Was haben WikiLeaks und die Stasi gemeinsam?

Kleiner Nachschlag zu meinem aktuellen WikiLeaks-Artikel: Die FDP präsentiert sich in Hochform und sogar noch eins drauf gesetzt!

Bekanntlich findet heute ja der grandiose 5. nationale IT-Gipfel in Dresden statt. Da kommen die ganzen wichtigen Leute aus dem wirtschaftlich-politischen Komplex zusammen und denken darüber nach, wie man aus dieser ganzen Internet-Geschichte, die uns die technologische Entwicklung ja nun mal eingebrockt hat, wenigstens was für den Standort Deutschland herausschlagen kann.

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle von der Wirtschaftskompetenz-Partei hat dabei sogar etwas ziemlich Interessantes gesagt, was viel über die Weltsicht von Liberalen verrät: „Manches was ich bei Wikileaks da entnehme, erinnert mich an die Sammelwut, die früher Institutionen im Osten hatten – die Stasi dabei“.

Das tut echt weh, denn ganz offensichtlich hat unser Wirtschaftsminister nicht kapiert, worum es bei WikiLeaks geht: Eben nicht um das SAMMELN von Daten, sondern um das VERÖFFENTLICHEN von gesammelten Daten – die ja auch nicht auf Veranlassung von WikiLeaks gesammelt wurden, sondern aller möglichen und unmöglichen anderen Institutionen. Die Geheimniskrämer von der Stasi hatten an der Veröffentlichung ihrer gesammelten Informationen genauso wenig Interesse, wie Verfassungsschutz, BND, MAD und was es sonst noch an Schnüffelorganisationen in unserem schönen Deutschland gibt. Denn die sind ja keineswegs abgeschafft, auch wenn jetzt überall in Deutschland Westen ist.

Auch wurden die Stasi-Unterlagen ja keineswegs veröffentlicht. Und dass Stasi-Opfer ihre Akten auf Antrag einsehen dürfen, musste der Bundesregierung mit einem Hungerstreik von Bürgerrechtlern abgetrotzt werden, denn eigentlich wollte die liebe West-Regierung auf dem ganzen Zeugs einen Deckel halten. Wer weiß, was da noch an Peinlichkeiten zu entdecken sein wird. So ist ja erst im vergangenen Jahr raus gekommen, dass Karl-Heinz Kurras, der Polizist, der am 2. Juni 1967 ohne erkennbaren Grund den Studenten Benno Ohnesorg erschoss (in West-Berlin!), inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war. Vielleicht sollte man mal eine Wunschliste anlegen, welche geheimgehaltenen Dokumente WikiLeaks doch bitte demnächst veröffentlichen soll. Die ganzen Akten um die RAF-Prozesse herum sind sicherlich auch sehr spannend!

Aber selbst WikiLeaks wäre mit der Veröffentlichung sämtlicher Stasi-Akten überfordert, um zum Ausgangspunkt zurück zu kommen. Gar nichts haben WikiLeaks und die Stasi gemeinsam! Aber die Denkmodelle unserer freiheitsbesoffenen West-Politiker erinnern erschreckend an die der ideologisch und auch sonst eingemauerten Ost-Elite. Politpersonal muss offenbar über eine gewisse Eindimensionalität verfügen, egal für welche Sorte Staat es verwendet werden soll.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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2 Antworten zu Was haben WikiLeaks und die Stasi gemeinsam?

  1. Katja Neutze schreibt:

    Brüderle sagte: „Manches was ich bei Wikileaks da entnehme, erinnert mich an die Sammelwut, die früher Institutionen im Osten hatten – die Stasi dabei“.
    Damit setzt er aber keinesfalls Wikileaks mit der Stasi gleich – er hat lediglich die Informationen aus Wikileaks „entnommen“, genauso, wie ich täglich Wissen aus meiner Tageszeitung entnehme.
    Der Vorwurf der Sammelwut soll insofern die Amerikaner treffen, was Brüderle aber aus verständlichen Gründen nicht direkt und explizit sagt.

  2. modesty schreibt:

    hallo Katja,

    es stimmt natürlich, dass Brüderle Wikileaks nicht mit der Stasi gleichgesetzt hat. Trotzdem finde ich bemerkenswert, dass dem Bundeswirtschaftsminister ausgerechnet die Stasi in den Sinn kommt, wo es doch aktuell ganz andere Institutionen gibt, um deren Datensammelwut man sich Gedanken machen könnte und meiner Meinung nach auch müsste. Facebook, Google oder Amazon beispielsweise sind private Wirtschaftsunternehmen, die auf einem gigantischen Haufen von Informationen über ihre Nutzer sitzen, bei denen staatliche Schnüffeldienste einschließlich der längst vergangenen Stasi grün vor Neid werden. Vor allem, weil sie im Grunde gar nichts weiter tun müssen, um die Leute dazu bringen, ihnen diese Informationen über sich und andere zu liefern.

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