Glück ist Privatsache

Wieder einmal las ich einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung, von dem ich meine, dass darin zwar richtige Fragen vorkommen, aber die falschen Antworten. Unter dem Titel Liebe statt Ökonomie schrieb ein gewisser Johan Schloemann über ein Buch von einer gewissen Melanie Mühl. Das Buch heißt „Die Patchwork-Lüge. Eine Streitschrift.“ Darin geht es offenbar um eine Kritik an den zusammengewürfelten Beziehungen, wie man sie heute fast schon als Standard-Familien-Modell findet: Eltern trennen sich, finden neue Partner, bekommen weitere Kinder und alle leben glücklich und zufrieden zusammen. Natürlich ist das eine Lüge. Das weiß ich auch aus eigener Erfahrung. Meine Kinder mussten in Patchwork-Verhätnissen aufwachsen und das ist keineswegs immer schön und ich halte das nicht für ideal. Aber es hilft nicht, darüber zu jammern, dass es nicht mehr so wie früher ist, denn so wird es halt nicht mehr. Und das ist auch gut so, denn früher war es auch nicht besser. Kein Familien-Modell ist ideal. Kann es auch nicht, weil Leben nicht ideal ist.

Meine Eltern beispielsweise waren solche, denen Melanie Mühl in ihrem Buch offenbar ein Loblied singt: Sie blieben zusammen, schon wegen der Kinder. Aber auch weil in ihrer Generation Scheidung noch eine Schande war. Und weil sie vermutlich gar nicht wussten, was sie ohne einander anfangen sollten. Das war auch nicht schön. Die Beziehung meiner Eltern war keineswegs harmonisch, sondern ein permanenter Krieg. Lange Zeit wünschte ich, dass meine Eltern sich endlich trennten, damit der tägliche Terror aufhören würde. Besonders geborgen fühlte ich mich zu Hause nicht, im Gegenteil trachtete ich danach, dieses Schlachtfeld möglichst bald verlassen zu können. Ich wollte nur weg, und das möglichst weit.

Es ist nicht immer ein Segen für die Kinder, wenn Eltern zusammen bleiben. Aber es ist auch schwer, wenn Eltern sich trennen. Es ist eigentlich immer schwer, Kind zu sein, insbesondere, wenn die Verhältnisse ungünstig sind. Und es gibt viele Möglichkeiten, ungünstige Verhältnisse zu erwischen. Desinteressierte Eltern, überengagierte Eltern, arme Eltern, kranke Eltern, überforderte Eltern, blöde Eltern, böse Eltern, manchmal sind Eltern zwar reich, aber desinteressiert, manchmal sind sie arm, aber engagiert, machmal aber auch einfach normal, man versteht sich aber trotzdem nicht mit ihnen.

Das größte Unglück aber ist, dass Kinder in unserer Gesellschaft absolute Privatsache sind, das heißt, Kinder sind ihren Eltern auf Geheih und Verderb ausgeliefert. Im wahrsten Sinne des Wortes. Zum Glück sind die meisten Eltern daran interessiert, dass es ihren Kinder gut geht. Aber manchen ist das egal. Das Erschrecken ist immer groß, wenn offenbar unfähige Leute ihre Kinder verhungern lassen oder zu Tode quälen. Aber das sind nun einmal die Kollateralschäden in einem System, das dem Einzelnen die Verantwortung für alles überträgt, selbst die Verantwortung für Dinge, für die ein Einzelner gar nichts kann: Es ist eben nicht jeder seines Glückes Schmied. Die einen schwingen den Hammer, die anderen bekommen ihn zu spüren. Es hat nicht jeder die Chance auf ein schönes Leben, egal wie viel von Chancengerechtigkeit gefaselt wird. Chancengerechtigkeit gibt es beim Lotto: Die meisten verlieren, einige wenige gewinnen.

Ausschnitt aus einem Plakat für ein Kabarett-Programm

Genau so isses.


