Moral als Wirtschaftsfaktor

In Deutschland werden Normen und Wertarbeit traditionell großgeschrieben, deshalb gibt es eine ganze Reihe von Vereinigungen, die der Qualitätssicherung dienen. So auch der „Reichsauschuss für Lieferbedingungen“ oder kurz RAL, der seit 1925 tätig ist. Inzwischen heißt das Ding RAL Deutsches Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung ist bis heute für die Anerkennung der RAL-Gütezeichen zuständig.

Das geht hin bis zu einem Gütesiegel für die Moral, um die es in der letzten Zeit nicht so gut bestellt war. Insbesondere Banker und Politiker haben moraltechnisch gerade ein Imageproblem. Das trieb auch die deutschen Gütesiegel-Anerkenner um. Sie stellten fest, dass das gesellschaftliche und wirtschaftliche Miteinander in den letzten Jahren in Deutschland aus den Fugen geraten zu sein scheint und somit der auch Eindruck entstünde, dass Verhaltensweisen wie Habgier, Verantwortungslosigkeit und Unehrlichkeit immer weiter auf dem Vormarsch seien – ja sogar das gesellschaftliche Leben dominierten. Die bange Frage, die sich der Ausschuss stellte, lautet: Hat das Thema Moral ausgedient?

Um die Frage zu beantworten, hat das RAL gemeinsam mit dem Rheingold Institut eine erste Trendstudie zur Moral in Deutschland durchgeführt. Bei der Studie soll es sich um eine „tiefenpsychologisch und quantitativ repräsentative Analyse der psychologischen Verfassung unserer Gesellschaft zum Thema Moral und Werte“ handeln.

Der Berliner Dom beim Festival of Lights

Keine Moralinstanz, aber wenigstens schön bunt: Der Berliner Dom beim Festival of Lights

An dieser Stelle muss ich ja kurz einhalten, weil das mit der Moral ein bisschen schwierig ist. Denn Moral, insbesondere die bürgerliche, genau, da darf man ruhig an den Spießbürger und seine enges Weltbild denken, der sich vor lauter Moral kaum bewegen kann und deshalb auch von allen anderen erwartet, dass sie sich an seine Regeln halten, ist nicht unbedingt eine schöne Sache. Denn die Moral führt dazu, dass sich Leute einer Gesellschaft dienstbar machen, die es nicht gut mit ihnen meint. Und das auch noch aus freien Stücken und mit bestem Gewissen – egal, wie übel ihnen mitgespielt wird, sie haben ja noch ihre Moral. Damit können sie sich zumindest moralisch überlegen fühlen, wenn sie sonst schon immer unterlegen sind. Solche Menschen sind ungeheuer anstrengend. Wer mehr dazu wissen will, sollte diesen Artikel zur Moral lesen.

Mit meiner Moralkritik will ich ausdrücklich nicht sagen, dass ich egoistisches und rücksichtsloses Handeln gut fände – aber es wäre besser, wenn die Leute nicht ständig moralisch handeln würden, weil sich das so gehört, sondern weil sie für sich zu dem Schluss gekommen sind, dass die Welt für alle freundlicher wird, wenn sie sich vernünftig verhalten. Es bringt nichts, sich im Restaurant ein schlechtes Essen reinzuwürgen und dann auf die Frage, ob denn alles in Ordnung sei, höflich, aber unehrlich zu antworten. Dabei könnte man seinen Mitmenschen mit einer weniger höflichen, aber ehrlichen Antwort ein ähnlich unerfreuliches Erlebnis vielleicht ersparen.

Nun zurück zur RAL-Studie: Die hat nämlich gezeigt, dass sich die Deutschen mehr Moral im Alltag wünschen. 64 Prozent sind der Ansicht, dass Moral insbesondere im alltäglichen Verhalten sehr wichtig ist. Gemeinschaftsgefühl, Ehrlichkeit, Anständigkeit, Zusammenhalt und so etwas wie soziale Wärme werden ebenfalls als wichtig empfunden. Beim Ranking der Moral in Werten ergibt sich folgende Liste: Für 86 Prozent ist vor allem Ehrlichkeit wichtig, für 84 Prozent Verlässlichkeit und für 82 Prozent Rücksicht. Gegen Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Rücksicht ist auch gar nichts einzuwenden. Dann gibt es noch eine interessante Feststellung: „Das heutige Moralverständnis wirkt allerdings wie eine leistungsorientierte Perfektionierung der Zehn Gebote. Ein selbst auferlegter Vollkommenheitsanspruch, der den Menschen das Gefühl gibt, ohne Unterstützung nur scheitern zu können.“

Das erscheint mir tatsächlich ein typisches Problem unserer Zeit zu sein – die Leute stellen zu hohe Ansprüche an sich selbst. Wir wollen uns immer richtig verhalten, aber das ist unmöglich, weil zu viele zu verschiedene Ansprüche an uns gestellt werden. In der Schule und im Job muss man ständig auf Zack sein, seine Leistung optimieren, sich in der Konkurrenz bewähren, gleichzeitig aber noch teamfähig und kollegial sein, dann soll man auch noch ein aufmerksamer Partner und Freund sein, ein engagierter Elternteil, ein problemlösungsorienterter Alltagsbewältiger, ein Virtuose in Zeitmanagement und so weiter und so fort. Geht einfach nicht. An der nächsten Ecke lauern Depression und Burnout. Oder die Erkenntnis, dass es völlig okay ist, auch mal fünfe grade sein zu lassen.

