Das Land der untergehenden Sonne

Seit Tagen schreckliche Nachrichten aus Japan. Das stärkste Erdbeben seit Beginn der Aufzeichnungen überhaupt, der Tsunami, der die Ostküste verwüstete, jetzt auch noch schmelzende Reaktorkerne. Ein GAU im dichtbesiedelten Japan – die Folgen werden furchtbar sein. Es ist nicht gelungen, die von Erdbeben und Tsunami zerstörten Kühl- und Notkühlsysteme mehrerer Atomreaktoren wieder in Gang zu setzen und nun sieht es so aus, als ob das Verhängnis seinen Lauf nimmt. Hunderttausende werden evakuiert – und anders bei „normalen“ Erdbeben- und Flutkatastrophen werden diese Menschen vielleicht nie wieder in ihre zerstörte und dann auch noch atomar verseuchte Heimat zurückkehren können. 25 Jahre nach dem GAU in Tschernobyl existiert dort eine 4.300 Quadratkilometer große Sperrzone. Eine Todeszone mit verlassenen Dörfern und verfallenden Städten, auf unabsehbare Zeit unbewohnbar.

Millionen von Menschen leiden bis heute unter den Folgen dieses Atomunfalls, wie viele getorben sind ist bis heute nicht klar. Mehrere Tausend der Liquidatoren, die eingesetzt wurden, um den Unglücksort „aufzuräumen“ und mit einem Betonmantel zu überbauen, sind aufgrund der starken Strahlung, der sie in den ersten Tagen nach der Explosion ausgesetzt waren, relativ bald gestorben. Weitere Zehntausende starben an den Spätfolgen. Wie viele Liquidatoren eingesetzt wurden, ist unklar, einige Quellen nennen 200.000, andere bis zu 600.000. Die wenigsten von ihnen dürften noch am Leben sein. Bei der betroffenen Bevölkerung häufen sich Krebsfälle und Genschädigungen, die zu Fehlgeburten und Fehlbildungen bei Kindern führen. Auch Störungen des Immunsystems sind verbreitet, die Menschen sind anfälliger, sie erkranken schwerer und sterben häufiger an normalerweise nicht tödlichen Krankheiten.

Auch als Atomkraftgegner kann man sich nicht darüber freuen, dass nun wieder ein Beweis dafür geliefert wird, dass diese Technologie nicht absolut beherrschbar ist und daher nicht verantwortet werden kann. Auch die technikgläubigen Japaner werden angesichts dieser Katastrophe vermutlich noch einmal darüber nachdenken, ob man in einem dicht besiedelten Erdbebengebiet wie es Japan nun einmal ist, weiterhin Atomreaktoren bauen sollte. Die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt kann ihren Energiebedarf ohne Atomkraft nicht decken – trotzdem stellt sich die Frage, ob auch in Japan angesichts dieses Desasters nicht ganz neu gedacht werden muss. Gegen Erdbeben und Flutkatastrophen kann der Mensch nichts machen, gegen Atomkraftwerke, die davon zerstört werden können, dagegen schon.

Natürlich hängt alles zusammen, wie sollen Hochgeschwindigkeitszüge, schnelle Internet- und Handynetze, diese ganze Technik, diese ganze Infrastruktur, die eine hochtechnologisierte Gesellschaft braucht, am Laufen gehalten werden, ohne Energie? Schon jetzt ist von Energieengpässen die Rede, der Strom in Japan wird rationiert, jeweils für einige Stunden täglich sollen ganze Regionen quasi abgeschaltet werden, Lautsprecherwagen fahren durch die Stadtviertel in Tokio, um den Leute mitzusteilen, wann bei ihnen der Strom abgeschaltet wird. Von den 55 Reaktoren in Japan sind 10 ausgefallen, die Netze sind zum Teil zerstört – und gerade in den Katastrophengebieten wird dringend Energie benötigt.

Und doch – auf welche Weise soll Energie erzeugt werden? Wie erklärt man den Menschen, die nach Havarien in Atomkraftwerken ihre Existenzgrundlage verlieren, dass der Betrieb von Atomkraftwerken ein tragbares, ein notwendiges Risiko sei? Wie erklärt man es den Strahlenopfern und ihren Nachkommen? Klar, auch Auto fahren ist gefährlich, man kann auch vom Fahrrad fallen oder an einem Pfirsichkern ersticken. Aber den Tod und das Leid von Millionen in Kauf zu nehmen um vermeintlich günstige Energie zu erzeugen – das nicht nicht nur verantwortungslos, das ist verwerflich. Insbesondere, weil noch viele Generationen mit den gefährlichen Hinterlassenschaften dieser Technologien leben müssen, ohne den geringsten Nutzen davon zu haben.

Nach Tschernobyl sind viele, insbesondere Ältere, in die versuchten Gebiete zurückgekehrt, weil sie wo anders keine Perspektive hatten. Wie soll man Millionen Menschen nach einem GAU wo anders eine neue Existenz aufbauen? Das wird auch in Japan ein riesiges Problem werden – wie in jedem anderen Land, wenn es dort zu einem GAU käme. Und je mehr Atommeiler weltweit am Netz sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem GAU kommt – bei den Anlagen mit sehr hohen Sicherheitsstandards wie denen in Japan, war dazu ein extremes Erdbeben nötig, bei weniger sicheren Anlagen wie Tschernobyl reichten schon Bedienungsfehler. Die meisten Anlagen, die weltweit laufen, sind nicht so sicher wie die in Japan. Auch viele der Anlagen, die in Deutschland laufen, nicht.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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2 Antworten zu Das Land der untergehenden Sonne

  1. petrasusan schreibt:

    Es gibt in Japan keine freien Fleckchen, wo die Menschen hin könnten. Wenn man mit dem Zug durchs Land fährt, sieht man, wie dichtbesiedelt das Land ist. Mich treibt die Frage um, wohin mit den Menschen. Was wird aus ihnen werden.

    • modesty schreibt:

      Die Frage stellt sich in der Tat immer verzweifelter, jetzt ist der dritte Reaktorblock explodiert und so wie es sich anhört, beginnen die Menschen auch Tokio zu verlassen – die Strahlung wird stärker und kommt näher. Ja, wo sollen die Leute hin? Auf diese Frage gibt es ebensowenig eine Antwort wie auf die Frage, wohin man mit dem ganzen Atommüll soll, der ja auch bei der normalen Atomkraftnutzung ganz ohne Extra-Katastrophen anfällt.

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