Arm aber attraktiv: Warum Manager Berlin lieben

Die Berliner Zeitung macht heute damit auf, dass die Mieten in Berlin rasant steigen. Seit 2009 hat sich der Quadratmeterpreis offiziell um knapp 8 Prozent erhöht. Sogar Grüne und die CDU kritisieren den rot-roten Senat, der wenigstens die Vermieter glücklich macht. Nur die FDP findet das gut – aber diese Randgruppe hat sich in der letzten Zeit so erfolgreich marginalisiert, dass sie nun finden kann, was sie will, ohne dass sie Gefahr läuft, von irgendwem gewählt zu werden.

Wobei ich noch ein paar weitere schlechte Nachrichten für die Berliner gefunden habe, etwa am Rand von Seite 9, wo es heißt, dass hohe Preise für Lebensmittel und Energie den Preisauftrieb in Berlin in Mai mal wieder beschleunigt haben. Was vermutlich auch nur die FDP gut findet. Und die Energieversorger.

Gleich darunter war zu lesen, dass die Anzahl der offenen Stellen in Deutschland erstmals „seit der Krise“ wieder gesunken sei. Ich weiß schon gar nicht mehr welche der Krisen nun als „die Krise“ zu gelten hat, aber Krise war ja immer mal, daran kann ich mich erinnern. Die Jobnachfrage bleibe aber auf hohem Niveau. Erstaunlicherweise jedoch kein Wort über den Fachkräftemangel. Dafür aber ein großer Artikel darüber, wie attraktiv Berlin doch als Standort ist.

Die Wirtschaftsberatungsgesellschaft (also eine Vereinigung der Ausbeutungsoptimierer) hat in einer Studie festgestellt, dass Berlin der attraktivste Investitionsstandort der Bundesrepublik ist. Hurra! In Europa sind nur London und Paris noch attraktiver. Wie die für die Studie befragten Manager darauf kommen, ist allerdings nicht nachvollziehbar, denn an Fakten ist das nicht zu belegen. Berlin hat weiterhin die höchste Arbeitslosenquote in Deutschland und die Konjunktur kommt hier auch nicht in Schwung. Die Mehrheit der blöden Berliner ist einfach zu arm, um endlich mal richtig Kohle nachzulegen. Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) und IHK-Präsident Eric Schweitzer (Kapitalisten) fühlen sich aber trotzdem bestätigt und sehen aber ermutigende Signale.

Die Manager schätzen die „in den vergangenen Jahren neu geschaffene Infrastruktur“. Vermutlich meinen sie damit nicht die S-Bahn, aber dort wird man einen Manager vermutlich nie antreffen. Und es gibt für alle, die sich kein Auto leisten können, auch prima Fahrradwege in Berlin. Obwohl das vermutlich auch nicht die Infrastruktur ist, die Manager jubeln lässt. Die meinen vermutlich mehr so die informelle Infrastruktur, auch Filz oder Klüngel genannt. Auch die Nähe zu Osteuropa und das Fachkräftereservoir im Umland zählen zu den Pluspunkten. Osteuropa – alles klar, der Manager liebt Sex and Crime. Und den Großflughafen BBI nicht zu vergessen, damit man schneller nach Warschau, Moskau und auf die Malediven kommen kann. Da sollen sich die Wannsee-Villen-Besitzer mal nicht so anstellen wegen des bisschen Fluglärms, das sie noch abkriegen, falls sie grad nicht selbst im Flieger sitzen.

Nicht ausdrücklich genannt werden die miesen Löhne, die in Berlin und im Umland, das quasi schon zu Osteuropa gehört, gezahlt werden. Aber das ist vermutlich im Begriff Fachkräftereservoir schon inbegriffen, denn Fachkräfte sind vor allem dann attraktiv, wenn man ihnen nicht viel zahlen muss. Und weil sich in Berlin die Uniabsolventen gegenseitig auf die Füße treten, muss man ihnen häufig gar nichts zahlen, sondern kann sie gleich als Fachkraft im Praktikum einstellen. Blöd nur, dass die sich dann keine höheren Mieten leisten können und weder die gehobene Gastronomie noch die neuen Edelläden unterstützen können. Vielleicht sollen Ernst & Young mal ein Metropolen-Konzept für Berlin austüfteln, das gehobenen Konsum ohne Konsumenten hinkriegt, überhaupt höhere Erträge bei sinkender Kaufkraft. Dann wäre Berlin erst so richtig attraktiv. Nicht für die Einwohner, aber doch wenigstens für die Wirtschaftsbosse. Berliner sind ohnehin nichts als lästige Staffage. Von wegen arm aber sexy. Arm und übellaunig sind se, die Berliner. Arm und hässlich. Schlimmer noch: arm und geizig. Berlin ohne Berliner, das wärs doch.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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