Meine Gehirnaktivität und Ich

Es ist ja kaum zu fassen, was moderne Forschung so alles an Licht bringt!

Der Hirnforscher John-Dylan Haynes hat Leute in den Kernspintomatografen gelegt und herausgefunden, dass nicht das Ich denkt, sondern das Gehirn! Das ist eine wirklich bahnbrechende Erkenntnis – nur stellt sich mir die Frage, womit man denn sonst denken soll, wenn nicht mit dem Gehirn. Dass manche Leute mit dem Hintern zu denken scheinen, weil deren Gedanken das nahelegen, sei einmal dahin gestellt.

Und wie hat er das herausgefunden? Mit der unglaublich komplexen Aufgabe, entweder die linke oder die rechte Taste einer Computermaus zu drücken. Während die Versuchspersonen im Hirnscanner lagen, wurden ihnen Buchstaben gezeigt und sie konnten spontan entscheiden, ob sie jeweils die rechte oder die linke Taste drücken wollten. Danach wurden sie gefragt, bei welchem Buchstaben sie sich für welche Taste entschieden hatten. Die Sensation ist, dass Haynes und seine Mitarbeiter anhand der Durchblutungsmuster schon einige Sekunden vorher sehen konnten, ob sich die Versuchsperson für rechts oder links entscheiden würde.

Daraus leiten die Forscher nun ab, dass die Entscheidung für die rechte oder linke Taste eben gar nicht „frei“ oder „freiwillig“ getroffen wurde, sondern schon vorher vom Gehirn bestimmt wurde – eben weil die Hirnaktivität, die für die jeweilige Entscheidung charakteristisch sei, einige Sekunden zuvor statt gefunden hatte.

Wie kommt nun das Gehirn dazu, einfach etwas zu entscheiden, bevor das Ich weiß, was es will?

Diese Frage bleibt bislang unbeantwortet. Allerdings wirft diese Erkenntnis die Vorstellung über den Haufen, dass das bewusste Ich sich des Gehirns als Instrument bedienen würde, um seinen bereits irgendwie vorhandenen Willen auszudenken. Das gefällt mir wiederum ganz gut: Der Körper ist eben nicht nur ein Werkzeug, sondern genauso Bestandteil der menschlichen Existenz wie das Ich, wie frei oder unfrei man das auch immer definieren will.

Das Ich sitzt offenbar viel tiefer im Gehirn als angenommen und schwebt nicht wie eine Wolke über allem. Ich fühle mich überhaupt nicht von meinem Gehirn gegängelt, wenn es mir nach sekundenlangen Denkprozessen einen Gedanken liefert, den ich offenbar denken wollte. Im Gegenteil, so soll es doch sein.

Schade wäre natürlich, wenn sich jetzt noch mehr Menschen vom Denken abhalten lassen würden, nur weil sie befürchten, dass andere ihre Gedanken vielleicht schon zensieren könnten, bevor sie selbst wissen, was sie eigentlich gedacht haben. Soweit ist es auch längst nicht, das sagt Haynes selbst. Gedanken lesen könne man nicht, aber mentale Zustände messen. Also: Gehirn anwerfen und denken, was das Zeug hält – da weiß auch der beste Scanner nicht mehr, wo rechts und links ist.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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