Druckt Bahnsteigkarten!

Der 9. November ist in der deutschen Geschichte ein heikles Datum. Woran liegt es eigentlich, dass sich ausgerechnet dann das deutsche Gemüt noch zusätzlich verdunkelt? Am Wetter? An der Jahreszeit? An den plutonischen Energien des Skorpion, der hinterrücks aus dem Dunkel sticht, um die Astrologie auch noch bemüht zu haben?

Gut, vielleicht nicht ganz so dunkel war der 9. November 1918, an die deutsche Monarchie abgedankt wurde und Philipp Scheidemann sowie Karl Liebknecht unabhängig von einander die deutsche Republik bzw. die deutsche Räte-Republik ausriefen. Aber die Kriegsjahre davor waren dunkel. Dann flackerte kurz eine Hoffnung durchs Land. Und danach sollte es noch dunkler werden.

Der 9. November 1923 kam mit Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle. Damals ging es noch schief. Aber es sollte schlimmer kommen. Und der 9. November 1938 kam, die Reichskristallnacht. In der die Verfolgung der Juden, die mit Hitlers Inthronisierung als Reichskanzler 33 begonnen hatte, einen ersten erschreckenden Höhepunkt erreichte. Mit den Novemberpogromen ging die systematische Diskrimierung der Juden in eine unbarmherzige offene Verfolgung über. An den brutalen Übergriffen auf Leib, Leben und Eigentum der nunmehr Verfolgten beteiligten sich nicht nur Hitlers professionelle Schlägertruppen, sondern auch viele ganz normale Bürger, die zum Mitmachen keineswegs gezwungen werden mussten. Der „Volkszorn“ wurde durch die Propaganda-Maschine des dritten Reiches angefacht und gelenkt. Zur Besänftigten desselben wurde mit der großflächigen Deportation der jüdischen Bevölkerung in KZs begonnen. Noch mehr besänftigte natürlich auch die Verteilung des jüdischen Besitzes an deutsche Volksgenossen.

Wie es weiterging, ist bekannt und traurig genug. Der Größenwahn und die Zerstörungswut des entarteten Deutschen Reiches endete in der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 – nach einem totalen Krieg. Nach 50 bis 80 Millionen Toten, die diesem Krieg zum Opfer fielen.

Und dann gibt es den 9. November 1989, den ich persönlich in gar nicht in schlechter Erinnerung habe – zufällig waren wir auf einer Semesterfahrt im Harz, also in der Nähe der deutsch-deutschen Grenze. Als wir in den Nachrichten hörten, was Günter Schabowski gesagt haben soll, sind wir spontan Richtung Grenze getrampt. Und da waren sie schon, lange Schlangen von Trabbis, die Richtung Westen fuhren. Unglaublich! Unfassbar!

Dass es dann mit der DDR so dermaßen schnell vorbei sein würde, war noch nicht zu ahnen. Ich freute mich darauf, endlich unkompliziert in den Osten fahren zu können und fuhr auch hin, im Sommer 1990. Die Züge waren langsam, aber die Fahrkarten billig, Übernachtungen und Essen auch. Mir gefiel es. Doch bevor ich eine Chance hatte, dieses andere Deutschland wirklich kennen zu lernen, war es schon weg. Abgewickelt, aufgelöst, angeschlossen. Und es ist nichts besser geworden.

Nein, in Revolutionen sind die Deutschen nicht besonders gut. 1918 soll Lenin gespöttelt haben: „Wenn die Deutschen bei ihrer Revolution einen Bahnhof besetzen wollen, dann kaufen sie sich vorher eine Bahnsteigkarte“. So siehts aus.

Aber wäre es nicht langsam an der Zeit, Bahnsteigkarten zu drucken?

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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