Freiheit statt Rente!

Das Handelsblatt will Deutschland ungeschminkt zeigen und hat am Dienstag auf Seite 6 einen großen Artikel abgedruckt: „Die Anatomie des Versagens“, in dem Krankheitsminister Röslers Gesundheitsreform ganz richtig als genau die Verschlimmbesserung von allem analysiert wird, die sie tatsächlich ist.  Auf Seite 7 hieß es „Die Pflegeversicherung – ein Torso“, was ebenfalls eine zutreffende Analyse des aktuellen Zustandes ist, dem Torso fehlen nicht nur Armen und Beine, sondern auch der Kopf. Auf den Seiten 8 und 9 gab es einen besonders langen Artikel unter der Überschrift „Mit der Rente kommt die Armut“ – auch das eine zutreffende Analyse dessen, was da auf die braven Bürger zukommt, die einfach das Pech haben, nicht jetzt schon Rentner zu sein.

Die Zukunft für den Normalarbeitnehmer, der oft ja nicht mal mehr zum Arbeiten ran genommen wird, wird noch düsterer als die ohnehin schon wenig schöne Gegenwart. Aber was kommt dann auf der Seite 10? „Deutschland braucht mehr Liberalismus!“ So sieht die kleine heile Welt der Handelsblättler aus.

Dabei ist noch mehr Liberalismus ja nun genau das, was Deutschland (und die ganze Welt) nicht braucht, wenn die vorher beschriebenen Probleme halbwegs vernünftig gelöst werden sollen. Also sozialverträglich oder wie das altmodische Wort dafür lautet: menschlich. Aber das will offenbar keiner von den Handelsblätterern. Sie wollen sämtliche Probleme lösen, in dem sie den Leuten mehr Liberalismus geben, also die Freiheit, sich nur noch um sich selbst kümmern zu müssen. Jeder ist sich selbst der Nächste.

Könnte sogar hinhauen: Dann werden die Schwachen nicht mehr so alt und belasten die Starken nicht länger. Wenn sich nur noch die Leute Gesundheit leisten können, die entsprechend verdienen, dann erledigt sich das Problem der Überalterung ganz von selbst – dann werden nur noch die alt, die sich auch das Alter leisten können. Fangt am besten gleich mit der Gesundheitsreform an: Krankenkassen abschaffen, Ärzte nur noch privat bezahlen – dann gibt es kein Kostenproblem mehr. Zumindest keins, was den Staat davon abhält, die Steuern zu senken und die Wirtschaft zu fördern.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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