Familienpolitik oder Wellness für Besserverdiener

Entgegen meines Vorsatzes, nicht mehr bei SPON vorbeizulesen, ist es mir doch gerade wieder passiert. Und prompt habe ich mich über Wellness für die Massen aufgeregt, genau, das aktuellste Elaborat aus der Feder des einzig überlebenden 68er-Opfers Jan Fleischhauer.

Dabei finde ich ja auch, dass die Familienpolitik der Regierung Merkel nichts taugt! Ich fand das neue Elterngeldmodell total asozial und schlecht, und es freut mich, dass es gescheitert ist: Wenn man nur noch die Besserverdiener fürs Kinderkriegen belohnt, dann gibt es höchsten mehr arme Kinder, aber eben nicht mehr Kinder an sich – und schon gar nicht mehr Kinder bei den Besserverdienern. Obwohl unsere beiden schwarzen Schnitten im Familienministerium ja selbst vorbildlichen Einsatz gezeigt haben: Ursula von der Leyen sieben Besserverdiener-Kinder, Kristina Schröder bislang nur eins, aber da geht bestimmt noch was. Aber das ist es gar nicht, was Jan Fleischhauer kritisiert.

Es gab auch Zeiten, in denen die Leute einfach Kinder bekommen haben.

Es gab auch Zeiten, in denen die Leute einfach Kinder bekommen haben.

Fleischhauer stellt vielmehr fest, dass es in Deutschland immer weniger Kinder gebe und damit ja auch immer weniger Betreuungsaufwand, weniger Kinder, weniger Betreuung, ist ja logisch. Trotzdem würden die Leute, besonders die, die Kinder haben, ständig über zu wenig Zeit jammern. Und das, obwohl es den Leuten doch so gut ginge wie nie zuvor: „Selbst ein Hartz-IV-Haushalt verfügt heute über eine Phalanx technischer Geräte zur Erledigung der Hausarbeit, von der man noch eine Generation zuvor nur träumen konnte. Die im Erwerbsleben verbrachte Zeit ist auf einem historischen Tiefpunkt angekommen. Trotzdem steigt ständig das Gefühl der Überforderung, jedenfalls in den Berichten, die zur Begründung neuer sozialstaatlicher Interventionen herangezogen werden.“

Ich wüsste ja gern mal, welche neuartigen Hausgeräte mir nun das Leben dermaßen erleichtern – auch meine Mutter hatte schon Kühlschrank, Herd und Waschmaschine, und praktisch sind die Geräte schon, na klar. Im Gegensatz zu mir hatte sie sogar einen gutverdienenden, treusorgenden Ehemann – und trotzdem beklagte sie sich immer wieder über die viele Hausarbeit und den ganzen Stress mit den Kindern. Ich habe auch einen Staubsauer, einen Wasserkocher, ein Rührgerät und weil ich für mein Geld sogar arbeiten darf, und dann auch noch mehr als den Mindestlohn bekomme, leiste ich mir sogar eine Espressomaschine und einen Mixer, der Eiswürfel zerkleinern kann. Tolle Maschinen sind das!

Aber keins von meinen Hausgeräten geht einkaufen, bringt die Kinder ins Bett oder passt auf, dass sie keinen Unsinn machen. Was hat denn der Maschinenpark – der sich ja wohl vor allem im Haushalt gutverdienender Singles sammelt, damit zu tun, dass die Leute sich überfordert fühlen und keine Zeit haben? Ungefähr genauso viel wie die Korrelation des Einkommens mit der Kinderzahl. Nämlich nichts.

Wobei es natürlich auch mein persönliches Pech ist, in Zeiten wie diesen vom Schicksal als Alleinerziehende mit zwei Kindern ins Leben geworfen zu werden. Das war nicht so geplant, natürlich nicht, ich bin ja weder maso noch lebensmüde, aber so etwas passiert. So viel zum persönlichen Bezug. Ich hatte weder vor, Deutschland zu retten, noch sonst irgendwas, ich litt nur nicht unter dem, was Fleischhauer als eigentlichen Grund für die Fortpflanzungsprobleme des deutschen Volkes entlarvt. Unfruchtbar war ich definitiv nicht. Aber ich hab auch nicht nach erfolgreicher Karriereplanung mit über 40 versucht, mein erstes Kind zu bekommen, sondern ich war Mitte 20 und wollte eigentlich keins. Ist dann anders gekommen. Insofern bin ich auch auf brutale Weise mit der Biologie kollidiert, nur halt anders herum. Weshalb das mit der Karriereplanung dann leider weitgehend ausgefallen ist, das hatte ich dummerweise nicht konsequent zuende gedacht. In meinem jugendlichen Eifer wollte ich mir gar nicht vorstellen, dass die Konsequenzen für Frauen tatsächlich so gnadenlos sind: Kinder oder Karriere.

Aber solche Probleme hat ein Jan Fleischhauer ohnehin nicht. Er ist erstens Mann, das heißt, Kinder sind für die Karriere eher förderlich, Verantwortung, Sozialkompetenz und so, außerdem hat er, so weit ich weiß, gar keine Kinder. Ich gehöre übrigens nicht zu denen, die Leute prinzipiell scheiße finden, wenn sie keine Kinder haben wollen. Ich verstehe das total, es ist die einzig wirklich vernünftige Entscheidung in dieser kinder- und menschenfeindlichen Gesellschaft. Andererseits heißt das nicht, dass ich es total bescheuert finde, Kinder zu haben. Eigentlich finde ich es ziemlich gut – es wird aber überhaupt nicht belohnt, jedenfalls von der Gesellschaft nicht, die doch so dringend nach Nachwuchs verlangt, der dafür sorgen soll, dass auch morgen noch Wachstum statt findet und ausgebeutet wird, damit weiterhin Kredite bedient und Renten ausgezahlt werden können. Das sollte man eigentlich keinem Kind zumuten.

