S21: Der Bahnhof wird tiefergelegt! Und wer ist schuld?

Tja, das ist irgendwie schon scheiße mit der Demokratie. Die Schwaben haben sich mehrheitlich dafür entschieden, ihren Bahnhof tiefer zu legen! Die S21-Gegner, die sich seit dem grandiosen Abschneiden der Grünen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg schon als Sieger gefühlt haben, sind nun bitter enttäuscht. Und der grüne Miniprä Winfried Kretschmann muss nun als guter Basisdemokrat nicht nur akzeptieren, dass der neue Bahnhof gebaut wird, sondern den Bau auch gegen die S21-Gegner durchsetzen. Das ist ungefähr so lustig, wie die Tatsache, dass die Atom-Partei von Frau Merkel jetzt den CDU-Ausstieg umsetzen muss.

Während die einen nun darüber lamentieren, dass die öffentliche Meinung im Sinne der S21-Befürworter manipuliert worden sei – sonst hätten die Leute schließlich gegen den unterirdischen Bahnhof gestimmt, lehnen die anderen sich zurück und sehen den Beweis geführt, dass im Gegenteil die Wutbürger viel zu viel mediale Zuwendung erfahren hätten.

Verwilderte Bahnanlagen: Südgelände in Berlin

Diese Schienen wurden nicht tiefer- sondern stillgelegt. Moderne Parkanlage ("Südgelände") in Berlin.

Aber so ist es ja immer: Wer eine Erklärung sucht, der findet sie, und natürlich können die Leute nicht einfach so ihren Verstand benutzen und eine vernünftige Entscheidung treffen, nein, sie müssen beeinflusst, aufgeklärt, manipuliert, verführt, über den Tisch gezogen oder was auch immer werden. Werden sie ja auch, und das nicht zu knapp! Aber nicht so primitiv wie das gern behauptet wird. Natürlich sind die Medien nicht objektiv. Und natürlich geht es bei S21 „um ganz andere Interessen“.

Und völlig klar, das Interesse, dass möglichst viele Leute möglichst günstig mit der Bahn von A nach B fahren können ist ganz bestimmt nicht das Hauptinteresse der S21-Befürworter. Wenn man dafür ist, dass die Leute sich das Bahnfahren wieder leisten können, dann könnte man statt gegen einen neuen Bahnhof einfach für billigere Bahntickets und mehr Züge demonstrieren. Oder für die Abschaffung des privaten Autoverkehrs.

Was ist denn so schlimm daran, dass die Bahn das Gelände, auf dem jetzt oberirdisch die Gleise rumliegen, anderweitig verwerten will? Ist doch besser, mitten in der Stadt mehr Wohn- Büro- und Geschäftsfläche zu schaffen, als noch mehr Wiesen und Äcker zuzupflastern. Und warum ist es für die S21-Gegner so schlimm, dass ein paar Geschäftsleute bei der Bahn und sonstwo im Kapitalismus fett Kohle machen wollen?! Wir leben nun mal im Kapitalismus, warum ist das nur dann ein Problem, wenn die Kapitalisten einen alten Bahnhof plattmachen und einen neuen bauen wollen?! Gegen den Kapitalismus gibt es nun wirklich bessere Argumente als olle Bahnimmobilien und ein paar alte Bäume, die dran glauben müssen!

Aber da müsste man ja ernsthaft nachdenken – und das ist, das gebe ich zu, wirklich nicht so einfach. Da kann man die Medien tatsächlich mal kritisieren, dass sie nicht dazu beitragen. Aber das ist gar nicht ihre Aufgabe. Im Gegenteil, die tragen dazu bei, dass man nur das denken kann, was man denken soll. Aber nicht so, wie die Schlaumeier von der kritischen Front vermuten. Kritik ist schon okay, solange man das große Ganze nicht infrage stellt. Sonst käme auch schnell raus, dass das mit Basisdemokratie und Mehrheitsentscheidungen vielleicht doch nicht so glücklich ist, insbesondere, wenn man die Leute im Nachhinein über Dinge abstimmen lässt, die ohnehin längst beschlossen sind. Aber jetzt müssen auch die Verlierer darüber froh sein, dass man sie wenigstens gefragt hat. Sind sie aber nicht, die werden jetzt noch Ewigkeiten darüber lamentieren, dass man halt falsch gefragt hat. Was auch wieder Unsinn ist.

Offensichtlich sind die Gegner des Projektes tatsächlich in der Minderheit und gerade in Baden-Württemberg sollte die Ausrede nicht ziehen, dass die Leute einfach den Wahlzettel mit der ach so komplizierten Fragestellung nicht kapiert hätten. Die Schwaben können zwar kein Hochdeutsch, aber sonst bekanntlich alles. Und so sollte auch eine relevante Mehrheit der Abstimmungsberechtigten in der Lage gewesen sein, zum Ausstieg aus dem Bauprojekt „ja“ und zum Weiterbau desselben „nein“ zu sagen, obwohl Bürgerinitiativen und Pressevertreter den Leuten einreden wollen, dass das unglaublich schwer zu kapieren sei. Die Landesregierung hat auch eine Anleitung dazu im Internet veröffentlicht.

Gut, man hätte es auch einfacher formulieren können. Aber warum sollen die S21-Gegner dümmer sein, als die Befürworter? Wenn es Leute gibt, die versehentlich dagegen waren, muss es ja auch welche gegeben haben, die versehentlich dafür gestimmt haben. Ich denke, dass wer sich schon aufgerafft hat, zu dieser Abstimmung zu gehen, sich auch damit beschäftigt hat, was er denn antworten muss, damit das passiert, das er für besser hält: Baustopp oder Weiterbauen.

