Wahlgesang in Deutsch-Nord-Ost

Mecklenburg-Vorpommern liegt kurz vorm Ende der Welt, und das in so ziemlich jeder Beziehung. Oben im Norden, weit im Osten. Danach kommt Sibirien. Stimmt zwar nicht ganz, da liegt noch Polen dazwischen, Weißrussland, Russland, aber hier geht es um gefühlte Geografie.

Kein Bundesland ist dünner besiedelt als Mecklenburg-Vorpommern, das zwar eine malerische Landschaft mit vielen Seen und Wäldern und wunderbarer Ostsee-Küste hat, aber sonst so ziemlich gar nichts. Gut, ein paar pittoreske und inzwischen sehr schön restaurierte Städte wie Stralsund oder Greifswald und ein stillgelegtes Atomkraftwerk sowjetischer Bauart, das in den 80er Jahren 10 Prozent des Energiebedarfs der DDR geliefert hat, aber bereits kurz nach der Wende stillgelegt und rückgebaut wurde.

Nur die Blöcke 5 und 6 wurden erhalten – die nie in Betrieb gegangen sind, weil die Wende dazwischen kam. Block 5 war so gut wie fertig, wurde aber nicht mit Brennstäben bestückt. Deshalb gibt dort es angeblich auch keine Strahlung. Block 6 kann man sogar besichtigen – er wurde quasi als Museum für Kerntechnik gebaut.

Draußen auf dem Gelände in der Nähe des verschlafenen Seebads Lubmin gibt nun neben der rückgebauten Atomruine ein so genanntes Zwischenlager, auf dem Castoren voll strahlenden Atommülls stehen. Vermutlich bis zum Sankt Nimmerleinstag, wenn sich denn kein Endlager findet. Der idyllische Standort an der Ostsee hat seine Vorteile: Es leben sehr wenige Menschen dort, die dagegen protestieren können.

Vor einigen Jahren habe ich mal Sommerferien in Lubmin verbracht, weil es dort auch in der Hauptsaison erstaunlich günstige Angebote gab. Vom Fenster meines Zimmers in einer Ferienanlage aus DDR-Zeiten aus konnte ich durch eine Schneise im Kiefernwald genau auf die noch stehende stehenden Blöcke des Atomkraftwerks sehen. Nachts sogar mit Beleuchtung.

Das war schon etwas eigenartig, denn die Bauart entspricht den Atomanlagen in Tschernobyl. Ich erkannte das sofort, schließlich ist meine Generation mit den Bildern des havarierten Atomkraftwerks in der Ukraine aufgewachsen. Meine Kinder nicht – bei ihnen wird es nun die Ruine in Fukushima sein. Aber damals waren sie begeistert von diesem Urlaub in unberührter Natur, spielten am Strand des Greifswalder Boddens, beobachteten Frösche und Schmetterlinge und ich dachte mir, dass zwei Wochen bestimmt nichts anrichten können, schließlich wohnen auch Menschen hier. Die ganze Zeit, immer. Die nicht alle tot umfallen. Es ist wirklich sehr schön dort, verwunschene Kiefernwälder bis zum Strand, und die Angler versicherten mir, dass die Fische, die man in der Nähe der Anlage fangen kann, besonders groß und lecker seien.

dicker Fisch

Ein dicker Fisch - allerdings nicht in Lubmin, sondern im Innenhof der Berliner Wasserbetriebe.

Nicht einmal zwei Millionen Menschen leben in Mecklenburg-Vorpommern, von denen sehr viele arbeitslos sind. Und von denen, die Arbeit haben, müssen die meisten zum Niedriglohn arbeiten, anstatt als hochqualifizierte Fachkräfte in der Kerntechnik. Nicht, dass ich damit sagen wollte, dass man das Atomkraftwerk wegen der Arbeitsplätze weiterhin betreiben müsste. Meine Position dazu dürfte Lesern dieses Logs bekannt sein: Ich bin niemals für die Rettung von Arbeitsplätzen, schon gar nicht von dermaßen gefährlichen. Ich lehne Lohnarbeit generell ab, weil sie immer Ausbeutung ist. Aber wenn man schon arbeiten muss, dann soll man wenigstens etwas davon haben. In unserer Gesellschaft ist das leider nicht unbedingt die Hauptsache.

Niedriglöhner werden um alles betrogen, vor allem um ihr Leben, das sie mit nervtötenden Jobs verbringen müssen, bei denen nicht mal ein Existenzminimum abfällt. Insofern verstehe ich die Angler. Aber Fisch abkaufen wollte ich ihnen dann doch nicht.

Aber man kann so ein Stück Deutschland ja nicht einfach abtrennen und sich selbst überlassen, als osteuropäisches Entwicklungland, in das man ab und zu eine Hilfslieferung schickt, wenn wo anders etwas übrig ist. Falls etwas übrig ist, denn auch im Westen gibt es immer mehr Bedürftige.