Dass ich es allen Widrigkeiten zum Trotz irgendwie geschafft habe, es die meiste Zeit halbwegs nett mit meinen Kindern zu haben, ist allein mein Verdienst. Geholfen hat mir keiner – abgesehen von meiner Familie. Obwohl ich mich mit meinen Eltern in vielerlei Hinsicht wirklich nicht gut verstehe, konnte ich mich immer auf ihre Solidarität verlassen. Das ist nicht selbstverständlich. Von einer Wellness-Politik inklusive Lifestyle-Beratung seitens des wohlmeinenden Staates habe ich jedenfalls nichts bemerkt. Das einzige Handlungskonzept, das meine Kinder und ich erfahren haben, heißt sparen: Die anfangs noch großzügigen Kita-Verträge mit Ganztags- und Ferienbetreuung – ich musste ja mein Diplom machen und dann irgendwie einen Fuß ins Berufsleben kriegen – wurden immer wieder zu meinen Ungunsten modifiziert, Öffnungszeiten wurden ungünstiger, Essen teurer, für die Ferien musste anfangs nicht gezahlt werden, später doch, überhaupt musste für immer weniger Betreuung immer mehr bezahlt werden. Mit der Schule das gleiche Elend. Das war, wenn überhaupt, ein Wellness-Programm für die Sparheimer in der Regierung, nicht für die betroffenen Eltern.

Ich kann Fleischhauer versichern, dass zu viel Freizeit auf keinen Fall das Problem der Leute ist – zumindest nicht derer, die Kinder haben. Und schon gar nicht von denen, die Kinder haben und gleichzeitig noch einen Job machen, der leider nicht automatisch so gut bezahlt wird, dass man vom durchaus vorhandenen Wellness-Programm für Besserverdiener profitieren kann. Das Problem der allermeisten Leute ist, dass sie einfach nicht genug verdienen, dass sie sich die Zeit, die sie bräuchten, um alles zu bewältigen, kaufen könnten. Etwa indem sie andere die Wohnung putzen, das Essen kochen oder die Kinder betreuen lassen, wie Besserverdiener es tun können.

Den Normalos bleibt gar nichts anderes übrig, als sich zusammenzureißen und weiterzumachen, anstatt sich gegenseitig und der Welt ihr Leid zu klagen, wie Fleischhauer unterstellt. Dazu haben die gar keine Zeit. Insofern ist es gar nicht so dumm von der Regierung, über eine neue „Zeitpolitik“ nachzudenken. Eltern brauchen Zeit für ihre Kinder, und in der Zeit können sie eben kein Geld verdienen – wenn sie nicht gerade Politiker oder sonstwie von staatswegen Begünstigte sind. Aber eins sollte sich die Regierung dabei nicht in die Tasche lügen (was sie natürlich trotzdem tut): Das Zeitproblem ist halt auch ein Geldproblem. Man muss es sich leisten können, Zeit zu haben. Auch wenn Herr Fleischhauer nun einwenden wird: Ein Hartz-IV-Haushalt hat doch alle Zeit der Welt! Ja, aber Zeit ohne Geld ist halt auch blöd. Da hat man vor allem Zeit zu jammern. Und das völlig zu recht. Denn Freizeit kostet heutzutage nun mal Geld.

Da war das alte Erziehungsgeld-Modell, bei dem alle Eltern in den ersten beiden Lebensjahren des Kindes pro Monat 600 Mark bekommen konnten, sofern sie nicht oder nur eingeschränkt gearbeitet haben, schon ein vergleichsweise gutes Modell. Heutzutage hätte ich als arme Studentin bzw. dann arbeitslose Jung-Akademikerin davon nicht mehr profitiert, während es mich damals wirklich gerettet hat. Das war den Konservativ-Liberalen aber zu sozial. Heute werden diejenigen, die ohnehin nichts haben, dafür noch einmal extra bestraft, indem sie nicht einmal diese lächerliche Anfangsunterstützung erhalten. Da ist kein Lifestyle und kein Wellness, nirgends.

Das einfachste Programm gegen Unfruchtbarkeit wäre es übrigens, jungen Leuten mit Anfang 20 zu ermöglichen, Kinder zubekommen – wie es in der DDR der Fall war. Flächendeckende staatliche Kinderbetreuung, die gleichen Karrierechancen für Männer und Frauen, und zwar egal ob sie Kinder haben oder nicht, kostenlose Bildungs- und Freizeitangebote für alle Kinder, überhaupt für alle Menschen, und nicht zuletzt ein vernünftiges Verhältnis zwischen Verdienstmöglichkeiten und Lebenshaltungskosten. Und schon ist es überhaupt nicht mehr nötig, den Kinderwunsch so lange aufzuschieben, bis die Biologie ihn nicht mehr erfüllen kann. Aber das wäre natürlich zu einfach – gerade weil Frau Merkel das noch von früher kennt.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Familienpolitik oder Wellness für Besserverdiener

  1. Susan schreibt:

    Bravo! Jede Zeile kann ich nur unterstützen.

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