Offene Gesellschaft – jetzt erst recht!

Unfassbar. Da geht ein norwegischer Neonazi los, legt erst das Regierungsviertel von Oslo in Schutt und Asche und knallt dann kaltblütig mindestens 86 Menschen ab – wehrlose Jugendliche, die an einem Feriencamp teilnahmen. Im ersten Beitrag in der Tagesschau, den ich dazu gesehen habe, wurde reflexhaft noch ein islamistischer Hintergrund vermutet – bald schon stellte sich allerdings heraus, dass es sich bei dem Attentäter um einen rechtsradikalen Norweger handelte. Einen großen blonden Arier, der weder Moslems, noch Linke leiden kann. Der offenbar dermaßen in einem verschwurbelten Weltbild mit Versatzstücken aus christlichem Fundamentalismus und Nationalsozialismus verfangen ist, dass er bereit ist, für seinen Kampf über Leichen zu gehen – und zwar über möglichst viele.

Er kämpfe gegen eine Kolonialisierung Europas durch den Islam behauptet er, und gegen „Kulturmarxismus“ – was immer das sein soll. Ein Tempelritter will er sein, auf einem Kreuzzug gegen Multikulti – also ob es jemals eine Monokultur gegeben hätte. Monokulturen sind ungesund und anfällig, nur Vielfalt sichert ein Überleben. Gerade unter den Biologisten sollte das doch bekannt sein. Kultur ist doch Auseinandersetzung mit verschiedenen Einflüssen, sie entsteht gerade dort, wo es Reibungspunkte gibt. Den Niedergang von Kultur bejammern und gegen neue Einflüsse sein, wie bescheuert ist das denn?!

Überhaupt – was hat einer für eine Vorstellung von Kultur, der mit Spezialmunition, die besonders schwere Verletzungen hervorrufen soll, auf Kinder und Jugendliche schießt? Eine Kultur der Gewalt und der Willkür – falls man so etwas überhaupt noch als Kultur bezeichnen kann. Es ist das Gegenteil davon, die Abwesenheit von Kultur, die Herrschaft niedrigster Instinkte und plattester Ideologie. Da ist ein Ausgeburt der Kehrseite der Menschheit unterwegs, ein menschgewordener Alptraum.

Und das Schlimmste daran ist: Gegen Wahnsinnige und Verblendete dieses Kalibers gibt es keinen Schutz. Weder Polizei noch Geheimdienste hatten Anders Behring Breivik auf dem Schirm. Wie auch der Oklahoma-Bomber bekannt gewordene Timothy McVeigh, der 1995 bei einem Bomben-Attentat in Oklahoma City 186 Menschen tötete und über 800 verletzte, schien Breivik ein etwas eigenartiger, aber sonst unauffälliger Zeitgenosse zu sein. Wie McVeigh sympathisierte Breivik mit rechtsextremistischen Organisationen, war ein Waffennarr und steigerte sich nach und nach in einen wahnhaften Hass auf die eigene Regierung hinein. Aber das ist für sich genommen ja weder besonders auffällig noch strafbar. Auch in Deutschland gibt es Schützenvereine, christliche Fundamentalisten dürfen unbehelligt ihr Unwesen treiben und Rassisten werden in Talkshows eingeladen – sogar in den Reihen der SPD werden Politiker geduldet, die haarsträubende rassistische Plattheiten sogar als Buch auf den Markt bringen.

Und in der CDU gibt es eine Ministerin, die Projekten gegen Rechtsextremismus dringend benötigte Mittel streicht, weil diese für den Kampf gegen den Linksextremismus benötigt würden. Und das, obwohl sich immer wieder herausstellt, dass die Gefahr von rechts die tödlichere ist. Kein Linksextremist, auch kein noch so verbohrter, würde solche Attentate planen oder gar begehen wie Breivik oder McVeigh es getan haben. Selbst auf das Konto der RAF, die meines Wissens die einzige linksextremistische Organisation in der BRD war, die gezielt Menschen getötet hat, gehen insgesamt „nur“ 34 Todesopfer. Das ist schlimm, denn es ist immer falsch, Menschen zu töten. Selbst wenn es Nazis, Bullenschweine oder Kapitalisten sind. Jeder Mensch ist ein Mensch, so bescheuert und verkehrt sein Weltbild auch sein mag. So ekelhaft er und seine Taten auch sein mögen. Das gilt sogar für Typen wie McVeigh und Breivik.

Gerade Linke, die sich doch für eine bessere Welt für alle Menschen engagieren (sonst sind es keine Linken) dürfen niemals töten. Genau das unterscheidet sie doch von den Rechten, die Menschen einsortieren in verschiedene Rassen, in lebenswertes und unwertes Leben, in Gewinner und Verlierer. Meiner Meinung nach hätte auch ein McVeigh nicht hingerichtet werden dürfen. Rache führt nicht in eine bessere Welt. Die Todesstrafe verführt nur zum Glauben, dass es einfache Lösungen gibt. Die gibt es aber nicht. Es gibt Böses und Perverses, das müssen Gesellschaften aushalten, damit müssen sie umgehen. Aber sie müssen nicht akzeptieren, dass die Bösen und Perversen das Sagen haben. Nicht mehr Überwachung und Hochrüstung dürfen die Antwort sein, sondern mehr Anteilnahme, mehr Aufmerksamkeit, mehr Solidarität.

Und eine entschiedene Absage an rechtes Gedankengut. Wenn jetzt in rechten Foren geäußert wird, dass Breivik dem Kampf gegen Multikulturalität und Islamismus einen schlechten Dienst erwiesen habe, weil er doch arische Landsleute ermordet hat, überkommt mich genauso das Kotzen. Was wäre, wenn er in einem Asylantenheim gewütet hätte? Wäre es okay gewesen, wenn er asiatische, afrikanische, irgendwie islamische Kinder abgeknallt hätte?!

Wobei natürlich schon bezeichnend ist, dass am Ende keine Rolle mehr spielte, wer für den Wahnsinn dieser Attentäter sterben musste. Im Murrah Federal Building, vor dem McVeigh seine Autobombe zündete, befand sich neben verschiedenen Bundesbehörden auch ein Kindergarten. Breivik erschoss gezielt jugendliche Teilnehmer eines Feriencamps der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Die Täter wollten töten. Wer ihre Opfer waren, war vermutlich gar nicht so wichtig. Umso wichtiger, dass man die Beweggründe der Attentäter ernst nimmt: Es geht um einen tiefen Menschenhass, um das Bedürfnis, Leben auszulöschen. Das Recht des Stärkeren. „Ich habe recht, weil ich die Waffe habe.“ Dieses Denken darf nie und nimmer recht behalten. Es ist falsch. Es ist unmenschlich. Und gerade weil dieses schreckliche Attentat in Norwegen stattgefunden hat, wäre es falsch, sich von dem Ideal der offenen Gesellschaft zu verabschieden. Denn dann hätte dieser elende Scheißkerl sein Ziel erreicht.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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