Aber nein, das geht nicht: da leben schließlich auch Deutsche. Und deshalb muss man denen die Illusion geben, irgendwie mitmachen zu dürfen. Beispielsweise gestern. Da durften auch die Ossi-Fischköppe wählen. Und immerhin 52 Prozent der Wahlberechtigten glauben noch daran, dass sie irgendwas zu sagen haben und sind zur Wahl gegangen. Eine knappe Mehrheit zwar, doch zur Demokratiebestätigung ausreichend. Spannend wird es, wenn die Wahlbeteiligung unter 50 Prozent sänke, dann könnte nämlich keine Regierung behaupten, dass sie irgendeine Mehrheit vertreten würde, was ohnehin längst nicht mehr der Fall ist.

Und das Wahlergebnis bestätigt, was allgemein zu erwarten war: Die FDP hat sich inzwischen erfolgreich abgeschafft und das ist das Beste, was man seit langem über diese Partei sagen konnte. Nur noch 2,8 Prozent der Wähler haben sie gewählt, und man darf zuversichtlich sein, dass diese innerhalb der neuen Legislaturperiode aussterben werden. (Jungs, die in Meck-Pomm geboren werden, haben laut des Statistischen Bundesamtes ohnehin die geringste Lebenserwartung im Ländervergleich. Bei Frauen ist sie im Saarland am niedrigsten, gefolgt von Baden-Württemberg.)

Die NPD hat dagegen mit 5,9 Prozent mehr als doppelt so viele Stimmen bekommen wie die FDP. Allerdings ist das so mit Entwicklungsländern – wenn die Leute sonst nichts mehr haben, womit sie sich sonst sinnvoll beschäftigen können, leben die idiotischsten Nationalismen auf: Als die Sowjetunion auseinander brach, formierten sich plötzlich ganz viele Nationalstaaten, die ihre Besonderheiten erbittert gegen einander verteidigten und schon hatte man allerlei Bürgerkriege, die es zuvor nicht gegeben hatte. Das könnte demnächst auch in Libyen der Fall sein, wenn die ganzen verschieden Stämme plötzlich ihre ach so speziellen nationalen Eigenarten entdecken.

Ausgerechnet also in Meckpomm, wohin sich selten ein Ausländer verirrt, fällt fast 6 Prozent der Wähler nichts besseres ein, als ihr Deutschsein besonders betonen zu müssen, weil sie sonst nichts haben, worauf sie stolz sein können. Ich will ja weder rassistisch, noch sexistisch werden, aber die Mädels haben schon recht, wenn sie woanders ihr Glück versuchen, denn die Meckpommerschen Jungmannen sind offenbar nicht die hellsten. Denn es sind vor allem junge Männer, die die Rechten wählen – „problematisches Wahlverhalten männlicher Jungwähler“ wurde das gestern im Fernsehen genannt.

Ansonsten wars eher langweilig, SPD-Sellering wurden mit 36,6 Prozent belohnt, obwohl der eigentlich ein Wessi ist, aber das bin ich ja auch, obwohl ich schon länger im Osten lebe als Sellering. Egal, Grenzen überwinden, das finde ich gut. Die SPD aber nicht, um Missverständnissen vorzubeugen. Die CDU mit ihrem C-wie-Zukunft-Schwachsinn bekam noch erstaunliche 23,3 Prozent – mir ist ein Rätsel, warum überhaupt noch ein Mensch sowas wählt. Die Linke kam auf 18,2 Prozent, obwohl die Medien ja alle Register gezogen hatten, um die als Ewiggestrige Betondödel aussehen zu lassen.

Überflüssig zu erwähnen, das der Glückwunsch an den Genossen Fidel Castro und die paar Mauer-Gedenk-Verweigerer gestern bei wirklich jeder Gelegenheit erwähnt wurden. Dabei könnte man ja auch die berühmten Kohl-Blackouts erinnern, die er bei der Untersuchung der Parteispendenaffäre hatte, an den aktuellen Panzer-Deal mit den Saudis oder eine der unzähligen anderen Affären aus dem rechten Lager. Aber nullinger: Immer nur feste auf die Linken, obwohl die in ihren Mehrheit ja auch nur linke Mitte sind. Ach, was solls. In Meck-Pomm wird auch nichts anders und nichts besser werden, egal welche Regierung Sellering nun zusammen trommelt. Aber ich hatte die Gelegenheit, ein paar Sachen über Mecklenburg-Vorpommern zu schreiben, die ich schon immer mal gesagt haben wollte. Immerhin.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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2 Antworten zu Wahlgesang in Deutsch-Nord-Ost

  1. petrasusan schreibt:

    Leider ist es nicht nur Rassismus. Die NPD besetzt die Infrastruktur (wie Jugendfreizeit z.B.) aus der sich der Staat zurückgezogen hat. Sparprogramme haben der NPD auch mit in den Landtag geholfen.

  2. modesty schreibt:

    Das stimmt natürlich auch – wenn es sonst keine Angebote gibt, geht man halt zu den rechten Kameraden und holt sich da Gemeinschaftsgefühl und Anerkennung ab. Um so verlogener die Krokodilstränen der etablierten Parteien, wenn sie bedauern, das sie es wieder nicht geschafft haben, die NPD draußen zu halten. Jammern ist halt billiger als sinnvolle Freizeitangebote für Jugendliche anzubieten.

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