Arbeit lohnt sich – für den Chef

Erinnert sich noch jemand an die Kik-Story? Zweifelsohne eine wichtige Reportage aus der harten Arbeitswelt dies- und jenseits der europäischen Sozialgesetzgebung (die ja auch zunehmend demontiert wird). Aber was passiert, wenn die Betroffenheit vorbei ist? Dann hat ein Hartz-IV-ler oder ein Geringverdiener noch immer keine andere Wahl als beim Billigheimer Klamotten zu kaufen.

Wie bereits am Beispiel der chilenischen Bergarbeiter-Rettung festgestellt: Es muss sich etwas ändern. Und zwar nicht nur in den Minen in Südamerika und den Sweatshops in Bangladesh und anderswo, in denen die Leute den ganzen Tag für einen Hungerlohn Billigklamotten für die Hungerleider in der angeblich besseren Welt zusammen nähen.

Oder bei Foxconn, dem taiwanesischen Elektronikkonzern, bei dem unter anderem die iPhones für Apple zusammenschraubt werden. Dort gab es im Frühjahr eine Selbstmordserie – die Arbeiter sind vor Verzweiflung vom Dach gesprungen. So etwas passiert aber nicht nur in Asien, sondern in trauriger Regelmäßigkeit zum Beispiel auch bei France Télécom. Und das, obwohl Frankreich ja nicht irgendwo in der dritten Welt liegt.

In Japan gibt es mit Karoshi sogar eine eigene Bezeichnung für den Tod durch Überarbeitung. Und auch in Deutschland lässt sich belegen, dass die steigende Arbeitsbelastung den Leuten immer stärker zusetzt.

Jetzt kann man natürlich reflexhaft bessere Arbeitsbedingungen fordern, nettere Arbeitgeber und am besten auch gleich noch ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden Menschen auf der Welt. Das meine ich überhaupt nicht so lächerlich, wie es da jetzt geschrieben steht, denn nötig wäre es ja wohl allemal.

Aber solche Forderungen ändern natürlich überhaupt nichts daran, dass die Welt derzeit ganz anders eingerichtet ist. Es geht nicht um das Glück der Menschen, sondern um das Funktionieren eines Prinzips und dieses beruht zu allererst einmal darauf, dass der größte Teil der Menschen nichts hat. Denn wie kriegt man die Leute sonst dazu, sich zur Produktion von Reichtum herzugeben, von dem sie so gut wie nichts abbekommen? Okay, in unseren Breiten bekommen die Leute schon ein bisschen mehr ab, jedenfalls genug, um mehrheitlich zu glauben, dass es auch um sie bzw. um ihren Wohlstand ginge.

Aber das ist ein Irrtum. Denn es geht immer nur ums Geld. Und zwar nicht um das bisschen Geld, dass für diejenigen abfällt, die sich dafür benutzen lassen müssen, um es zu verdienen. Oder die sich gar benutzen lassen wollen, weil sie das für einen faires Geschäft halten und noch nicht kapiert haben, dass es eine solche „Fairness“ letztlich gar nicht geben kann – welcher Unternehmer steckt denn nicht ein was seine Angestellten erwirtschaften?! Der Witz ist ja, dass die Leute eben nicht das rausbekommen, was sie erwirtschaften, sondern das, was man ihnen halt zugesteht. Der große Rest geht an diejenigen, denen eh schon alles gehört.

Insofern greift die Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen und mehr Lohn viel zu kurz. Warum muss man überhaupt für Geld arbeiten? Und zwar in erster Linie für das Geld der anderen?

Arbeit wird erst zu dem, was man ihr immer unterstellt – nämlich ein Mittel der Selbstbestätigung, sinnvoll genutzte Lebenszeit usw. wenn man sie für sich tut – was durchaus auch anderen zugute kommen kann. Wenn man sie tun muss, weil man sonst verhungert, bleibt sie letztlich Sklaverei.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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10 Antworten zu Arbeit lohnt sich – für den Chef

  1. Walter schreibt:

    Ihre Sicht auf die Arbeit gefällt mir, modesty. Sie ist so schlicht und logisch, dass es verwundert, wie wenig den Menschen bewusst ist, dass sie Sklaven eines Systems sind, das sich durchaus auch anders denken – und organisieren – liesse.

    Ich erlaube mir zum Begriff der Arbeit auf meinen Artikel Ketzerische Fragen zum Begriff der Arbeit zu verweisen.

    Mit bestem Gruss – Walter

    • modesty schreibt:

      Vielen Dank für den Hinweis. Ich freue mich immer, wenn es Menschen gibt, die die aktuellen Zustände hinterfragen. Mich verwundert auch, dass es noch nicht viel mehr sind!

