Frauen sind schuld am Fachkräftemangel

Vorhin hab ich es wieder im Radio gehört: Die deutsche Wirtschaft jammert unverdrossen über einen Fachkräftemangel. Als ob es keine fünfeinhalb Millionen Arbeitslose geben würde. Nach offiziellen Angaben, tatsächlich dürften noch ein paar Millionen Leute ohne bezahlten Job mehr sein.

An welchen Fachkräften mangelt es denn, wenn sich unter diesen vielen Millionen, die auf der Suche nach einem Job sind, nicht wenigstens ein paar Tausend Fachkräfte finden lassen? Außerdem gibt es noch ein paar Millionen Menschen mehr, die nur mies bezahlte Billigjobs haben und nur zu gern zur vernünftig bezahlten Fachkraft aufsteigen würden. Ich kenne eine ganze Reihe gut ausgebildeter Arbeitsloser, die gern mal wieder für Geld arbeiten würden.

Gut, es kommt vielleicht nicht jeder als Fachingenieur für Windkraftanlagen oder Entwickler von Elektroautos infrage. Und nicht jeder hat Lust, sich dämliche Apps für Smartphones auszudenken. Und nicht jeder kann im Baugewerbe arbeiten – kürzlich las ich, dass in Spanien eine 69jährige Frau vom Arbeitsamt gezwungen wurde, auf dem Bau zu arbeiten – als ob es in Spanien nicht genug arbeitslose junge Männer geben würde. Aber hier wird das in ein paar Jahren auch kommen, denn die Leute sollen künftig erst mit 69 in Rente gehen dürfen. Wenn überhaupt.

Möglicherweise fehlt es auch in Deutschland an Bauarbeitern, weil es ja noch nicht genug hässliche leerstehende Bürogebäude gibt. Aber es fehlen auch Altenpfleger und Kindergärtnerinnen. Heißt es. Sie fehlen so sehr, dass Politiker, insbesondere der Regierungsparteien, schon darüber schwadronieren, wie man die bisher nur zuhause für unproduktive Hausarbeit oder in Teilzeitjobs eingesetzten weiblichen Fachkräfte dazu kriegen kann, ihre Arbeitskraft doch endlich in einem Vollzeitjob zu verausgaben, damit die deutsche Wirtschaft wieder so richtig wachsen kann.

Typisch, jetzt hängt es wieder an den Frauen. Erst muss man sie mit Elterngeld und Ehegattensplitting dazu bringen, dass sie zuhause bleiben und Kinder kriegen. Dann hat man sie endlich soweit, dass sie begriffen haben, dass sie sich auch zuhause und in Teilzeit selbst verwirklichen können – und dann wollen sie nicht einfach wieder Vollzeit arbeiten gehen, wenn die Wirtschaft ruft. Als ob sie nicht abends putzen, kochen oder einkaufen könnten, die Läden haben schließlich inzwischen auch bis 21 oder 22 Uhr auf. Und Familienministerin Kristina Schröder passt höchstpersönlich auf die Kinder auf, schließlich hat sie bald auch eins. Diese Fachkraft fehlt bestimmt auch nirgends, so ganz nebenbei.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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