Frau Professor Ackermann und die Freiheit der Verlierer

Es gibt auf der Welt eine ganze Menge Ackermänner und einige davon sind weiblich. Zum Beispiel Prof. Dr. Ulrike Ackermann, Soziologin, Politologin, Publizisten, vor allem aber Freiheitsforscherin. Im vergangenen Jahr gründete sie das John Mill Institut für Freiheitsforschung.

Jetzt oute mich mich zwar als jemand, der Sonntags schon tagsüber Talkshows im Fernsehen ansieht, denn ich habe am Sonntag tatsächlich west.art gesehen und ordne das Gesehene in die Kategorie „Faszination des Grauens“ ein, das mir alle weiteren Sabbelsendungen des Tages erspart hat.

In jener Sendung gab es noch eine Menge anderer Beiträge, über die man durchaus nachdenken kann, aber nachhaltig nachdenklich gemacht hat mich doch vor allem Frau Ackermanns Feldzug für die Freiheit.

Die individuelle Freiheit sei das allerhöchste Gut, oder wie sagte sie genau? Der allergrößte Schatz der Menschen. Und diesen wollten die meisten dummerweise gar nicht haben. Statt so frei zu sein und früh aufzustehen, um in aller Freiheit am individuellen Glück zu schmieden, würden die Menschen gleich nach dem Sozialstaat rufen, wenns grad mal nicht so gut läuft, und sich rundum vollversorgen lassen. Mit solchen Leuten ist natürlich kein Staat zu machen und schon gar keine funktionierende Marktwirtschaft.

Natürlich ist es einfach, sich frei zu fühlen, wenn man bequem auf einem Professoren-Gehalt sitzt und Geld dafür bekommt, eigenartige Behauptungen abzusondern. Wenn man nicht weiß, wovon man die Miete zahlen soll oder die nächste warme Mahlzeit, ist das mit der Freiheit weniger lustig. Natürlich muss ich auch dann nicht zum Staat gehen und die Hand aufhalten, ich könnte auch ehrenhaft in aller Freiheit verhungern oder erfrieren oder beides.

In der freien Wildbahn da draußen passiert das schließlich dauernd. Da kann man sich mal ansehen, wie schrecklich und grausam Freiheit tatsächlich ist. Das Hohelied der Freiheit ist ein Hohelied auf das Recht des Stärkeren. Denn der kann mit Freiheit tatsächlich etwas anfangen. Aber ist es nicht die große zivilisatorische Leistung des Menschen, genau das hinter sich gelassen zu haben? Ein bisschen weniger Freiheit für den Einzelnen und dafür mehr Lebensqualität für alle?

Interessant fand ich auch eine weitere Äußerung der Freiheitskämpferin Ackermann: „Arbeit ist die Teilhabe an der Gesellschaft.“ Dass man als freies Individuum natürlich auch arbeiten muss, um an der Gesellschaft teilhaben zu dürfen, verträgt sich offenbar gut mit der geforderten Begeisterung für die Freiheit.

Nicht umsonst haben die Nazis die Tore ihrer KZs mit dem Spruch „Arbeit macht frei“ überschrieben. Die waren sogar so frei, Mitmenschen, die sie als überflüssig oder lebensunwert deklariert hatten, in ihren Vernichtungslagern zu „entsorgen“.

Heute ist man natürlich viel humaner und füttert die Überflüssigen und Untüchtigen sogar noch mit durch – wenn auch auf kümmerlichstem Niveau und mit dem zynischen Hinweis, dass sie damit auf ihr höchstes Menschenrecht, die Freiheit verzichten würden. Freiheit allein macht aber weder satt noch glücklich. Denn es ist umgekehrt: Ein Minimum an Freiheit wird überhaupt erst möglich, wenn man sich nicht mehr ums tägliche Überleben sorgen muss.

Die Aufforderung „In Freiheit sein Leben selbst in die Hand nehmen“ ist eine hübsche Verpackung für die Aussage: „Leute, wir haben keinen Bock mehr, uns ständig um die Loser kümmern zu müssen! Seht zu, wie ihr klar kommt!“ Aber so billig ist Freiheit nicht.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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