Einen richtigen Glauben gibt es nicht

Da kommt ein alter Mann mit komischen Klamotten aus Rom daher, und ganz Deutschland ist aus dem Häuschen. Oder nein, zum Glück gibt es ein paar Leute, die dem ganzen Theater mit gesunder Gleichgültigkeit begegnen. Und dann noch eine ganze Menge, die sich in hysterischen Gegendemonstrationen erschöpfen – womit sie bestätigen, dass die Kirche noch ziemlich viel Macht hat – gerade auch über ihre Gegner.

Eine andere Kirche wird gefordert, eine liberalere sowieso (wobei liberal sein derzeit ja auch reichlich out ist) eine Kirche, die nett zu allen ist und keinem weh tut. Glauben ist heutzutage kein Schicksal mehr – noch vor ungefähr drei bis vier Generationen hatte jemand, der irgendwo auf dem Land geboren wurde, keine Chance etwas anderes zu glauben oder gar zu leben, als das, was die Leute um ihn herum glaubten. Heute ist selbst der Glauben eine Art Lifestyle-Produkt: In vielen Kreisen ist es wieder in, sich als irgendwie gläubig zu bezeichnen, kirchlich zu heiraten, Kinder zu taufen, wenigstens in den Weihnachtsgottesdienst zu gehen (Traditionen sind wichtig! Abendländische sowieso!) im Kirchenchor zu singen und auf dem kirchlichen Weihnachtsbasar Selbstgebackenes und Selbstgebasteltes zu verkaufen, um den Erlös an arme Negerkinder zu spenden. Das wars dann aber auch.

Zunehmend bedienen sich die Leute auch aus dem großen Fundus anderer Religionen, insbesondere der Buddhismus ist beliebt, Gelassenheit und Selbsterfahrung schaden schließlich keinem und dann gibt es schöne Accessoires, die deutlich dekorativer sind als spärlich bekleidete ans Kreuz genagelte Jammerfiguren. Freundlich lächelnde Buddhastatuen, Klangschalen oder Räucherstäbchenhalter. Schließlich leben wir in einer pluralistischen Gesellschaft, die das Individuum in den Himmel hebt.

Natürlich gefällt das dem Oberhaupt der noch immer strengen katholischen Kirche nicht: Ohne Religion fehle die Gemeinsamkeit. In gewisser Weise stimmt das sogar, aber die jungen Leute holen sich ihr Gemeinschaftserlebnis heute halt in Popkonzerten oder auf Demos. Benedikt behauptet auch, dass Religion nötig sei, um „gut“ und „böse“ zu unterscheiden – das halte ich schlicht für falsch. Gerade Menschen, deren Blick nicht von Religion vernebelt wird, können erkennen, was gut und was schlecht ist – für andere Menschen und für sich selbst. Ein Mensch mit einem „guten Herz“ ist nicht zwangsläufig ein religiöser Mensch. Und umgekehrt. Aber obwohl der Islam auch nicht so populär ist in unseren Breiten, ist ein „guter“, gemäßigter Moslem immer noch weniger verdächtig als ein Atheist. Weil auch ein Moslem den großen Grundkonsens bedient, dass der Mensch doch an irgendetwas glauben müsse.

Pietà vor der Klosterkirche, Berlin

Die Grundlage des abendländischen Glaubens: Eine trauernde Mutter und ihr toter Sohn

Was Unsinn ist: Man muss gar nichts glauben. Es gibt ohnehin keinen richtigen Glauben, es gibt keine richtige Kirche und keine richtige Religion. Jeder Anhänger einer Glaubensgemeinschaft, wird diejenige, der er anhängt, als die richtige reklamieren. Und zwar nie mit nachvollziehbaren, rationalen Argumenten – es geht schließlich um Glauben. Also um einen bewusst irrationalen Akt. Wer glaubt, verlässt sich auf sein Nicht-Wissen, ja sogar auf ein Nicht-Wissen-Können. Genau dieses Nicht-Wissen-Können macht das Glauben ja erforderlich. Auch wenn sich Theologen jahrtausendelang um irgendwelche Gottesbeweise bemüht haben – obwohl gerade hochgelehrte Menschen doch wissen sollten, dass das keinen Sinn ergeben kann. Denn wenn es einen Beweis für die Existenz Gottes geben sollte, müsste man nicht mehr an ihn glauben. Damit wäre Glauben überflüssig, weil man ja wüsste.

