„Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“

Von der Erosion bürgerlicher Werte war in den vergangenen Jahren immer wieder zu lesen. Dabei ist „bürgerlich“ durchaus kein linker Kampfbegriff mehr, mit dem früher eine Klasse von ignoranten und egoistischen Besitzstandswahrern beschrieben wurde – die Klasse der Bürgerlichen eben, die sich nachdrücklich gegen die Proletarier abgrenzte, weil sie sich ihnen materiell und moralisch überlegen fühlte. Das ist vorbei, denn bürgerlich, das sind heute fast alle, und viele besetzen diesen Begriff heute ohnehin ganz anders: mit sozialem Engagement und Ehrenamt, mit der Bereitschaft, für sich selbst und andere Verantwortung zu übernehmen, ja, auch Leistungsbereitschaft gehört dazu, das ist ja keine Schande. Aber übertriebener Ehrgeiz wird gar nicht mehr so gern gesehen, lieber eine Vorstellung vom „guten Leben“, das eben nicht nur dem Gelderwerb gewidmet sein soll. Zu den bürgerlichen Lebensformen gehören heute Patchworkfamilien, Alleinerziehende, gar nicht Erziehende oder schul-lesbische Lebenspartnerschaften.

Vieles von dem, was in den 60er und 70er Jahren noch als Möglichkeit angesehen wurde, sich gegen die bürgerlichen Lebensformen abzugrenzen, gegen die spießigen Wertvorstellungen der Alten zu protestieren, gehört heute zum bürgerlichen Repertoire. Es gilt geradezu als chic, ein bisschen spießig zu sein. Die einen empfinden das als Werteerosion, die anderen sehen genau darin ein neues Wertebewusstsein.

Fassade alter Schlachthof mit Baugerüst

Die mühsam aufrecht erhaltene Fassade bürgerlicher Werte: Es ist nichts mehr dahinter

Ist ja auch kein Wunder, nach dem ganzen Hippie- und Punktum der Eltern wollen die jungen Leute von heute auch wieder anders sein. Reihenhaus und Schrebergarten sind unter jungen Leuten total in, inzwischen kann man sich kaum etwas Schöneres vorstellen, als nach vielen Praktika endlich einen richtigen Arbeitsvertrag ohne Befristung zu bekommen. Und abends chillt man ein bisschen auf der Terrasse am Grill statt sich mit Politik zu beschäftigen. Das macht ja nun wirklich auch keinen Spaß und ändert erst mal nichts an den hässlichen Dingen, die um uns herum passieren.

Und dann gibt es noch die Wutbürger – durch und durch bürgerliche Menschen, denen angesichts der praktisch erfahrbaren Ignoranz der Regierenden gegenüber ihren Untertanen einfach mal der Kragen platzt. Obwohl sie diese ganze bürgerlichen Ordnung mit Freiheit und Demokratie, Recht und Gesetz, Polizei und Maschendrahtzaun aus ganzem Herzen bejahen. Aber manchmal richtet sich dieser großartige freiheitlich-demokratische Apparat auch gegen die eigenen Interessen und das tut dem Bürger dann richtig weh. Nicht nur, wenn er Bekanntschaft mit einem Schlagstock oder einem Wasserwerfer macht, was in früheren Zeiten ja eher das Privileg abenteuerlustiger Jugendlicher war, die auf der Straße den Aufstand gegen den bürgerlichen Mief ihrer Eltern probten. Nein, die Bürger müssen erfahren, dass ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit und Anstand völlig falsch sind.

Heute schrieb der konservative Frank Schirrmacher in der bürgerlichen FAZ einen Artikel mit dem Titel „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“. Schirrmacher bezieht sich damit auf einen Artikel von Charles Moore, einem ebenfalls konservativen Publizisten, der vor kurzer Zeit im Daily Telegraph ein Bekenntnis unter dem gleichen Titel schrieb.

Darin geht es um die Zweifel eines bekennenden Bürgerlichen, der sich angesichts der herrschenden Politik, die ganz offensichtlich die falsche sein muss, zu fragen beginnt, ob er nicht schon sein ganzes Leben lang falsch gelegen habe: Denn die Annahmen der Linken, also den größten Gegnern dieser Politik, seien ganz offenbar richtig. So hätten die Linken verstanden, dass sich die Mächtigen nur eines liberal-konservativen Sprachgebrauchs bedienen, um ihre Vorteile zu sichern. Globalisierung hieße nicht einfach, wie der naive Bürger glauben will, weltweit freien Handel zu treiben. Sondern weltweit möglichst billig Arbeitskraft einzukaufen und dann den Gewinn zu den weltweit günstigsten Konditionen einzustreichen. Die global agierenden Banken beispielsweise kämen nur „nach Hause“, wenn sie Geld brauchen, weil sie sich verzockt hätten. Genau das war die linke Kritik an der Globalisierung: Sie sorge für weltweite Ausbeutung und dafür, dass Gewinne in wenige private Taschen fließen, während die Kosten von der Allgemeinheit getragen werden müssten.