Noch mal zurück zu dieser Moral-Studie, denn ein paar gute Nachrichten gibt es doch: Die einstmals wegweisenden Instanzen Politik, Wirtschaft und Kirche werden nicht mehr als Vorbilder für moralisches Verhalten anerkannt. Nur noch 6 Prozent der Gesamtbevölkerung sind der Ansicht, dass Moral heutzutage noch von Politik oder Wirtschaft vermittelt wird. Nun ja, es gibt ja auch noch Menschen, die FPD wählen. Wobei ich gar nicht wissen möchte, was die für Moralvorstellungen haben. Immerhin 11 Prozent sehen in der Kirche eine vorbildliche Moral-Instanz. Meiner Meinung nach gilt das vor allem für Doppelmoral, aber umgekehrt ist es offenbar so, dass 89 Prozent der befragten Menschen auch in der Kirche kein Vorbild für moralisches Verhalten mehr erkennen. Das wiederum macht Mut.

Dagegen sind 41 Prozent der Befragten der Meinung, dass Moral heute vor allem von ihnen selbst erwartet wird, nur 7 Prozent stimmen dem nicht zu. „Wenn die Menschen die Moral selber in die Hand nehmen, fällt es Ihnen vor allem dann leicht, moralisch zu handeln, wenn sie ein unmittelbares Ergebnis sehen, das ihnen ein gutes Gefühl verschafft oder auch Anerkennung bringt. Dann macht Moral Spaß“, so Ines Imdahl, Geschäftsführerin des Rheingold Instituts. Moral soll also Spaß machen? Früher war doch die Unmoral für den Spaß zuständig!

Dafür gibt es noch eine interessante Beobachtung: Aus Mangel an moralischen Autoritäten komme es vermehrt zu willkürlichen Überregulierungen, heißt es weiter. Als Beispiel werden das Rauchverbot, Umweltzonen oder strenge Firmenkodizes genannt. Moralisches Verhalten werde aktuell vor allem über solche Verbote und Kontrollen diktiert, die allerdings von den Menschen größtenteils als sinnlos und für ihren Alltag irrelevant bewertet werden. Dem kann ich nur zustimmen – auch wenn ich es persönlich total angenehm finde, im Restaurant nicht mehr zugequalmt zu werden.

Natürlich darf auch nicht vergessen werden, dass Moral inzwischen ein Wirtschaftsfaktor ist – Nachhaltigkeit und „ethische Produkte“ sind total in. Das passt gut zu der Aussage, dass die Deutschen sich nach mehr Moral beim Geldverdienen sehnen: Blankes Profitstreben gilt als unmoralisch, das „gute Geschäft“, bei dem es nicht nur um Geld, sondern auch um Ehrlichkeit und Vertrauen geht, liegt aber voll im Trend: Geld verdienen ist schon okay, aber bitte mit gutem Gewissen. Das muss man sich aber erstmal leisten können. Vor allem, wenn die Umstände nun mal nicht so sind.

Das gute Geschäft ist eine hübsche, runde Win-win-Geschichte, die tatsächlich eine ganze Menge Moral bei allen Beteiligten verlangt, damit es zustande kommen kann. Da frag ich mich, warum es denn überhaupt Geschäfte geben muss, wenn die moralisch so anspruchsvoll sind: Nachhaltige Produkte, unter fairen Bedingungen produziert, haben ihren Preis – wer ohnehin wenig Geld hat, befindet sich schon deshalb automatisch ständig in einem Moral-Dilemma, weil er sich diese Produkte gar nicht leisten kann. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, wie ein deutscher Dichter schrub. Wäre es nicht wesentlich sinnvoller, statt nach neuen Moral-Vermittlungsinstanzen und neuen Werten zu suchen, die Umstände abzuschaffen, die von den Menschen so viel Moral verlangen?

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Moral als Wirtschaftsfaktor

  1. Norbert schreibt:

    Es ist schon interessant, wenn sich heute jemand über moralische Fragen ausläßt, denn sie bieten in unserer kapitalistischen Umwelt kaum noch einen Unterhaltungswert. Die alles dominierende bürgerliche Presse nimmt sich dieses Themas bestenfalls an, um wieder einige Verwirrung zu stiften. Es wäre ja auch kaum auszuhalten, wenn sich die Herren Zeitungsschreiber über den allgemeinen Werteverfall und die um sich greifende bürgerliche Unmoral zu äußern hätten, um damit das eigene Nest zu beschmutzen. Doch damit nicht genug – auch einige sich als „marxistisch“ bezeichnende Autoren haben nichts anderes zu bieten als redundantes Geschwätz. Was ist nun der Kern der Sache? Man kann die Moral nicht als über den Dingen stehende, allgemeinmenschliche Angelegenheit betrachten. Die Moral ist immer historisch konkret. Sie ist stets die Moral einer bestimmten Klasse (solange es gesellschaftliche Klassen gibt), und sie spiegelt das Verhältnis der Menschen zueinander wider. Es sind die sittlichen Prinnzipien, Werte, Normen und Maximen, von denen sich die Menschen leiten lassen. Und die sind nicht von Gott (oder von irgend einer anderen „Autorität“) gegeben. Zitieren wir einmal Friedrich Engels: „Und wie die Gesellschaft sich bisher in Klassengegensätzen bewegte, so war die Moral stets eine Klassenmoral; entweder rechtfertigte sie die Herrschaft und die Inetressen der herrschenden Klasse, oder aber sie vertrat, sobald die unterdrückte Klasse mächtig genug wurde, die Empörung gegen diese Herrschaft und die Zukunftsinteressen der Unterdrückten.“ (F.Engels, In: „Anti-Dührung“, MEW, Bd. 20, S. 88 oder AW6, Bd.V, S.106)

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