Aber das menschliche Bedürfnis nach Erklärungen – und seien sie noch so hanebüchen ist wahnsinnig groß, was wirklich interessant ist, weil gerade die unglaublichsten Dinge für relevante Mehrheiten die Erklärung sind. Gott – den es für die Anhänger monotheistischer Religionen eindeutig geben muss, hat vor 2000 Jahren seinen Sohn auf die Erde geschickt, um die Menschen zu retten. Der ist Menschen geworden, hat versucht, den Leuten zu erklären, dass sie mit ihrem Tun auf dem Holzweg seien, ist dafür gequält und umgebracht worden, – wie das ja immer mal vorkommt, wenn man sich mit neuen Gedanken an die Öffentlichkeit wagt. Jetzt kommt der Clou, und der ist der, dass Jesus aber wieder von dem Tode auferstanden ist, denn wenn Gottes Sohn den Tod nicht überwinden kann, wer dann sonst. Und alle, die daran glauben, werden auch ein ewiges Leben haben, nur eben nicht auf dieser Welt.

Nun ja, man könnte sich auch fragen, warum Gott die Menschen nicht einfach besser gemacht hat, dann hätte er sich die ganze Quälerei mit seinem armen Sohn sparen können. Leidensgeschichten gibt es so und so mehr als genug in der Welt. Vielleicht werden sie leichter zu ertragen, wenn man weiß, dass selbst Gottes Sohn leiden musste wie ein Mensch. Warum kann Gott die Menschen nicht einfach so erlösen und allen ein schönes Leben schenken? Da gibt es natürlich einen Haken, denn Gott hat einen mächtigen Gegenspieler, und das ist Satan. Der ist für das Böse in der Welt zuständig. Früher, als ich noch zur Kirche gehen musste, und noch versuchte, an Gott zu glauben, (was mir aber nicht gelang) fand ich es unglaublich lächerlich, als ältere Gemeindemitglieder darauf bestanden, dass man bei dem ganzen Geglaube an den lieben Gott den bösen Satan nicht immer unter den Tisch fallen lassen sollte. Der sei schließlich auch in der Welt und würde die Leute immer wieder mit seinen bösen Gedanken vergiften.

Inzwischen muss ich zugeben, dass das natürlich dazu gehört. Wenn man schon an Gott glaubt, kann man auch an den Satan glauben. Denn unbestreitbar ist das Böse in der Welt. Ich ziehe aber vor, weder an Gott, noch an Satan zu glauben, sondern zu akzeptieren, dass das Leben auf dieser Welt so beschaffen ist, wie es halt ist: Menschen werden geboren, versuchen, mit dem Leben klar zu kommen, manche sind dabei glücklicher als andere, manche sind richtig arm dran, noch andere sind einfach fiese Arschlöcher, da hilft keine Kirche und kein Glauben, und am Ende ist alles vorbei.

Das Leben auf dieser Welt ist nicht immer schön, aber dafür sehr endlich. Und gerade deshalb sollte man versuchen, das Beste daraus zu machen. Und sich nicht in sinnlosen Glaubenskriegen erschöpfen. Soll der Benedikt doch predigen, meinetwegen sogar im Bundestag. Ich bin nun wirklich kein Anhänger der Institution, die er vertritt. Deshalb finde ich auch gar nicht, dass sich die katholische Kirche ändern muss – die Sache an sich wird doch nicht besser, wenn Priester schwul oder gar weiblich sein dürfen. Die Leute müssen sich einfach mal in dieser Welt umsehen und darüber nachdenken. Nicht glauben, sondern sehen. Und nicht aufs bessere Jenseits setzen, sondern auf ein besseres Leben in dieser Welt.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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