Zurück in die Zukunft: Das Jahr 2000 im Fernsehen von 1972

Als Youtube an den Start ging, war ich extrem skeptisch. Was soll das bringen, wenn die Leute Videos zu jedem Scheiß jederzeit ins Internet stellen können?!

Mittlerweile hat sich meine Ablehnung zumindest teilweise relativiert. Manchmal findet man auf Youtube auch interessante Videos, Lehrreiches und ab und zu schier Unglaubliches. Zum Beispiel eine ZDF-Reportage aus der Zukunft. Wie stellte man sich im Jahr 1972 die Zukunft vor? „Richtung 2000“ hieß das Feature – vermutlich hat man damals diese Sorte Sendung noch irgendwie anders bezeichnet, aber das tut nichts zur Sache.

Das Traurige ist allerdings auch bei dieser putzigen Sendung, dass sich die Zukunftsvisionen allein auf technische Entwicklungen beschränken – wobei man ja schon schmunzeln muss, diese Rechenzentren voller Magnetbändern, diese altertümlichen, aber unvermeidlichen (Video-)Telefone, vom hypermodernen Kugelkopf-Drucker gar nicht zu sprechen! Immerhin haben die Menschen damals noch unbefangen geraucht, sogar, wenn sie ein künstliches Herz in der Brust tragen.

Andererseits, die Vereinsamung der Menschen vor Bildschirmgeräten, die zunehmend „echte“ soziale Kontakte ersetzen – so weit weg ist gerade dieses Detail ja nicht. Wenn es auch unfreiwillig komisch ist, dass die 15 Sender, die dank des weltweiten Satellitenfernsehens nun empfangen werden können, den Leuten erstmal den Schlaf rauben werden. An so etwas wie Internet hat damals noch kein Mensch gedacht. Aber sonst Rundumversorgung in der komfortablen Wohnzelle für den Großstadt-Single in der durchgestylten aber anonymen Ansammlung von Wohnmaschinen. Nicht mal zum Einkaufen muss man seine Wohnung verlassen.

Das „gesunde“ Convenient-Frühstück mit dem Plastebesteck scheint trotzdem nicht so richtig lecker, selbst bei der bis zum Jahr 2000 flächendeckend eingeführten Biolandwirtschaft. Und dass der Verkehr mittlerweile von der Straße in Hochgeschwindigkeitszüge verlegt worden sei – ach nee, so toll ist ICE-Fahren in der Praxis ja nicht. Aber dass die Bahn dermaßen kaputt-optimiert würde, war 1972 auch nicht zu ahnen. Und dass die Leute auf die Barrikaden gehen werden, weil sie keinen hypermodernen Schnellbahnhof 21 wollen.

Recht hatten die Filmemacher allerdings mit ihrer Befürchtung, dass die parlamentarische Demokratie zu schwerfällig und beeinflussbar sei, um richtig wichtige Zukunftsenscheidungen zu treffen. Die werden ja immer weiter vernudelt und vertagt. Immerhin, es gibt noch Luft, die geatmet werden kann und der Rhein ist wieder sauberer als damals. Man kann nicht sagen, dass gar nichts passiert sei.
Aber das Elend in Deutschland und in der Welt, es ist nicht weniger geworden.

Warum traut sich keiner, weiter zu denken?!

Und wo sind die Zukunftsvisionen für 2050? Für 2100? Es ist doch nicht so, dass die Entwicklung im Jahr 2000 aufgehört hätte. Nach diesem ganzen Jahr-2000-Gedöns war die Luft erst mal raus, das ist verständlich und okay. Aber warum traut sich jetzt keiner mehr weiter zu denken? Weil jetzt schon alles so furchtbar ist?

Es gab im letzten Jahrtausend ja nun wirklich auch schon ganz furchtbare Zeiten. Ich bin auch überhaupt nicht für eine „ja, das wird schon, wir haben bisher noch alles hingekriegt“-Denke. Im Gegenteil. Es wurde so vieles NICHT hingekriegt und gelöst. 1972 wurde beklagt, dass in der Vergangenheit Nahrungsmittel vernichtet wurden, um die Preise zu halten, und dass das gegenwärtig weiterhin, ja sogar verstärkt, geschehe, obwohl weiterhin massenhaft Menschen verhungern.

Und geradezu naiv erscheint die Vorstellung, die Menschen müssten durchschnittlich nur noch 25 Stunden pro Woche arbeiten und gingen mit 50 in Rente. Beklagt wurde die eintönige Arbeit, die den Menschen noch zu tun bliebe, und es wird die Sorge geäußert, dass die Menschen ihre viele Freizeit gar nicht selbstbestimmt nutzen würden, weil sie den Einflüsterungen der Werbung nicht widerstehen könnten. Das kommt alles sehr ernst und moralisch daher – aber ein Ansatz ernstzunehmender Kritik an solchen Zuständen ist natürlich nicht zu finden.