Und weil das Leben hart ist und man sich den herrschenden Verhältnissen unterzuordnen hat (was von Melanie Mühl in totaler Verkennung der tatsächlichen Situation als „ständige Selbstoptimierung“ kritisiert wird – Selbstoptimierung ist nämlich kein Luxus pflichtvergessener Erwachsener, dem sie auf Kosten ihrer Familie frönen, sondern ganz im Gegenteil pure Notwendigkeit in einer Gesellschaft, in der alles auf Effizienz gedrillt wird: wer sich nicht ständig selbst optimiert hat heutzutage ohnehin schon verloren) muss der private Bereich für alles Glück herhalten, das man zu verdienen meint. Weil man sich ja ständig optimieren muss, um den Ansprüchen von Chef, Kollegen, Freunden und so weiter zu genügen. Nicht zuletzt muss man sich ständig optimieren, um eine Beziehung aufrecht zu erhalten. Nur gerät die Selbstoptimierung zugunsten von Job und so weiter oft in Konflikt mit der Selbstoptimierung für die Beziehung. Die soll einen ja eigentlich für all das, was man sonst zu erleiden hat, entschädigen. Und nun soll man da auch noch ständig dran arbeiten, wo man doch endlich mal ein bisschen Verständnis und Erholung braucht? Unter diesen Bedingungen ist es eher erstaunlich, dass nur jede dritte Ehe in Deutschland geschieden wird – wobei man natürlich berücksichtigen muss, dass viele Menschen gar nicht mehr heiraten. Was ich als Fortschritt ansehe.

Es ist in der Tat ein Problem, dass viele Menschen erwarten, in ihrer Beziehung für all das entschädigt zu werden, was sie in ihrem täglichen Leben erleiden – das kann nicht gut gehen. Jeder noch so geliebte Mensch muss irgendwann unter diesem immensen Anspruch zusammen brechen. Es ist aber verlogen, den Leuten Egoismus, Verantwortungslosigkeit oder Verbiesterung vorzuwerfen, weil sie nicht durchschauen, warum ihr Glücksanspruch auch vom gutwilligsten Partner nicht eingelöst werden kann. Natürlich macht die Totalökonomisierung von allem, der wir heute alle ausgesetzt sind, nicht vor der Ehe oder eheähnlichen Beziehungen halt. Das ist übrigens auch nie anders gewesen: Die Ehe ist klassischerweise eine ökonomische Institution, die eingerichtet wurde, um Familien das Überleben zu sichern – und das ganz buchstäblich. Mit der Ehe wurde festgelegt, wer sich in welcher Form um wen zu kümmern hat, und die Gemeinschaft wachte darüber, dass diese Regeln eingehalten wurden. Das war auch nicht immer ideal, aber es funktionierte. Es funktionierte unter anderem aber auch deshalb recht gut, weil die Erwartungen andere waren: Die Eheleute erwarteten von einander, dass sie ihren jeweiligen Aufgaben erledigten, und wenn es gut lief, dann achteten sie einander dafür, dass der andere seine Sache gut machte und vielleicht liebten sie sich sogar. Oder halt nicht. Aber das war eine Zutat, solange es ums Überleben der Familie ging.

Heute sind die wirtschaftlichen Abhängigkeiten nicht mehr so klar, dafür aber die Erwartungen an die Liebe als Glückslieferant inflationär gestiegen. Dazu kommt, dass die individuelle Persönlichkeit immer stärker betont wird. Das aber nicht, um jedem nach seinen Fähigkeiten gerecht zu werden, sondern um die Verantwortung für das Gelingen oder Scheitern eines Lebens (und damit auch von Beziehungen), den Leuten in die Schuhe zu schieben. Nicht die Verhältnisse mit Massenarbeitslosigkeit, Niedriglohn, Finanzkrisen, Sparpaketen und so weiter sind schuld, sondern nur du mit deiner verkorksten Persönlichkeit, mit deiner persönlichen Unfähigkeit, einen ordentlichen Job zu finden, deinen Kindern einen in jeder Hinsicht optimalen Start ins Leben zu ermöglichen und deinen Partner glücklich zu machen.

Und am Ende nennst du deine Flickendecke auch noch Patchwork und behauptest, dass sie doch eigentlich ganz schön sei und auch wärmt, wenigstens ein bisschen. Das stimmt sogar – und deshalb sage ich: Lasst euch diese Decke nicht auch noch wegziehen. Haltet sie fest, denn keiner garantiert euch, dass ihr was Besseres findet.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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