Goldener Oktober ohne rot und schwarz

Ach ja, dieser 3. Oktober. Was man ihm in diesem Jahr zugute halten muss, ist, dass er mitten in dem wunderbar stabilen Hochdruckgebiet liegt, das sich den ganzen Sommer über nicht einstellen wollte. Nun haben wir immerhin den wärmsten September überhaupt gehabt und einen wunderschönen Oktoberanfang. Einen goldenen Oktober, wie man so schön sagt, obwohl die Bäume wegen des ganzen Regens der vergangenen Monate über noch erstaunlich grün sind, und nicht goldgelb. Da kann man das Rot und das Schwarz gern weglassen. Natürlich gefällt es mir besser, dass mitten durch Deutschland jetzt ein Grünstreifen geht, in dem seltene Arten eine neue Heimat gefunden haben – gerade weil dort niemand unbedacht herumtrampeln sollte. Es wurden nicht alle Selbstschussanlagen gefunden. Ich bin froh über jede Grenze, die verschwindet.

Spätsommerstimmung auf der Weberwiese, Berlin

Überall auf der Welt werden aber neue Sperranlagen aufgebaut. Zwischen den USA und Mexiko wurde ein Grenzzaun errichtet, der von etwa 6.000 US-Grenzschützern bewacht wird – nun ist das angesichts der Länge der Grenze von über 3.000 Kilometern nicht besonders viel, aber pro Jahr kommen geschätzt zwischen 250 und 500 Menschen um, die versuchen, diese Grenze illegal zu überwinden.

Der Staat Israel baut seit 2003 an einer Grenzanlage, die fatal an die der DDR erinnert – ein stabiler Metallzaun, gesichert mit Stacheldraht, Bewegungsmeldern, einem geharkten Sandstreifen, auf dem Fußabdrücke verfolgt werden können, und eine Betonpiste für die Patrouillenfahrzeuge. Um Ortschaften werden statt des Zauns hohe Mauern gebaut. Der Verlauf dieser Grenzanlagen folgt dabei nicht irgendwelchen anerkannten Linien, sondern dem israelischen Sicherheitsbedürfnis. Die Palästinenser haben, wie so oft, das Nachsehen.

Immerhin war gestern zu lesen, dass Israel den jüngsten Vorstoß des Nahost-Quartetts für einen Friedensschluss bis Ende 2012 grundsätzlich akzeptiert habe. Die aus den USA, Russland, der EU und den Vereinten Nationen bestehende Vierergruppe hatte Israel vorgeschlagen, sich ohne Vorbedingungen mit den Palästinensern an den Verhandlungstisch zu setzen. Die Palästinenser wiederholten allerdings die Forderung auf neue israelische Siedlungen in den besetzten Gebieten zu verzichten. Das wird schwierig, denn gerade in der Nähe von Jerusalem will Israel weitere Wohnungen bauen – auf Palästinensergebiet. Mit dem neuen Vorstoß will das Quartett eine Eskalation des Streits über den Antrag der Palästinenser auf Mitgliedschaft in den UN und damit die Anerkennung als Staat vermeiden. Natürlich ist Israel dagegen, weshalb die anderen den Palästinensern jetzt verständnisvoll auf die Schulter klopfen, ihnen gleichzeitig aber taktvoll sagen, dass das so einfach nicht geht. Erst muss der Friedensschluss zwischen Israel und Palästina her, dann kann der Staat kommen. Verfahren.

Mit der BRD und der DDR war das damals irgendwie einfacher. Die Ossis wollten raus und hauten zu Tausenden ab, den Wessis wars egal, den Siegermächten auch und den Bundesrepublikanern in der Regierung gefiel es, wie allen Imperialisten, ausgesprochen gut, ihr Staatsgebiet ganz ohne Krieg und Waffengewalt signifikant vergrößern zu können. Und schwups – was im Sommer 1989 noch nicht zu hoffen gewagt wurde, war am 3. Oktober 1990 dann schon vollzogen: Das Staatsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik wurde an die BRD angeschlossen. Mit der Mauer wurde gleich auch der Sozialismus auf deutschem Boden endgültig eingestampft.

Was in der DDR dem Volk gehört hatte, wurde privatisiert. Die Bürger der DDR, die von ihrem Staat bekanntlich gegängelt und mundtot gemacht wurden, durften nun plötzlich sagen, was sie wollten, nur hörte ihnen keiner mehr zu. Dafür mussten sie lernen, dass Dinge, die sie für selbstverständlich gehalten hatten, etwa einen vernünftig bezahlten Arbeitsplatz, eine bezahlbare Wohnung, gute Schulbildung oder ein breites Freizeit-, Sport- und Kulturangebot jetzt nicht mehr jedem zustanden. Dafür durfte man sich auf eigene Rechnung selbst ausbeuten.

Ach genug damit. Das Wetter ist zu schön, um sich den Tag mit nationalistischen Gedanken zu verderben. Irgendwo wird sich ein sonniges Plätzchen finden, an dem sich von einer Welt träumen lässt, die Finanzkrisen, Hunger, Nationalstaaten und was es an schrecklichen Dingen mehr gibt, schon hinter sich gelassen hat.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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