Deutschland ist überhaupt nicht arm an armen Kindern

Gestern waren die Medien wieder voll von der schrecklichen Nachricht, dass Deutschland das kinderärmste Land in Europa sei.

Insbesondere die Ostdeutschen hätten keine Lust mehr, Kinder zu bekommen. Und das, obwohl es gerade in Ostdeutschland noch vor einer Generation ganz selbstverständlich zum Leben dazu gehörte, Kinder zu bekommen. Die Leute bekamen früher Kinder als im Westen, und auch mehr davon. Die Frauen mussten sich keine Gedanken machen, ob sie nun ihrem Beruf oder ihrer Familie den Vorrang geben sollten – der Staat kümmerte sich mit einem sehr gut ausgebauten Betreuungssystem darum, dass die Kinder tagsüber gut untergebracht waren, wenn Mutti und Vati zur Arbeit gingen. Denn jede und jeder wurde gebraucht.

Interessanterweise wurde aber nicht nur über diese zur demographischen Katastrophe hochgejubelte Vermehrungsfaulheit der Deutschen gejammert, sondern die Begründung gleich mitgeliefert. Denn die Artikel, die nicht mit „Deutschland ist arm an Kindern“ überschrieben waren, hatten Titelzeilen wie „Jedes sechste Kind in Deutschland von Armut bedroht“ oder „Die Kinder von Alleinerziehenden sind besonders häufig arm“.

Da frag ich mich natürlich, warum Journalisten und Politiker nicht einfach 1 und 1 zusammenzählen können. Denn wenn eins klar ist, dann ja wohl, dass Deutschland keineswegs arm an armen Kindern ist. Im Gegenteil, Deutschland hat erschreckend viele arme Kinder! Ob das nun 10 oder 16 Prozent aller Kinder in Deutschland sind, wie an anderer Stelle schon diskutiert wurde, ist dabei schon fast wieder Wurscht. Es ist nicht schön, ein armes Kind zu sein. Natürlich ist es auch nicht schön, arm zu sein, wenn man kein Kind mehr ist. Besonders traurig ist es natürlich, wenn Menschen in die Armut abrutschen, weil sie Kinder bekommen.

Aber wer in Deutschland Kinder bekommt und aufzieht, hat ziemlich gute Aussichten auf ein Leben in Armut. Denn leider ist es so, dass hierzulande eben keine Rücksicht darauf genommen wird, dass die lieben Kleinen tagsüber gut versorgt sind, damit Mama arbeiten gehen kann, bzw. arbeiten gehen muss. Denn wenn sie nicht arbeitet, ist die Armut vorprogrammiert. Erstens, weil ein deutsches Durchschnittsgehalt ohnehin nicht mehr reicht, um eine Familie mit mehreren Kindern zu ernähren. Und zweitens weil es einen männlichen Familien-Ernährer häufig gar nicht mehr gibt.

Frauen sollen arbeiten gehen

Und jüngst wurde erst höchstrichterlich entschieden, dass geschiedene Frauen, die Schulkinder betreuen, durchaus den ganzen Tag arbeiten gehen können, statt ihrem Ex auf der Tasche zu liegen. Dazu passt dann auch wieder, dass Kinder von Alleinerziehenden besonders häufig arm sind. Denn es ist einfach unmöglich, einen typischen Vollzeitjob, vielleicht auch noch mit einer Stunde Weg zur Arbeitsstelle, zu machen, und dann auch noch Schulkinder zu betreuen. Selbst wenn es einen Schulhort gibt, selbst wenn die Kinder in der Schule essen können. Selbst wenn es freundliche Nachbarn oder befreundete Eltern gibt, die das Kind auch mal abholen, wenn es wieder länger dauert, oder die das Kind mal zu sich mit nach Hause nehmen, wenn irgendwas dazwischen kommt.

Ganz davon zu schweigen, dass Mama, wenn sie nach der Arbeit kaputt nach Hause kommt, niemanden hat, der schon mal das Essen kocht und das kalte Bier an den Fernsehsessel bringt. Denn einkaufen, kochen und danach wieder Ordnung schaffen, waschen, putzen, schnell ein neues Heft oder neue Turnschuhe kaufen, das muss die Mama natürlich auch noch.

Und dann ist es Zeit für Zähneputzen und Gutenachtgeschichte. Und dann fällt Mama tot ins Bett. Bis um sechs der Wecker klingelt, spätestens, denn erst muss das Kind ja zum Frühhort, bevor Mama wieder zur nächsten Schicht antreten kann. Damit sichergestellt ist, dass das Kind auch in der Schule ankommt. Und das jeden Tag.

Und in den Ferien wird die Situation noch komplizierter, denn wer kümmert sich um das Kind, wenn keine Schule ist? Denn oft macht auch der Schulhort ein paar Wochen Ferien, das sind dann die schrecklichen Schließzeiten, in denen das Kind in den Nothort muss, der am Ende irgendwo hinter dem Mond liegt und wo es kein anderes Kind kennt. Dann hat die Mama wieder nur die Wahl zwischen Pest und Cholera, bringt sie jetzt das verzweifelt heulende Kind am nächsten Tag wieder in den Nothort oder nimmt sie es doch mit zur Arbeit, sofern das irgendwie möglich ist? Oder greift sie zum letzten Rettungsanker und lässt sich krank schreiben, damit sie bei dem Kind zuhause bleiben kann? Sollte sie nur nicht zu oft machen. Denn auch die Kinder sind mal krank.

Nächste Katastrophenszenario: Das Kind kann sich noch nicht selbst zum Arzt bringen und auch nicht den ganzen Tag allein zuhause bleiben. Schon gar nicht, wenn es wirklich krank ist, es Fieber und Schmerzen hat. Selbst wenn Mama Glück hat und keinen Niedriglohn bekommt, sondern sogar halbwegs vernünftig bezahlt wird, kann sie sich keine Tagesmutter oder Krankenpflegerin nach Hause kommen lassen. Dafür reichts dann doch nicht. Und auch der verständnisvollste Arbeitgeber bezahlt die Mama nicht für die Kinderbetreuung, sondern damit sie ihren Job macht. Dann ist wieder einmal extrem viel Flexibilität und Einfallsreichtum gefordert. Dann geht halt der Jahresurlaub für die Kinderbetreuung drauf. Geld zum gemeinsamen Wegfahren in den Ferien ist ohnehin oft nicht übrig.

Es ist wirklich kein Vergnügen in Deutschland Kinder zu haben, und wenn frau berufstätig und allein ist, schon gar nicht. Da verwundert es eigentlich, dass es überhaupt noch Frauen gibt, die sich so etwas antun.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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