Arbeitskosten und Publicity: Was ist ein Bergmann wert?

Die Rettung der chilenischen Minenarbeiter, die 69 Tage in mehr als 600 Metern Tiefe gefangen waren, lieferte den Grundstoff für ein gigantisches Medienereignis. Bis zu einer Milliarde Menschen verfolgten die Bilder der Rettung von der Einrichtung der Spezialbohrer bis zum Glückstaumel in der chilenischen Wüste im Fernsehen. Die ganze Welt vereint im gemeinsamen Daumendrücken.

Immerhin, die professionelle Planung und schnelle Umsetzung der Bergung überraschte selbst Fachleute. Hieß es vor wenigen Wochen noch, die Kumpel müssten wahrscheinlich bis Weihnachten unter der Erde ausharren, geht nun der 13. Oktober als der Termin für das Wunder von San José in die Geschichte ein. Die Rettung der 33 Bergleute soll zwischen 7 und 15 Millionen Euro gekostet haben.

Im Zentrum des Rummels suhlt sich der Milliardär und Unternehmer Sebastián Piñera, der bislang nicht als Arbeiterfreund aufgefallen ist. Er steht seit März dieses Jahres an der Spitze des Andenstaates. Immerhin: Präsident Piñera hat dafür gesorgt, dass Chile endlich weltweite Aufmerksamkeit im positiven Sinne bekommen hat – allzu lange sind einem zu diesem Land in erster Linie General Pinochet und Diktatur eingefallen.

Andererseits sollte man nicht vergessen, dass es trotz des glücklichen Ausgangs des Minendramas dieselbe Regierung war, die den Betrieb in dieser Mine erlaubt hat – trotz der lange bekannten Missstände. Die Unglücksmine hatte bereits eine Reihe von Katastrophen hinter sich, bevor es zu dem Unglück am 5. August kam: Bei einem Dammbruch 1992 wurde ein Fluss durch die Abwässer der Mine vergiftet, 2006 starb ein Lastwagenfahrer, 2007 begrub eine Wand einen Minenarbeiter unter sich. Nach diesem Umglück wurde die Mine amtlich geschlossen.

Es stellt sich die Frage, warum die als unsicher bekannte Mine San José den Betrieb wieder aufnehmen durfte, ohne dass die Firmenleitung die von den Behörden verlangten Leitern in die Lüftungsschächte eingebaut hatte. Diese nicht allzu aufwendige Sicherheitsvorkehrung war eigentlich Bedingung für die Betriebsgenehmigung gewesen. Den eingeschlossenen Bergleuten wurden die fehlenden Leitern zum Verhängnis. Nach einem weiteren Unfall am 3. Juli dieses Jahres, bei dem ein Bergmann sein Bein verlor, war die Mine erneut geschlossen worden. Und am 28. Juli ging sie wieder in Betrieb – ohne dass die verlangten Sicherheitsauflagen erfüllt worden wären. Eine Woche später geschah das Unglück, das die Mine nun in aller Welt bekannt gemacht hat.

Man braucht nicht dreimal zu raten, wie die Geschichte weiter gehen wird. Präsident Piñera versicherte, dass die Schuldigen bestraft würden. Dann müsste man eigentlich bei der Regierung anfangen, aber es dürfte sicher sein, dass das nicht passieren wird. Natürlich bleibt zu hoffen, dass sich die Arbeitsbedingungen nicht nur in den chilenischen Minen verbessern werden. Aber selbst wenn man in Chile und hoffentlich auch anderswo beim Arbeitsschutz künftig genauer hin sehen sollte, ändert sich doch nichts daran, dass Arbeiter in aller Regel nichts zu lachen haben. Wie der linke Senator Marco Enriquez Ominami so treffend über die Eingeschlossenen sagte: „Sie haben vermutlich noch nie so gut gegessen, wie in den vergangenen Tagen.“

Durch einen tragischen Zufall, der durchaus auch tödlich hätte enden können, wurden die 33 Minenarbeiter mit staatlicher und medialer Aufmerksamkeit bedacht, wie sie sie sonst nie im Leben erfahren hätten – und Millionen anderer nie erfahren werden. Das fängt mit ihren gut 300 Kumpels an, die nun ohne Job und Geld da stehen, weil die Mine San José inzwischen in Konkurs gegangen ist.

Natürlich ist es völlig okay, mediale Aufmerksamkeit zu nutzen, um Verbesserungen der aktuellen Situation zu erreichen. Die Bergleute tun das und sie wären ja auch völlig bescheuert, das nicht zu tun. Aber das allein ändert nichts am herrschenden Prinzip. Der Arbeiter bzw. die Arbeitskraft ist ein Kostenfaktor. Und der muss gedrückt werden, damit es mehr Profit gibt. Jaja, ich kenne die Leier, hab sie unzählige Male gehört: Aber der Wettbewerb und die Konkurrenz und der übermächtige Sachzwang. Es muss etwas geschehen. Und zwar nicht nur in den chilenischen Minen. Fortsetzung folgt.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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