Finanzkrise: Alkoholiker mit noch mehr Alkohol heilen

Der scheidende Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, hat die führenden Wirtschaftsmächte der Welt dazu aufgerufen, sich einer weiteren Verschärfung der weltweiten Staatsschuldenkrise entgegenzustellen. „Wir erleben gegenwärtig die schwerste globale Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs“, sagte er in den ARD-Tagesthemen. Die weltweit führenden Volkswirtschaften müssten daher „ihre Strategien überprüfen“. „Das gilt für die USA, das gilt für Japan, und das gilt auch für Europa“, sagte der Chef der Europäischen Zentralbank. Trichet ist der Ansicht, dass die europäischen Probleme nicht so sehr mit dem Euro zusammenhängen, der sei nach wie vor eine stabile und glaubwürdige Währung. Es gebe aber „nicht genügend Kontrollmaßnahmen“ für die Finanzsysteme.

Soso. Prima Idee, den Banken, die seit 2008 mit unzähligen Milliarden gestützt werden, mal ein bisschen auf die Finger zu schauen, was sie mit der ganzen Kohle eigentlich machen. Denn das Geld ist ja nicht einfach irgendwie weg – zwar wird die Krise gern als Loch dargestellt, in dem das Geld einfach verschwindet, und für fast alle normalen Menschen fühlt das auch so an: Ihr Geld wird immer weniger, aber es ist eben nicht einfach weg. Es landet auf den Konten derer, die mit der Krise ein ganz hervorragendes Geschäft machen. Genau deshalb ist es auch völlig irre, immer noch mehr Geld in ein System zu pumpen, das offenbar ganz andere Dinge damit anfängt, als die Allgemeinheit und die offenbar naiven Politiker samt ihrer nicht weniger naiven Berater erwarten.

Rettungsring am Spreeufer

Bei diesem Rettungsgerät ist Missbrauch strafbar

Geldinstituten Geld in die Hand zu geben ist ungefähr so, wie einen Alkoholiker mit Alk zu versorgen. Er kann gar nicht anders, als das Zeug runterzukippen. Die Banken können gar nicht anders, als ihre windigen Geschäfte weiter zu führen – in den vergangenen Jahrzehnten war ja immer wieder zu hören, alles Übel sei zu viel Regulierung, man müsse den Märkten, gerade auch den Finanzmärkten nur jede erdenkliche Freiheit gewähren und alles würde sich auf das wunderbarste fügen und jede Menge Geld auf alle Beteiligten herabregnen. Denn so richtig freie Märkte regeln sich bekanntlich immer irgendwie von selbst. Bis sie am Ende doch versagen und alles in die Krise stürzen, weil ein paar böse Buben im Spitzenmanagement zu gierig geworden sind. Die hätte man natürlich besser kontrollieren sollen, dann wäre alles gut gegangen. Klar, man muss einen schwer abhängigen Alki nur kontrolliert saufen lassen, dann funktioniert er weiter. Und damit er weiter funktionieren kann, muss man ihm einen großzügigen Rettungsschirm aus Edelspirituosen bereitstellen. Im Ernst: Wer glaubt, dass man einen Alkoholiker heilen kann, in dem man ihm mehr und immer noch mehr Alkohol gibt?

Die Bankenretter. Denn genau das ist das Konzept: Die Banken konnten ganz offensichtlich nicht mit Geld umgehen und haben es verzockt, und nun müssen sie noch sehr viel mehr Geld kriegen, damit sie es noch mal richtig verzocken. Da hilft kein „gemeinsames Verständnis im Umgang mit Kapitalströmen“, wie unsere Kanzlerin glaubt. Verständnis ist das letzte, was ein marodes System braucht. Unverständnis ist gefordert! Totales, unmissverständliche Unverständnis.

Wenn Banken Geld brauchen, dann ist absolutes Unverständnis angesagt, denn die sitzen doch an der Quelle. Und wenn diese Branche mit ihrem ureigensten Rohstoff nicht umgehen kann, dann soll sie verdammt noch mal pleite gehen. Unrettbar pleite. Gerade wird doch der Beweis geführt, dass Geld nicht der Schmierstoff für die universale Wirtschaftsmaschine ist, sondern der Sand im Getriebe. Wenn das Geld als Mittel nicht mehr taugt, dann weg damit! Geld ist der Mühlstein um den Hals allen zivilisierten Lebens – konzentrieren wir uns doch lieber darauf, die Menschen im System zu retten und nicht das System. Der Mensch braucht Nahrung, Kleidung, Wohnung, dann gibt es noch viele erbauliche Dinge die zur Hebung der Stimmung und Moral taugen – all diese Dinge sind auch ohne Geld leicht zu beschaffen, wenn sich die Leute einig sind, dass sie halt beschafft werden müssen. Ein Maurer kann noch immer mauern, eine Gärtnerin gärtnern, eine Schneiderin Kleider nähen, ein Bauer das Feld bestellen, eine Ärztin Menschen heilen. Die Fähigkeiten verschwinden ja nicht mit dem Geld. Also weg damit, es hat genug Unheil angerichtet.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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