Genau wie die Linken damit recht hatten, dass sich ein Rupert Murdoch zu einer anti-sozialen Großmacht entwickeln würde. Die Rechten hätten das nicht kapiert, weil sie Populismus für Demokratie halten würden. Moore stellt fest, dass es einfach schlimm ist, wenn die Banken, die sich angeblich doch um das Geld der Leute kümmern sollen (meine Fresse, sind diese konservativen Journalisten wirklich so naiv, was das Geschäftsmodell von Banken angeht?), es ihnen statt dessen wegnehmen, es verlieren und aufgrund staatlicher Garantien nicht mal dafür bestraft werden. Jetzt zeige sich – wie die Linke immer behauptet habe – dass sich das System, das einmal angetreten sei, um vielen ein Vorankommen zu ermöglichen, zu einem pervertiert sei, das einige wenige bereichert. Ein linker Propagandist, meint Moore, hätte sich eine Satire, wie Geld die Welt regiert, nicht besser ausdenken können, als sie jetzt gerade vor unser aller Augen statt fände.

Wohlgemerkt: Moore schrieb diesen Artikel bevor die Krawalle frustrierter Jugendlicher eine Schneise der Verwüstung durch britische Großstädte gezogen haben.

Nun sind die Sorgen von Charles Moore und Frank Schirrmacher gewiss nicht meine Sorgen. Bemerkenswert finde ich aber doch, dass auch bekennende Konservative, also echte Superbürger mit allem, was dazu gehört, endlich anfangen in sich zu gehen und dann offen zugeben, dass ihre Gegner im linken Lager mit ihrer Kritik der praktizierten „bürgerlichen“, also von den Konservativen unterstützten neoliberalen Politik genau davor gewarnt haben, worunter die Leute – und eben auch die bürgerlichen samt ihren bürgerlichen Werten – jetzt immer stärker leiden. Die ganze Welt ist ein Spielplatz des Finanzkapitals, einige wenige stecken sich den Reichtum in die Taschen, für den der Rest der Welt schuftet, und immer weniger bekommen die Chance, daran teilzuhaben.

Nicht, dass das nicht seit Jahrzehnten zu beobachten wäre. Aber so eine bürgerliche Erziehung mit all ihren verdrehten Werten, mit ihrer ganzen pluralistischen Klebrigkeit (es ist ganz okay, das es andere Meinungen gibt, aber die interessieren uns eigentlich nicht) und ihrer idealistischen Verblendung („es geht doch nicht immer nur ums Geld“), ist so schnell aus den Köpfen nicht raus zu kriegen. Auch Charles Moore hat mehr als 30 Jahre gebraucht, um darauf zu kommen, wie er in der Einleitung seines Artikels einräumt. Aber ich hoffe doch sehr, dass es bei dem einen oder der anderen etwas schneller geht.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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3 Antworten zu „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“

  1. Moritz schreibt:

    … und ich beginne mich zu wundern, dass die Trennung zwischen links und rechts immer noch so leidenschaftlich betrieben wird. Wäre es nicht viel pragmatischer die offensichtlich konsensfähigen Punkte beider Philosophien zu einer „Wirtschaften im Sinne der Allgemeinheit“ Konzept zusammenzuführen und damit die gar nicht mehr so gestriege soziale Marktwirtschaft weiter zu entwickeln? Aber vielleicht braucht es für diese Erkenntnis wieder 30 Jahre und einen klugen Wirtschaftswissenschaftler der dann einen Nobelpreis für das einfach Offensichtliche erhält.

  2. modesty schreibt:

    Ich glaube, dass eher das Gegenteil der Fall ist, wie ich mit meiner langen Einleitung klar machen wollte: Eindeutige rechte und linke Positionen gibt es gar nicht mehr, zumindest nicht im Mainstream. Insofern muss man den Leuten wieder bewusst machen, dass es sehr wohl Alternativen gibt.

    Es wird nicht funktionieren, sich aus beiden Ansätzen – es geht hier keineswegs um philosophische Fragen, sondern ganz knallhart um Wirtschaft, um die Lebensgrundlage von Gesellschaften – sich konsensfähige Punkte herauszusuchen. Denn entweder setzt man auf Marktwirtschaft und damit auf Konkurrenz mit all den hässlichen Nebenwirkungen, die derzeit zu beobachten sind ODER man sagt sich, dass es eigentlich darum gehen sollte, alle Menschen mit dem für sie nötigen zu versorgen und organisiert das, ganz ohne Weltmarkt, Profitgeier und Ausbeutung. Das wäre dann die linke Variante, also Sozialismus/Kommunismus. Eine soziale Marktwirtschaft kann es nicht geben, dieser Begriff war von Anfang an eine Lüge – die allerdings funktioniert hat, so lange es mit dem Ostblock eine ernstzunehmende Konkurrenz für den Kapitalismus gab. Mit dem Fall der Mauer ist auch dieses Konkurrenzsystem weggefallen, nun musste man niemandem mehr bewiesen werden, dass es die Leute im Kapitalimus auch nett haben können. Haben sie es ja auch nicht. Sie haben es in der Mehrzahl mittlerweise so schlecht, dass sogar Konservative darüber nachdenken, ob es anders nicht besser wäre.

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