Generation doof: Wenn Bildungsverweigerer diskutieren

Im Rahmen der Verjauchung des Schönerberger Gasometers wird mal wieder diskutiert und dieses Mal ist das Thema Generation doof – Warum gibt es so viele Bildungsverlierer?

Passenderweise hat Günther Jauch dazu die Bildungs-Expertin Monika Hohlmeier eingeladen. Der Name ist Programm, auch wenn es sich um die Tochter von FJS handelt, dem bayrischsten aller bayrischen Ministerpräsidenten. Immerhin, sie war auch mal Bayerische Staatsministerin für Unterricht und Kultus und soll in dieser Position allerlei Amigos bwz. Amigas ohne geeignete Qualifikation auf interessante Posten gehievt haben, und das waren keineswegs die einzigen Affäre ihrer politischen Karriere. Insofern ist sie sehr geeignet für diese Runde, denn sie verinnerlicht, worauf es ankommt: Nämlich eben nicht auf Bildung, Fleiß, Qualifikationen und ähnlich ödes Zeugs, sondern darauf, die richtigen Leute zu kennen, in den richtigen Kreisen zu verkehren, und sich hemmungslos zu bedienen, solange man die Gelegenheit dazu hat.

Immerhin wurde auch eine bayrische Grundschul-Lehrerin eingeladen (in Berlin gibt es wohl keine Grundschul-Lehrer, die sonntagabends Zeit haben), Sabine Czerny. Eine echte Idealistin der Schule, die sogar ein Buch darüber geschrieben hat, was die Schule den Kindern antut – und leider trotzdem nicht dahinter kommt, dass genau das, was sie am deutschen Schulsystem leidenschaftlich und völlig zu recht kritisiert, genau so gewollt ist und nicht etwa ein bedauerlicher Fehler: Es sollen nun mal nicht alle Schüler sehr gut sein. Es muss in einer Konkurrenzgesellschaft Gewinner und Verlierer geben. Schule soll selektieren und damit genau auf das Leben vorbereiten, das einen nach der Schule erwartet. Selbst wenn alle Kinder individuell gefördert und am Ende mit einem Einser-Abitur ins Leben entlassen würden, hieße das noch lange nicht, dass alle am Ende Ministerpräsident oder auch nur Ministerpräsidenten-Tochter sein könnten.

Schulgebäude

An diesem Ort wurde mir einiges angetan

Eigentlich ist es ja eine schöne Sache, dass eine gelernte Hotelkauffrau in Bayern Kultusministerin werden kann, schließlich fand auch Lenin, dass eine Köchin den Staat regieren können müsse. Aber hierzulande geht das nur, wenn sie einen wie Franz-Josef Strauß als Papa hatte. Immerhin, das steht auch in dem Jauch-Vorspann, fest steht bisher nur eines: Wohnort und Herkunft sind entscheidend für den Erfolg in der Schule.

Akademiker-Kinder machen auch bei mittelmäßigen Leistungen viel häufiger Abitur als Arbeiter-Kinder. Wer mehr Geld hat, kann sich bessere Schulen leisten – überhaupt fällt auf, dass in den reicheren südlichen Bundesländern irgendwie besser gelernt wird. Und so wird gefragt: Wer ist schuld an dem Bildungselend? Blöde Frage – wenn bei der Bildung gespart wird, wird sie nicht besser. Und das hat was mit den regierenden Parteien, also mit Politik, zu tun. Die wahren Bildungsverweigerer sind nämlich dort zu finden.

Wenn man die Schüler im Schnelldurchgang durch die Schule schleust, um sie danach genauso schnell durch die Universitäten zu prügeln, damit die Wirtschaft mit billigen und willigen jungen Fachkräften versorgt werden kann, bleibt die eigentliche Bildung zwangsläufig auf der Strecke. Denn Bildung hat durchaus etwas mit Persönlichkeit, Reife, Interesse und Engagement zu tun, alles Dinge, die eher hinderlich sind, wenn man die jungen Leute eigentlich nur für bestimmte Anforderungsprofile der Wirtschaft dressieren will.

Fleiß und Disziplin werden zwar vermisst, aber ohne diese Eigenschaften bekommt man weder ein vernünftiges Abitur, noch einen der wegen Stofffülle und Zeitmangel ohnehin kaum studierbaren Bätscheler-Studiengänge auf die Reihe. Gleichzeitig ist eine der Haupterfahrungen, die man heutzutage wegstecken muss, dass auch Fleiß und Disziplin nicht unbedingt helfen – selbst wenn man sich fleißig und diszipliniert durch Schule und Studium gearbeitet hat, heißt das nicht, dass dann der tolle Job mit dem sicheren Einkommen auf einen wartet. Nein, vielleicht hätte man lieber an einer der unzähligen Castingshows teilgenommen, oder hätte seine Zeit in den Jugendverbänden von CDU/CSU und FDP verschwendet. Da würde man auch bei zweifelhafter Qualifikation noch einen hübschen Job bekommen können. Aber welcher normale Mensch will so etwas? Und überhaupt: Warum soll man im Zeitalter von Internet und Wikipedia überhaupt den ganzen Scheiß von früher noch lernen müssen? Nicht nur die Politiker haben immer offensichtlicher von den Dingen, die sie entscheiden müssen, keine Ahnung, inzwischen hat sich ja gezeigt, dass beispielsweise auch die Finanzexperten keine Ahnung von dem haben, was sie da machen. Huch, da haben wir ja eine Riesen-Finanz-Krise! Keine Ahnung, wie das passieren konnte!

