Der Kredit des Bundespräsidenten und echte CDU-Skandale

Es ist nicht zu fassen, was angesichts des Elends in der Welt und im eigenen Land die Schlagzeilen beherrscht: Unser oberster Repräsentant und Ehrenbundesbürger hat sich von einem guten Kumpel zu zugegebenermaßen ziemlich günstigen Konditionen eine halbe Million Euro geliehen und das nicht an die große Glocke gehängt. Tja nü. Hat den jemand von empörten Leitartiklern und Kommentatoren ernsthaft geglaubt, dass ein Politiker, dazu noch einer von der CDU und dann noch einer, der sieben Jahre Ministerpräsident war, keine guten Freunde hat?

So viel Naivität würde man ja nicht mal bei einem Zeitungsvolontär vermuten, der gerade aus der Schule kommt. Jeder weiß doch, wie es läuft in Wirtschaft und Politik – wenn da die richtigen nicht zusammenhalten, dann läuft es nämlich nicht. Und Christian Wulff ist für einen CDU-Politiker doch geradezu ein Tugendmensch. Wenn ich da an die berüchtigte CDU-Spendenaffäre denke, oder an die Tatsache, dass gerade die hessische CDU traditionell schwarz-braun ist – das Qualitätblatt Bild hat gerade wieder einen CDU-Politiker als aktiven Nazi enttarnt. Von den hessischen Steuerfahndern ganz zu schweigen, die kalt gestellt wurden, weil sie ihren Job machen wollten! DAS sind Skandale!

Oder die Berliner CDU, die Skandalfraktion par excellence! Hiermit sei einmal mehr an Klaus Landowsky erinnert, die zentrale Figur im nicht weniger berüchtigten Berliner Bankenskandal, der die Berlin und ihre Bewohner auf absehbare Zeit ruiniert hat – bis auf den exklusiven Zirkel natürlich, der davon profitiert hat. Da haben sich ein paar reiche Säcke auf Kosten der Berliner noch mal so richtig bereichert, und da ging es nicht um eine lächerliche halbe Million, die irgendwer irgendwem geliehen hat. Da geht es um zig Milliarden, die die Berliner Steuerzahler aufbringen müssen – ohne irgendeinen Vorteil davon haben. Im Gegenteil. Die Leute werden zugunsten einiger Vollkasko-Arschlöcher enteignet – DAS ist ein Skandal! Denn irgendwer profitiert immer, wenn es viele Geschädigte gibt. Aber die Profiteure hängen das natürlich auch nicht an die große Glocke. Sie stecken die Kohle ein und schweigen diskret.

Das gilt auch für die jüngste Affäre der Berliner CDU, die einen windigen Notar zum Justizsenator gemacht hat. Der Jurist Michael Braun hatte in seiner Tätigkeit als Notar einer zweifelhaften Immobilienfirma dabei geholfen, unbedarften Kunden Schrottimmobilien zu völlig überhöhten Preisen anzudrehen. Jetzt sollte dieser Mann nicht nur an der Spitze der Berliner Justiz, sondern auch noch oberster Verbraucherschützer sein – das ist keine Ironie, sondern eine Frechheit. Zwar wurde Braun inzwischen zurückgetreten, aber auch er wird Freunde haben, die schon dafür sorgen, dass er wieder einen lukrativen Posten bekommt, einen der vielleicht nicht ganz so im Lichte der Öffentlichkeit steht.

Das sind die echten CDU-Skandale. Dagegen ist Wulff ein Waisenknabe. Aber so richtig glücklich war man mit dem Kandidaten ja schon bei der Wahl nicht, man erinnere sich: Es war die bisher längste Bundespräsidentenwählerei der Geschichte. Kein besonderes Profil als einzige Qualifikation ist eben keine besonders gute Voraussetzung für ein Staatsoberhaupt, selbst für ein deutsches. Ob der evangelische Pastor Joachim Gauck die bessere Wahl gewesen wäre, wage ich allerdings zu bezweifeln. Ich kann beide nicht ausstehen. Ich war natürlich für Luc Jochimsen. Die hätte die Leute sicherlich daran erinnert, dass es in diesem unseren Lande wirklich ganz andere Probleme gibt als die finanziellen Mauscheleien eines Christian Wulff.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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3 Antworten zu Der Kredit des Bundespräsidenten und echte CDU-Skandale

  1. Sepp Aigner schreibt:

    Braun kriegt übrigens für die elf Tage, die er Justizsenator war, 50 000 Euro – als „Übergangsgeld“ …

    Das gegen Wulff ist, glaube ich, eine politische Kampagne, bei der wir weder Hintergründe, noch, Zweck, noch Akteure mitkriegen. Vielleicht Niedersachen-Seilschaft )die ist in Berlin einflussreich geworden) kontra Berlin-Seilschaft ? Die Medienkonsumenten dienen dabei jedenfalls nur als Resonanzkörper, der „Stimmung“ erzeugen soll.

  2. pantoufle schreibt:

    Jo-so isses. Das Skandälchen. Das aus dem parteiübergreifenden hannoveraner Filz nichts anderes zutage kommt als solche Fußnoten, kann man ja direkt als Fortschritt betrachten. Wenn man denn nach einem Skandal suchen würde, findet man in jeder Ausgabe der Tagesschau mehr Stoff zum nachhaken: Allein Konsistenz und Begabung der jetzigen Regierung schreit zum Himmel. Keine funktionsfähige Opposition, keine Ideen und zu allem Überfluß – wenn man schon mit der Übelkeit kämpft – gibt es da noch die SPD. Der eigentliche Skandal ist doch die vollkommene Alternativlosigkeit, vor der der Wähler steht – der Skandal ist die Selbstverständlichkeit, mit der diese sogenannten Politiker die Welt in einen Selbsbedienungsladen verwandelt haben. Und skandalös ist die kriminelle Energie, mit der sie dafür sorgen, daß jedes Medium ihre absurden Gedankengänge als allein seligmachendes Gemeingut weiterverbreiten muß. Der Skandal ist…
    Ich rege mich schon wieder auf… ist nicht gut, hat der Doc gesagt – Blutdruck und so und der Taint soll auch darunter leiden. Man sollte sich einfach nicht so sehr aufregen…
    leicht gesagt…

  3. Pingback: Arbeitskampf und Gewerkschaftsmoral | Gedanken(v)erbrechen

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