Junge Union: Ostalgie einfach verbieten

Angesichts der realen Bedrohung durch den Rechtsterrorismus – sogar Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich nimmt dieses Wort inzwischen in den Mund, obwohl es doch immer wieder hieß, dass es rechten Terror in Deutschland überhaupt nicht gibt – werden die eingebildeten Gefahren durch irgendwie linkes Gedankengut immer wieder übersehen. Zum Glück verliert die Junge Union das nicht aus dem Blick, deshalb will sie die Verherrlichung der DDR durch ihre Symbole verbieten lassen.

DDR-Kuschelkissen

DDR zum Kuscheln - viel zu gefährlich, findet die Junge Union

Dazu gehören neben den offiziellen Staatszeichen, mit denen die JU gern genau so verfahren würde, wie mit Nazisymbolen, die bekanntlich total verboten sind, auch beliebte Marken wie der Rotkäppchen-Sekt, das Waschmittel Spee oder die Schlager-Süßtafel, die so etwas wie Schokolade darstellen soll. Der Genuss von Ostprodukten ist nach Ansicht der Jungen Union ungefähr mit Hochverrat gleichzusetzen, denn wenn die Leute erst der Ostalgie, also dem massenhaften Verzehren von Ost-Produkten verfallen, beginnt schon bald die Revolution – Millionen braver DDR-Bürger haben es bereits bewiesen!

Randvoll mit Ostprodukten aller Art sind sie vor gut 20 Jahren auf die Straße gegangen, um ihren sozialistischen Wohlfahrtsstaat zu demontieren. Ich frage mich, welches Problem die Junge Union damit eigentlich hat – ist es nicht genau das, was die alte Union immer gewollt hat?

Allerdings muss man sich keinerlei Gedanken machen, dass die JU mit ihrem Ansinnen durchkommen könnte, denn der Straftatbestand „Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ gilt eben nur für Organisationen, die in Deutschland ganz offiziell verboten wurden. Dazu zählen eine ganze Reihe rechtsradikaler Vereine, aber eben nicht die bekannten Organisationen der DDR: SED, FDJ (Ost) oder die NVA wurden niemals verboten, sondern aufgelöst, genau wie die ganze DDR. Und im Gegensatz zur DDR ist die BRD angeblich ein Rechtsstaat, also einer, in dem gilt, was geschrieben steht. Verboten ist nur, was tatsächlich verboten ist, alles andere ist erlaubt – auch wenn das der Jungen Union nicht passt. Die können ja nach drüben gehen, wenns ihnen hier nicht gefällt, haha.

Insofern kann man auch morgen noch kraftvoll in die Spreewaldgurke beißen und hoffen, dass der politische Nachwuchs im rechten Lager niemals die Gelegenheit bekommt, seine Inkompetenz in Regierungsverantwortung zu beweisen. Obwohl – der Unterschied zu heute wäre gewiss kaum zu bemerken.

Advertisements

Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
Dieser Beitrag wurde unter Fundsachen, Politisches abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Junge Union: Ostalgie einfach verbieten

  1. petrasusan schreibt:

    Nein, um den Sozialstaat zu demontieren, wurde nicht auf die Straße gegangen! Die Montagsdemos wurden erst später umfunktioniert. Es ging am Anfang darum, innerhalb der DDR etwas zu ändern. Es wird nicht richtiger, wenn man Falsches immer wieder wiederholt. Man tut somit vielen ehemaligen DDR-Bürgern Unrecht, die etwas ganz anderes im Sinn hatten, als das, was jetzt ist. Dazu gab es sehr viele Ideen. Es ist so, wie mit Becel, man bekommt nicht das, was drinnen ist oder vielmehr etwas völlig anderes.

  2. modesty schreibt:

    Tut mir leid, dass das so rübergekommen ist – mir ist völlig klar, dass die Leute nicht deshalb auf die Straße gegangen sind. Natürlich habe ich das ironisch gemeint – ich dachte, dass würde sich aus dem Zusammenhang von selbst erklären. Es ist nur einfach dermaßen lächerlich, die armen Übrigbleibsel der DDR jetzt auch noch zu verteufeln, wo doch sonst nichts vom Sozialismus geblieben ist.

  3. Frank schreibt:

    Dümmer geht’s nimmer… Oder doch?
    Anfangs habe ich die Verbotswünsche der sog. Ja als verspäteten Aprilscherz gehalten, aber ist wohl allen Ernstes so gemeint… Kein weiterer Kommentar…

  4. Martina schreibt:

    Ostalgie verbieten ???
    Da fragt man sich ernsthaft, ob unsere Politik nicht genug andere Sorgen hat!
    Wenn wir in die Geschichte eintauchen, was die Damen und Herren der Jungen Union, offensichtlich nicht getan haben, wird man feststellen, dass nahezu jeder Machtinhaber auf die eine oder andere Weise Verbrechen begangen hat. In der jeweiligen Zeit war das recht und billig.
    Hier findet sich eine ganz Liste von Firmen http://projects.brg-schoren.ac.at/nationalsozialismus/zwangsarbeit.html , die sich nicht zu fein waren, die unmenschlichen Praktiken eine gewissen Herrn mit kleinem Schneuz im II. Weltkrieg zur eigenen Profitvermehrung zu nutzen. Die Firmen gibt es heute immer noch und einige Produkte dieser Firmen finden sich in jedem Haushalt, auch in meinem.
    Und denken wir doch mal an die Inquisition, die im Namen der Kirche tausende Menschen brutal zu Tode gefoltert hat. Aber deshalb ist die Kirche nicht verboten. Vielleicht sollten wir den moslemischen Glauben verbieten, um den Terrorismus nicht zu verherrlichen?
    Ein vernünftig denkender Mensch darf manchmal ruhig ein wenig nostalgisch oder auch ostaligisch sein, deswegen verherrlicht er noch lange kein Regime.
    Vielleicht sollte man die Dummheit verbieten, dann könnten wir von politischer Weisheit profitieren.

  5. Pingback: JU gegen Kommis und Multikulti « Die Rostige Laterne

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s