Deutsche Bahn: Rechenschwäche oder Schreibfehler?

Der Stern hat vor ein paar Tagen ein acht Jahre altes Dokument der Deutschen Bahn über das Projekt Stuttgart 21 veröffentlicht, in dem die Bahn D-Mark und Euro verwechselt hat. Sagt jedenfalls die Bahn. Es handle sich nicht um einen Rechenfehler, sondern um einen redaktionellen Fehler im Dokument. Somit sei die Behauptung des Stern, die Bahn wisse schon seit langem von immensen Mehrkosten für das Bahnhofsprojekt, unhaltbar. Die vermeintliche Enthüllung sei nicht mehr als die Entdeckung eines Schreibfehlers. Wobei es doch bemerkenswert ist, dass ein solcher Fehler so lange Zeit unentdeckt bleiben konnte – es geht dabei immerhin um Milliarden!

Das bringt mich aber auf interessante Gedanken. Wenn die Bahn Euro und Mark nicht auseinander halten kann, irrt sie sich vielleicht auch seit Jahren bei den Preisen, die sie ihren Kunden abknöpft? Denn die Preissteigerungen der vergangenen Jahre sind abenteuerlich genug – ganz offensichtlich kann da irgendwer nicht rechnen! Ich kann mich noch an selige Zeiten erinnern, in denen man fünf Mann hoch ein ganzes Wochenende gemütlich mit der Bahn fahren konnte – für 15 Mark! Das war freilich im letzten Jahrtausend, das wundervolle Wochenendticket wurde 1995 erstmals angeboten.

Inzwischen kostet das Wochenendticket aber nicht nur 15 Euro, was man nach neuesten Erkenntnissen für einen Schreibfehler halten könnte. Denn 15 Mark sind in Euro umgerechnet 7,69 Euro. Hätte man auch großzügig auf 8 Euro aufrunden können, da hätte bestimmt keiner gemeckert.

Aber was kostet heute ein Wochenendticket, das auch nur noch einen Tag gültig ist, und nicht mehr ein ganzes Wochenende? Nicht 8 und auch nicht 15 Euro – sondern am Automaten satte 37 Euro! Holt man es sich im Reisezentrum sind es noch zwei Euro mehr. Das sind umgerechnet 72,37 Mark!

Kann es tatsächlich sein, dass sich der Preis für ein lumpiges Wochenendticket binnen der vergangenen 15 Jahre verfünffacht – nein, wenn man bedenkt, dass man nur noch einen Tag statt zwei damit fahren kann, glatt verzehnfacht hat?!

Gibt es sonst noch irgendetwas, das in den vergangenen Jahren so viel teurer geworden ist? Gut, fast alles ist etwa doppelt so teuer geworden, seit man nur noch den halben Betrag an Lohn und Gehalt aufs Konto überwiesen bekommt. Das kennt jeder. Aber zwischen doppelt so teuer und zehnmal so teuer ist doch ein gewisser Unterschied. Rechnet die Bahn vielleicht noch mit Lira oder Drachme und gibt versehentlich Euro als Währung an?

Andererseits – irgendwie müssen die sieben Milliarden, die Stuttgart 21 kosten soll, ja zusammen kommen. Wer auf stundenlange Referate mit vielen Zahlen steht, kann sich derzeit auf Phoenix die Schlichtungsgespräche zu Stuttgart 21 live reinziehen.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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2 Antworten zu Deutsche Bahn: Rechenschwäche oder Schreibfehler?

  1. Alexa Kaufhof schreibt:

    Ha ha, ja, an das „wundervolle Wochenendticket“ für 15 Mark kann ich mich auch noch erinnern. 😉 Damals waren an den Wochenenden alle Züge gerammelt voll von besoffenen Sonntagsausflügler-Horden. Alles Autofahrer mit Aldi-Kunden-Mentalität, die nur auf die Bahn umgestiegen sind, wenn sie die Fahrt vom Steuerzahler praktisch geschenkt bekommen haben. Die 15 Mark haben wahrscheinlich nicht mal die Reparaturkosten für die Schäden gedeckt, die diese Klientel am rollenden Material verursachte. Und für zivilisierte Menschen, die für ihr „Ticket“ – also ihren Fahrschein – meist auch noch erheblich mehr gezahlt hatten, war die Benutzung der Bahn damals kaum mehr möglich.

    Die 15 Mark waren ja nicht das Ergebnis irgendeiner halbwegs seriösen Kalkulation, sondern ein alberner Werbe-Gag, der nach hinten losging. Was wir aber brauchen – und das siehst Du sicherlich genauso, ich wollte es bei dieser Gelegenheit nur mal betonen – sind nicht solche Schnäppchen- und Ramschaktionen bei ansonsten unerschwinglichen Preisen, sondern dauerhaft niedrige, einheitliche Preise, verbunden mit einer Verkehrspolitik, die den Autofahrern endlich alle von ihnen direkt und indirekt verursachten Kosten aufbürdet. Mit „einheitlichen“ Preisen meine ich, daß der Fahrpreis nicht mehr davon abhängen sollte, ob man bei Vollmond oder Nieselregen reist, ob man fünf Jahre im voraus bucht oder nur drei und ob man allein reist oder in einer Gruppe von 19 legasthenischen Mechatronikern oder 23 alleinerziehenden Müttern.

    • modesty schreibt:

      Na klar, gegen seriös kalkulierte Preise ist nichts einzuwenden. Aber bei der Bahn weiß man ja nie, wie sie kalkuliert. Da kostet das Ticket an dem einen Schalter x und am nächsten y Euro und manche Fahrkarten kann man nur im Internet kaufen, während es andere Angebote nur am Automaten gibt. Insofern volle Zustimmung.

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