Ja, es gibt eine Bildungsmisere. Die hat aber schon sehr viel früher eingesetzt, als jetzt zugegeben werden wird. Denn auch hier liegt der Fehler im System: Eine Gesellschaft, die reich und arm kennt, oben und unten, deutsch und ausländisch, die wird immer ein Schulsystem brauchen, das diskriminiert. Denn es hat gar keinen Sinn alle gleich zu behandeln, zu fördern und gut auszubilden, wenn man am Ende ohnehin nur einen Teil der gut ausgebildeten Leute braucht. Wenn sich zu viele gut ausgebildete, qualifizierte junge Leute chancenlos um miese Arbeit bewerben und sich ansonsten langweilen, dann kommt heraus, was in diesem Jahr in Tunesien angefangen hat und inzwischen in der gesamten arabischen Welt immer wieder aufflackert: Die Leute gehen auf die Straße und machen Krawall! Und auch bei der Occupy-Bewegung sind nicht unbedingt die Bildungsverlierer anzutreffen, sondern die gebildeten Verlierer.

Eine Gesellschaft, in der ein immer größerer Teil der Menschen abgekoppelt wird, weil sie einfach nicht gebraucht werden, weil sie für die Produktion überflüssig sind und mangels Kaufkraft auch als Konsumenten nicht taugen, eine solche Gesellschaft hat letztlich auch kein Interesse daran, jedes ihrer Kinder bestmöglich auszubilden. Wozu denn? Die wirtschaftlich Starken kaufen sich die Bildung, die sie benötigen, um weiter zu kommen, die anderen können das nicht und bleiben halt blöd. So geht es halt zu in der Welt in der wir leben. Natürlich gefällt mir das nicht.

Aber über die Bildungsmisere zu jammern und gleichzeitig nichts gegen die sonst herrschenden gesellschaftlichen Zustände unternehmen zu wollen, ist verlogen. Warum soll einer sich in der Schule denn Mühe geben und Goethes Faust oder das Periodensystem der chemischen Elemente auswendig lernen, um hinterher um einen Job zu betteln, bei dem es für Regale einräumen den Mindestlohn von 7,50 Euro pro Stunden gibt?! Bildung ist hierzulande keine Eintrittskarte mehr für ein besseres Leben, sondern erscheint vielen als sinnlose Pflichtübung. Es hat keine Sinn, am Schulsystem herumzudoktern, solange nicht jedem Schüler eine Perspektive für ein lebenswertes Leben geboten wird, ein Leben, für das sich lernen tatsächlich lohnen würde. Und den Rest des Lebens auf Hartz-IV-Niveau vor dem Fernseher zu hängen ist keine Perspektive, mit der man künftige Bildungsverlierer zu mehr Fleiß und Disziplin motivieren kann.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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4 Antworten zu Generation doof: Wenn Bildungsverweigerer diskutieren

  1. Werner Fröhlich schreibt:

    „Verjauchung“ ist genial: nicht als eher traurige Wahrheit, aber als prägnanter Ausdruck.

  2. Sepp Aigner schreibt:

    Dass Du den FJS als bayerischsten aller bayerischen Ministerpräsidenten bezeichnest, beleidigt meinen bayerischen Patriotismus. Mein Vater, ein recht bayerischer Bayer, hat den Kerl nur „der Saukopf“ genannt. Zugegeben: Die Befreiung Bayerns von der CSU steht immer noch aus.

    • modesty schreibt:

      Ohjeh, das tut mir leid. Welcher bayerische Ministerpräsident wäre denn bayrischer als der Saukopf? Ich weiß es halt nicht, weil ich nicht aus Bayern bin. Ich vergesse es aber den Münchnern nicht, dass dort die erste kommunistische Räterepublik auf deutschem Boden ausgerufen wurde! Bayern ist nicht gleich CSU!

  3. Sepp Aigner schreibt:

    „Ich vergesse es aber den Münchnern nicht, dass dort die erste kommunistische Räterepublik auf deutschem Boden ausgerufen wurde!“ – Danke. Der einzige bayerische Ministerpräsident ohne CSU-Parteibuch war übrigens Wilhelm Högner – und der war, naja, Sozialdemokrat.

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