Nobelpreis für aktivierende Arbeitsmarkt-Politik

Als der Dynamit-Erfinder Alfred Nobel im Jahre 1896 mit seinem Testament den Nobel-Preis stiftete, bedachte er nur die Disziplinen Physik, Chemie und Medizin, sowie die Literatur und das Engagement für den Frieden mit einem jährlich zu vergebenden Preis.

Die Wirtschaftswissenschaften befand der Chemiker und Industrielle Nobel Zeit als nicht preiswürdig – er wird schon gewusst haben warum. Er selbst hatte als erfolgreicher Geschäftsmann gewiss eine Menge Ahnung vom Wirtschaften. Wirtschaftswissenschaftler aber sollen ihm suspekt gewesen sein. Trotzdem richtete die schwedische Reichsbank später auch einen Preis für Wirtschaftswissenschaften ein, der 1969 zum ersten Mal vergeben wurde.

In diesem Jahr werden die Wirtschaftswissenschaftler Peter Diamond (70) und Dale Mortensen (71) sowie Christopher Pissarides (62) mit dem Nobel-Preis bedacht. Sie haben sich mit einem Phänomen beschäftigt, dass es gemäß der ökonomischen Standardtheorie eigentlich nicht geben kann: So genannte „Such-Märkte“. Ein solcher besteht beispielsweise, wenn es gleichzeitig Arbeitssuchende und freie Stellen gibt. Im Idealmarkt der neoklassischen Lehre geht das eigentlich gar nicht, denn dort würde jeder Bewerber sofort die zu ihm passende Stelle bzw. jedes Unternehmen den passenden Bewerber finden. Und das natürlich auch zum optimalen Preis für alle Teilnehmer, denn der regelt bekanntlich alles.

In der Realität sieht das jedoch ganz anders aus. Denn es ist nun einmal nicht so, dass alle Marktteilnehmer über sämtliche Informationen verfügen und diese ohne Zeitaufwand und ohne Kosten verarbeiten können. Daher kommt es eben zu jenen Such-Märkten, auf denen sich Interessenten und Anbietende häufig verpassen. Es entstehen Kosten und Reibungsverluste. Und wenn sich Interessent und Anbieter treffen, werden sie sich nicht unbedingt einig. Das wird in der Theorie gern „unvollkommener Markt“ genannt, ist aber genau das, was in der Praxis ständig statt findet.

Auf den Arbeitsmarkt bezogen führt das dazu, dass offene Stellen trotz zahlreicher Jobsuchender unbesetzt bleiben. Und interessanterweise bleiben sie in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit tendenziell sogar länger unbesetzt – das lässt sich mit dem angeblich rationalen Verhalten von Marktteilnehmern nun gar nicht mehr erklären.

Das Diamond-Mortensen-Pissarides-Modell nun soll inzwischen zu den am häufigsten verwendeten Modellen bei der Analyse der Zusammenhänge zwischen Arbeitslosigkeit, Lohnbildung und offenen Stellen gehören. Es zeigt, dass auch geringe Suchkosten das Marktergebnis drastisch beeinflussen können. Es zeigt aber noch etwas ganz anderes, was den Anhängern einer „aktivierenden Arbeitsmarktpolitik“ bestimmt besonders gut gefällt: Beim DMP-Modell hängt die Dauer der Arbeitslosigkeit auch davon ab, wie intensiv sich der Arbeitslose um eine neue Stelle bemüht. Und je geringer die Arbeitslosenunterstützung ist, desto intensiver bemüht sich der Arbeitslose bei Job-Suche. Wenn das Arbeitslosengeld zu hoch ist, zieht sich somit auch die Arbeitslosigkeit in die Länge.

Laut Diamond, Mortensen und Pissarides kann also eine hohe Arbeitslosenhilfe die Arbeitslosigkeit erhöhen – und zwar nicht nur für den einzelnen Arbeitslosen, der dank der sozialen Hängematte halt nicht so intensiv nach einem neuen Job sucht, sondern ganz allgemein: Der Arbeitsmarkt ist im DMP-Modell kein Null-Summen-Spiel, bei dem ein Arbeitsloser seine Chancen auf eine neue Stelle durch intensive Bemühungen erhöht und damit gleichzeitig die Chancen der anderen vermindert. Im Gegenteil: Die intensivere Job-Suche des Einzelnen komme allen zu Gute. Denn je schneller die Unternehmen freie Stellen besetzen können, umso eher würden sie diese Stellen tatsächlich anbieten, weil sie leichter einen passenden Bewerber finden.

„Die Modelle der Preisträger helfen uns zu verstehen, wie Arbeitslosigkeit, freie Stellen und Löhne von Regulierung und Wirtschaftspolitik beeinflusst werden“, hieß es in einer Mitteilung der schwedischen Akademie der Wissenschaften. Das ist doch wunderbar. Die Regierungen, die sich ständig mit unvollkommenen Märkten und teuren Arbeitslosen rumschlagen müssen, werden sicherlich auch noch was locker machen, um das Preisgeld ein bisschen aufzustocken. Vielleicht kriegen Diamond, Mortensen und Pissarides dann auch noch raus, wie intensiv man die Arbeitslosen knechten, äh-ntschuldigung, aktivieren muss, damit sie alle einen Job finden.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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