Alles, nur kein christlicher Fundamentalismus!

Noch ein paar Bemerkungen zu den Attentaten in Norwegen:

Inzwischen wurde die Anzahl der Menschen, die dieser Anders BB am 22. Juli ermordet hat, auf 77 korrigiert. Zahlreiche Meldungen machen die Runde, wen oder was Breivik noch alles angreifen und ermorden wollte. Es ist auch eine Diskussion darüber entbrannt, ob ABB denn nun ein Neo-Nazi, ein Faschist, ein Geisteskranker, ein Terrorist oder einfach nur ein Mörder sei. Vermutlich ist er das alles, je nach Definition. Es gibt sogar einen niederösterreichischen Radioredakteur, der sich daran gestört hat, dass ABB als christlicher Fundamentalist bezeichnet wurde. Weil die Ermordung von so vielen Menschen doch nicht in einem Atemzug mit dem Wort „christlich“ genannt werden könne.

Da fragt man sich schon, ob dieser Robert Ziegler irgendeine Ahnung davon hat, wie das mit dem Christentum so gelaufen ist. Historisch gesehen. Die Christen sind zwar anfangs auch verfolgt worden und mussten ihren neuen Kult heimlich ausleben, aber danach waren sie auch nicht immer besonders nett zu allen, die nicht an ihren Gott glauben wollten. Gerade die christlichen Kreuzritter, in deren Tradition sich ABB unter anderem sieht, haben auf ihren Kreuzzügen durchaus den einen oder anderen Ungläubigen ins Gras beißen lassen. Wobei es schon bei den Original-Kreuzzügen im 11. und 13. Jahrhundert nicht nur um den guten und besseren Glauben, sondern auch um wirtschaftliche Interessen ging.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz hält ABB übrigens nicht für einen Neo-Nazi. In einer Expertise, die das BfV an weitere deutsche Sicherheitsbehörden verschickt hat, heißt es, dass Breivik sich selbst als Feind der Nazis ansehen würde und auch nicht Israel-kritisch sei. Die Behörde stuft den Attentäter als anti-islamischen, fremdenfeindlichen Einzeltäter ein. Okay, nach dieser Definition ist er ist er halt kein Neo-Nazi, sondern „nur“ ein Rassist. Macht die Sache nicht besser.

Etwas einfacher ist es mit der Terrorismus-Definition: Ein Terrorist ist einer, der mit Gewaltaktionen gegen eine herrschende Ordnung vorgeht, um einen politischen Wandel zu erreichen. Terror soll Angst und Schrecken verbreiten, was ABB absolut gelungen ist. Ein Terrorist ist er auf jeden Fall. Aber ist er, wie auch häufig zu lesen ist, geistesgestört? Hier ist die Sache wieder schwieriger. Einer, der vorsätzlich andere umbringt, ist ganz klar gestört. Einer, der auch noch glaubt dazu einen Auftrag von ganz oben zu haben, sowieso. Alle Fundamentalisten, die Andersgläubige ausrotten wollen, haben extrem einen an der Waffel. Und alle, die denken, dass ihnen ihr eigener Frust und Überdruss das Recht gibt, andere umzubringen, ebenso. Insofern müsste man so ziemlich alle Attentäter als geistesgestört bezeichnen.

Aber was ist überhaupt eine Geistesstörung? Ich persönlich finde so ziemlich alle Leute ganz schön gestört, die an einen Gott glauben, egal ob sie ihn Allah, Jehova, Jesus Christus, Thor oder Profitrate nennen oder ob sie gleich einen ganzen Götter-Klan zum Anbeten haben. Aber das heißt nicht, dass sie nicht auch zu sonst durchaus rationalem Verhalten in der Lage wären. Irgendeine Macke hat jeder, da will ich mich gar nicht ausschließen. Aber klar gilt nicht jede kleine Marotte aus Ausrede, wenn gegen Gesetze verstoßen wird. Wenn ich doof finde, dass der, der von rechts kommt Vorfahrt hat, weil ichs besser fände, dass links Vorfahrt hätte, wird mir diese kleine Verrücktheit sicherlich nicht strafmildernd ausgelegt, wenn ich auf meine linke Vorfahrt bestehe und deshalb einen Unfall provoziere.

Alles nicht so einfach. Auf jeden Fall gibt es aber noch zwei Texte, die ich in diesem Zusammenhang zum Weiterlesen empfehlen möchte. Der eine ist von Susan Garth, die eine ganze Reihe unbeantworteter Fragen zu den Anschlägen in Norwegen hat. Der andere Text von Freerk Huisken stellt fest, dass auch Wahnsinn Methode haben kann.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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