      Grüße, modesty

      • Habe fertig schreibt:

        Hallo modesty!
        Guter Artikel! Meine Frage wäre jetzt, wie verhält man sich weiter sobald man dieses so erkannt hat!
        Ich will auch niemanden mehr in die Tasche wirtschaften!
        Habe Vollzeit Job,werde nach Tarif bezahlt(noch),also das ganze Programm! Ich will und kann aber nicht mehr! Wie kommt man da raus ohne zum psycho doc zu rennen!
        Ich stelle mir jeden Tag die Frage wie lange das alles noch so gehen soll! Vlg

      • modesty schreibt:

        Danke für deinen Beitrag. Die Antwort ist einfach und frustrierend: Da kommt man in der Praxis erstmal gar nicht raus – ich hab ja auch so einen Arbeitsvertrag mit einem Chef. Und ich brauche das Geld, definitiv. Wichtig ist es aber, sich klar zu machen, was da passiert. Verbindungen herstellen, mit anderen, die auch kapieren, was läuft. Denn wie lange das noch so gehen soll, hängt ja letztlich von uns ab. Wie lange machen wir das mit? Solange, wie es viel zu viele mitmachen. Es ist mühsam, aber wir müssen immer mehr Menschen überzeugen, dass es so nicht weiter gehen kann. Anders geht es nicht.

  2. Python schreibt:

    Aus meiner Sicht: Ich war damals arbeitslos, wechselte ins Büro. Kurz vor Vertragsbeginn wurde ich derbst belogen, da der angebotene Job unbefristet ausgeschrieben war, mir kurz vor Unterzeichnung dann als befristet für ein Jahr vorgestellt wurde. Man wußte um mein bisheriges kleines Einkommen und den besseren Verdienst, da ich das Geld dringend brauchte.

    Also nahm ich ( zähneknirschend ) den besser bezahlten Job an, für ein Jahr und inklusiv der Schikanen der meist jüngeren Mitarbeiter. Ach ja, auch weil ich so viel Geld kostete. Aber das habe ich erst später erfahren. durch einen „gesprächigen“ Kollegen aus der Werkstatt der Firma.

    4 Monate vor meinem Ausscheiden hatte der mir noch gesteckt, das ich eine Belastung für das Unternehmen sei, wohl, weil ich mich stets „zu“ kundenfreundlich ( Kunden, die ich telefonisch betreute und ihnen stets im freundlichen Dialog entgegen kam, riefen deshalb meinen Chef an, um sich für meine positive Art zu bedanken – im übrigen auch die angeschlossenen Praxen der Ärzte ), hilfsbereit, pünktlich, selbständig, zu Mehrarbeit bereit, Fehlerausbügeln für faule Kollegen und zum Verzicht auf den gesetzlich beanspruchten Urlaub bekannt gemacht hatte. Ach nevermind…

    Kurz vor Ende im Jahr 2009 wurde mir im Gespräch die Nichtverlängerung über das Jahr 2009 mitgeteilt, worauf ich nur sagte “ das wisse ich schon seit Monaten“. Große Augen seitens meines Chefs, der verneinte das das schon bekannt war. Aber ich blieb dabei. Ende vom Lied: Ich ging mit fettem Grinsen. Die wollten mir nach den vergangenen 12 Monaten miesester Schikane und Verunglimpfung noch einen mitgeben – was wohl nicht so rüberkam.

    Soweit denke ich, ist das Arbeitsleben eine wahre Freude. Mein Zeugnis übrigens habe ich selber geschrieben und das ist auch gut so. Ich bin bereits der vierte MA der aus diesem Betrieb ging…..

    Arbeit kann Spass machen. Wenn Kollegen nicht ständig Fehler produzieren, die der ungeliebte weil engagierte Kollege ausbügeln darf. Arbeit kann Spass machen, wenn der Chef ehrlich ist, von Anfang an. Arbeit kann Spass machen, wenn nicht hinterrücks mit ständigen Drohszenarien und Mobbing einem das Ganze zunichte gemacht wird. Ich hoffe, ich bekomme vor meiner Rente nochmal Arbeit.

  3. Walter schreibt:

    @Habe fertig
    Auf der persönlichen Ebene liessen sich auch die Ausgaben zurückschrauben. Je nach Situation ist das eine Frage der (wirtschaftlichen) Bescheidenheit. Man gewinnt viel Freiheit, wenn man nicht im Hamsterrad des Konsumierens mitläuft. Und parallel dazu könnte man dann die Einnahmen, z.B. mit einer Pensumreduktion, zurückfahren. Aber mit einer Familie und je nach wirtschaftlicher Situation sieht das alles dann wieder etwas anders aus …

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