann man die Beschissenheit der Welt auch wieder als Geschäftsmodell nutzen. Auch wenn es mit Flibanserin jetzt nicht geklappt hat: die nächste Lust- oder Glückspille kommt bestimmt.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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