Und angesichts der Tatsache, dass ja seit gut zehn Jahren bekannt ist, dass S21 gebaut werden wird, finde ich es wenig verwunderlich, wenn sich viele Leute jetzt sagen, na, dann baut das jetzt doch endlich mal fertig. Was haben die Leute in Berlin über diesen blöden Hauptbahnhof geschimpft, der ja so hässlich, groß und teuer werden sollte! Und das war ja auch eine hässliche Baustelle und teuer ist das Ding auch geworden, viel teurer als erwartet natürlich, und deshalb auch ein bisschen kürzer und weniger imposant als eigentlich mal vorgesehen. Aber jetzt, wo die Leute aus aller Welt kommen, um sich diesen coolen, modernen Bahnhof anzusehen, mit Zügen oben und unten und vielen Rolltreppen dazwischen, ist alles prima mit dem Berliner Hauptbahnhof.

Obwohl man sich schon ein bisschen auskennen muss, damit das mit dem Umsteigen klappt. Besonders benutzerfreundlich ist der neue Hauptbahnhof nicht. Sondern verwirrend und unübersichtlich – aber dermaßen cool, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn man den Zug verpasst, weil man dann die kühne Stahl-, Glas- und Betonkonstruktion auf den verschiedensten Ebenen in Ruhe studieren kann. Warum sollen die Stuttgarter das nicht auch haben? Und wenn sie dann ihren neuen Bahnhof bewundern und sich ärgern, dass sie zum Bahnfahren nicht mehr genug Geld verdienen, dann können sie endlich über richtig wichtige Dinge nachdenken, über den Ausstieg aus dem Kapitalismus beispielsweise. Das würde uns beispielsweise die nächsten dreihunderttausend Wirtschafts- und Finanzkrisen und das damit verbundene Elend ersparen. Im Kommunismus – der nichts mehr mit dem gemeinsam haben wird, was die meisten heute darunter verstehen, wenn sie diesen Begriff hören – sind schicke, neue Bahnhöfe durchaus willkommen!

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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2 Antworten zu S21: Der Bahnhof wird tiefergelegt! Und wer ist schuld?

  1. petrasusan schreibt:

    Gut, ich würde ja jetzt nicht den Ausstieg aus dem Kapitalismus mit den Ausstieg aus einem irrsinnigen Bau vergleichen. Und ein Bahnhof muss nicht cool sein, sondern funktional und ich würde es keinesfalls schätzen, dass ich einen Zug verpasste und mich damit trösten könnte, dass ich in einem total coolen Bahnhof bin. Das ist einfach nur Mist. Und in Berlin gibt es viele Bahnhöfe, wo man ankommen und gut abfahren kann, da muss man sich nicht in das Ding begeben. In Stuttgart kommt noch dazu, dass eigentlich Teile Denkmal geschützt sind. Die werden einfach abgerissen. Man bringe mal neue Fenster in einem Denkmal geschützten Haus an. Dann greift plötzlich der Denkmalschutz. Ein es glaubt doch wohl niemand, dass eine zehnjährige Bauzeit ausreicht. Bei uns wurde ein Citytunnel gebaut, auch in einen sensiblen Untergrund, der immer wieder absoff, Geld und Zeit verbrauchte noch und nöcher, das man für Kulturprojekte in der Stadt hätte viel besser einsetzen können, zumal der Citytunnel ebenso nur dem Prestige diente, die der Tunnelbahnhof in Stuttgart. Das droht den Stuttgartern ebenso. Dazu kommt, dass Sicherheitsvorschriften außer Kraft gesetzt worden sind, um diesen Bahnhof überhaupt machen zu können. Das ist doch wohl ein feines Bild, was weit über einfache Proteste hinausgeht. Und – wieso ein xtes Bürohaus? Es gibt sicherlich in Stuttgart ebenso genügend vielen freien Büroraum wie überall in der Republik. Ich griene nur und feixe mir eins, wenn dann die braven Bürger sich ärgern, wenn ihre Kultureinrichtungen geschlossen werden, weil das Geld in den Bahnhof fließen muss. Aber, sie wollten es so. Sollen sie es auch so haben.

  2. modesty schreibt:

    Vergleichen wollte ich den Ausstieg aus dem Kapitalismus auch gar nicht mit dem Bahnhofsbau – nur daran erinnern, dass es auch andere Sachen gibt, für die es sich wirklich zu kämpfen lohnen würde. Inzwischen bin ich so fatalistisch, dass ichs auch um das Geld nicht mehr schade finde, das da mitsamt dem Bahnhof tiefer gelegt wird – natürlich könnte man das viel nutzbringender ausgeben. Nur darum geht es ja überhaupt nicht in unserem System! Wenn es danach ginge, was den Menschen nützt, dann wären wir ja längst weiter, dann wäre der Kapitalismus nur noch eine schlechte Erinnerung.

    Und dieser Denkmalschutz ist auch so dermaßen absurd – den wirklich hübschen und frisch restaurierten Lehrter Bahnhof haben sie ja auch für den Berliner Hauptbahnhof abgerissen. Und, noch viel schlimmer, den Palast der Republik, der ja nun wirklich ein historisches Baundenkmal hätte werden müssen. Aber den haben sie natürlich plattgemacht, statt einem sozialistischen Ort fürs Volk soll da lieber der Hotzenklotz wieder aufgebaut werden, also dat Stadtschloss. Ach ja, die seligen Zeiten der Monarchie, da war die Welt noch in Ordnung! Da wollnse wieder hin. Bin ich froh, dass meine olle Bude keinen Denkmalschutz hat – da war das mit den neuen Fenstern nicht so wild.

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