Vernunft und Interessen

Ein paar Gedanken darüber, was wirklich vernünftig wäre.

Natürlich ist es vernünftig, sich an die herrschenden Verhältnisse anzupassen, um zu überleben: Man muss ja irgendwie klar kommen. Aber wenn man einmal in Ruhe nachdenkt, sollte man als ein halbwegs vernünftiger Mensch schon darauf kommen, dass es noch viel vernünftiger wäre, die Umstände so zu ändern, dass an sich gar nicht erst an die Interessen anderer anpassen muss. „Die anderen“ sind in unserem System vor allem die so genannten Arbeitgeber. Allein schon dieser Begriff ist völlig irreführend, denn die Arbeitgeber sind ja diejenigen, die die Arbeit der Arbeitnehmer nehmen, um Profit damit zu machen, an dem sie ihre Mitarbeiter wenn überhaupt nur sehr unwillig beteiligen.

Viel angenehmer wäre das Leben doch, wenn man nicht für einen Arbeitgeber arbeiten müsste, sondern für sich selbst bzw. für alle. Oder anders: Wenn man einfach die eigenen Interessen verfolgen würde, ohne erst die Interessen der anderen zu bedienen – die den eigenen Interessen bei genauerer Betrachtung völlig entgegen laufen. Zwar kann man der gebetsmühlenartig wiederholten Formel, dass sozial sei, was Arbeit schafft, kaum entrinnen. Genauso allgegenwärtig ist die Behauptung, dass es nur wenn es der Wirtschaft richtig gut geht, allen anderen auch gut gehen könnte. Unsinn bleibt es doch: Sozial wäre, den Leuten nicht mehr Arbeit als nötig zu machen, sondern einfach alle am Reichtum der Gesellschaft zu beteiligen. Warum da immer noch irgendwelche Arschlöcher dazwischen geschaltet werden müssen, die den Großteil des produzierten Reichtums auf ihre Konten umleiten, ohne dass die anderen, die dafür geschuftet haben, ihren Anteil bekommen, kann nur einer erklären, der die anderen ununterbrochen für dumm verkaufen will – zum Beispiel die Typen, die uns regieren.

Und wenn ein immer größerer Teil der hiesigen Bevölkerung (und anderswo ja sowieso) nicht mehr in der Lage ist, mit einem Vollzeitjob den Lebensunterhalt zu bestreiten, dann liegt doch auf der Hand, dass die Verhältnisse so nicht in Ordnung sein können. Denn die Produktivität ist ja ungeheuer viel höher als vor… sagen wir 100 Jahren. Theoretisch müsste man mit einem Bruchteil der damals fürs Überleben nötigen Arbeit heute locker leben können. So ist es aber nicht. Weil die ganze Arbeit, die geleistet wird, um das ganze Zeugs heute zu produzieren, nicht den Arbeitenden zugute kommt, sondern denen, die Arbeiten lassen und den Profit einstreichen.

Natürlich regen sich die Leute schon über die unverschämten Manager-Gehälter und Politiker-Pensionen und so weiter auf, aber mehr eben auch nicht. Dabei gibt es ja nun objektiv jede Menge Sachen, über die man sich bis zum Herzinfarkt aufregen müsste. Aber das ganze Aufgerege hilft halt nicht – siehe Anti-Atom-Bewegung, siehe Stuttgart 21 und den Protest dagegen usw. Das ganze Wutbürgertum ändert nicht das Geringste – wie auch, es ist ja Hauptbestandteil des funktionierenden Systems. Denn gerade der Wutbürger will im Grunde seines Herzens, das alles so bleibt wie es ist, nur halt ohne Atommüll und ohne Dioxin und mit den schönen alten Bäumen rund um den schönen alten Bahnhof. Das ist nicht vernünftig, auch wenn gerade wütende Bürger ständig von den anderen verlangen, jetzt doch mal vernünftig zu sein.

Das größte Problem liegt darin, zu erkennen, dass das eigentlich Vernünftige erst einmal gegen die konkrete Lebenspraxis verstößt: In der Schule, in der Ausbildung, im Job wird Anpassung gefordert. Lustiger- oder eigentlich eher traurigerweise ist auch diese ganzen geforderte Eigenständigkeit, Kreativität und auch das unsägliche Querdenkertum ausschließlich dazu da, um im vorhandenen System noch besser zu funktionieren. Wer wirklich mal querdenkt, wird schnell merken, dass das gerade nicht gefragt ist. Und die Menschen versuchen natürlich, zurecht zu kommen, indem sie tun, was die Lehrerin, der Ausbilder oder Chef von ihnen verlangt. Denn sonst wird’s ja nichts mit dem halbwegs angenehmen Überleben.

Aber genau diese durchaus nötig erscheinende Anpasserei führt dazu, dass man nicht mehr hinterfragt, woran man sich da eigentlich anpasst. Das ist natürlich beabsichtigt. Denn dieses ganze scheinbar selbstbestimmte Leben ist nur insoweit selbstbestimmt, dass man sich im gewissen Rahmen aussuchen kann, auf welche Weise man sich ausbeuten lässt. Soweit man es nicht geschafft hat, auf die Ausbeuterseite zu wechseln. Da ist es in der Tat schon sehr viel angenehmer – dann kann man sich tatsächlich zurücklehnen und Demokratie, Freiheit und Kapitalismus super finden.

Alle anderen stellen zwar fest, dass sie am Ende immer die Dummen sind, die zwar immer mehr arbeiten, dafür aber weniger verdienen, die immer mehr Steuern zahlen sollen, mehr Krankenversicherung und so weiter, denen immer mehr Gift ins Essen getan wird, die immer mehr für Wohnung und was sie sonst noch brauchen bezahlen sollen und trotzdem Freiheit, Demokratie und Kapitalismus ganz toll finden müssen und auf keinen Fall infrage stellen dürfen. Denn was wäre dann die Alternative?

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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