Die lieben guten Zukunftsvorsteller vom ZDF haben ihre Rechnung ohne den Kapitalismus gemacht. Der kommt gar nicht vor, obwohl er ja der Grund ist, weshalb Nahrungsmittel vernichtet werden, statt sie den Bedürftigen zur Verfügung zu stellen, warum die Menschen eben nicht nur noch ein paar Stunden arbeiten müssen, und sonst machen können, was ihnen sonst noch so einfällt und warum es Werbung geben muss, um den Leuten Dinge anzudrehen, die sie gar nicht brauchen, sondern die im Gegenteil auch noch die Umwelt vergiften.

Man könnte schon mal darüber nachdenken, warum die Leute überhaupt gezwungen sind, eintönige und geisttötende Dinge zu tun, so dass sie dann auch Freizeit brauchen, um sich davon zu erholen. Aber es ist so selbstverständlich, dass Leute eine Arbeit haben müssen, dass gar nicht darüber nachgedacht wird, warum das eigentlich so ist. Wie auch gar nicht darüber nachgedacht wird, warum überhaupt so viel und sinnlos produziert wird.

Dabei könnte man auch mal auf die Idee kommen, dass es vielleicht keine so gute Sache ist, Markt zu produzieren. Denn genau das ist ja der Grund, weshalb der Preis so wichtig ist. Jeder Mensch, der nicht durch ein BWL-Studium hirngewaschen ist, sagt doch erstmal impulsiv und völlig zutreffend, dass es ein Unding ist, dass man die Leute in Afrika oder Südamerika dazu zwingt, Schnittblumen oder Kaffee für den Markt in Europa anzubauen, wo sie doch Getreide und Gemüse für den Eigenbedarf bräuchten. Was sollen die denn mit Blumen?!

Der Markt ist ein Enteignungsinstrument

Genau das ist ja der Wahnsinn. Ein paar Menschen verdienen mit Hungerlöhnen genug, um zu überleben, die anderen verhungern halt, weil man Schnittblumen nicht mal klauen und aufessen kann. Damit kann man den Wahnsinn auch dingfest machen: Der Markt ist nämlich kein „Verteilungsinstrument“ wie ein äußerst populärer Irrtum behauptet. Er ist ein perfides Enteignungsinstrument. Es geht doch nicht darum, auf einem Markt Dinge zu verteilen, die die Leute brauchen! Wer braucht denn giftiges Plastikspielzeug, nicht weniger giftige Rosen mit drei Meter langem Stil oder Landminen, Streubomben, Atomsprengköpfe oder Milzbranderreger?!

Um die Menschen mit dem, was sie brauchen zu versorgen, braucht es keinen Markt. Im Gegenteil, der Markt verhindert eine bedarfsgerechte Versorgung. Jeder produziert vor sich hin und hinterher zeigt sich erst, ob es zu viel oder zu wenig von irgendetwas gibt. Das nennt man dann „Marktversagen“ – obwohl eben kein Versagen, sondern eine typische Funktionsweise unseres Wirtschaftssystems ist.

Mit einer vorausschauenden und vernünftigen Planung würde man ermitteln, was die Leute tatsächlich brauchen und haben wollen, und dann würde man es halt produzieren. Es ist mit der heutigen Produktivität ja auch kein Problem, alle Leute nicht nur mit dem Lebensnotwendigen, sondern auch mit allem Möglichen Firlefanz zu versorgen, sofern man sich darüber einigt, inwieweit das mit vertretbarem Aufwand geleistet werden kann. Und dann macht jeder ein paar Stunden die Woche dieses oder jenes, was halt getan werden muss und alle wären versorgt.

Aber Dinge werden ja gar nicht produziert, weil die Leute sie brauchen. Sondern, weil sie auf dem Markt verkauft werden sollen. Es geht nicht darum, was gebraucht wird, sondern darum, was sich zu Geld machen lässt. Man könnte natürlich auch Brot, Milch, Winterstiefel, Badelatschen und Computer herstellen, weil Leute das brauchen. Man stellt sie aber her, um sie zu verkaufen. Genau das ist das Problem: Wer nicht kaufen kann, bekommt auch nichts, egal wie sehr er was auch immer bräuchte. Nein, Tomaten, Eier, Brot und Milch werden auf den Müll gekippt, obwohl sie tatsächlich gebraucht würden – aber es zählt halt nicht der Gebrauchswert, sondern nur der Tauschwert. Wer nichts zu tauschen hat, ist auch nichts wert. Jedenfalls nicht genug, um die Tomaten, die Eier, die Milch und das Brot einfach so zu bekommen, wo sie doch schon mal da sind.

Mittlerweile ist ja auch die Zukunftsvision einer Gesellschaft, in der Gebrauchswerte für ihren Gebrauch produziert würden und eben nicht zu irgendwelchen verschwurbelten anderen Zwecken, komplett abgeschafft worden. Warum eigentlich? Das ist doch die einzige Vision, wie man der gesamten Menschheit langfristig ein relativ schönes Leben ermöglichen könnte.

Aber das ZDF wagte sich an ein solche Vision natürlich auch nicht heran.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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