Die Linke und der Herz-Jesu-Marxist

Es gab vor vielen Jahren einmal eine Zeit, die ich für eine halbwegs seriöse Wochenzeitung gehalten habe. Mittlerweile kann ich sie, wie fast alle anderen Zeitungen auch, nur noch schwer ertragen. Jetzt aber fand ich unter dem Titel „Nächstenliebe ist knallharte Pflicht“ ein so genanntes Streitgespräch mit Sahra Wagenknecht (Die Linke) und Heiner Geißler (Herz-Jesu-Marxist, aber noch immer CDU). Eine Evelyn Finger und ein Hanns-Bruno Kammertöns stellten für die Zeit unglaublich dämliche wie tendenziöse Fragen, so dass es nur der Professionalität und Sachkenntnis beider Gesprächspartner zu verdanken war, dass dabei trotzdem noch etwas mehr heraus kam als der übliche neoliberale Mainstream-Brainfuck.

Schon die erste Frage war eine ebenso plumpe, wie offensichtliche Fangfrage, die Wagenknecht souverän parierte. „Wer ist für Sie die größere Autorität in Sachen Gerechtigkeit: Karl Marx oder der Papst?“ Darauf Sahra Wagenknecht: „Der Papst hat in deutlichen Worten kritisiert, dass die Einkommen immer mehr auseinanderklaffen. Ich glaube, jeder Mensch mit Sinn und Verstand, der sich Verhältnisse anschaut, wo ein Aktienanalyst das Tausendfache eines Altenpflegers verdient, kann nur zu dem Schluss kommen, dass wir heute eine zutiefst ungerechte Gesellschaft haben.“

Dass Geißler dann auch lieber etwas zum Papst als zu Karl Marx sagen wollte, überrascht nicht, da kennt er sich ganz offensichtlich besser aus. Immerhin kritierte Geißler Benedikt, dass er Augustinus absichtlich falsch zitiert habe. Augustinus sagte: Was wäre ein Staat ohne Gerechtigkeit anderes als eine große Räuberbande? Der Papst hätte Gerechtigkeit dagegen mit Recht übersetzt, was nicht ganz dasselbe sei.

Im folgenden geht es dann erwartungsgemäß darum, wie ungerecht diese Gesellschaft und der ganze Kapitalismus doch ist, und obwohl sich die Zeit-Leute alle Mühe gaben, populäre Lügen als Tatsachen auszugeben, etwa dass die oberen zehn Prozent der Steuerzahler 60 Prozent des Steueraufkommens schultern würden, konnte Wagenknecht richtigstellen, dass der größte Teil des Gesamtsteueraufkommens aus den Verbrauchssteuern kommt, die von den kleinen Leuten genauso gezahlt werden müssen wie von denen, die tatsächlich relativ viel Einkommenssteuer zahlen müssen. Insgesamt hätten die Arbeitenden immer weniger Anteil am volkswirtschaftlichen Reichtum, denn die größten Einkommen würden aus purem Vermögensbesitz erzielt, der oft auf Erbschaft oder Spekulation zurückginge. Und eine Wirtschaftsordnung, in der Eigentum zu nichts verpflichte, sei verfassungswidrig.

Geißler stellte fest, dass es weltweit eine massive Verletzung des Gerechtigkeitsgebots gäbe, die von der Völkergemeinschaft hingenommen werde. Überhaupt interessant, wie der CDU-Mann und die Linke sich die Bälle zu warfen, das reinste Gerechtigkeits-Ping-Pong – was ich gar nicht lächerlich machen will, obwohl mich erstaunt hat, wie dicht die Positionen von Wagenknecht und Geißler in vielen Dingen beieinander liegen. Als Sahra Wagenknecht sagte, sie wolle den Kapitalismus überwinden, weil seinetwegen Kinder sterben würden, protestierte Geißler nicht, sondern bekräftige, dass jeder vernünftige Mensch heute Kapitalismuskritik üben müsse. Allerdings behauptete er dann, dass die CDU eine ökosoziale Marktwirtschaft und eine radikale Reform der Finanzmärkte wolle – das hatte er wohl eher das Programm der Grünen im Kopf. Aber was solls. Es gab noch einige andere Perlen, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte.

Etwa so geistreiche Interventionen der Zeit-Journalisten wie „Und der Staatssozialismus? Beim letzten Mal, als die ganze Welt gerecht werden sollte, waren am Ende Zigmillionen Menschen tot“ behielt Wagenknecht die Contenance: „Das damalige Modell ist gescheitert und vorüber. Aber die Verbrechen Stalins rechtfertigen nicht, sich mit den Verbrechen des Kapitalismus abzufinden. An einer Neuverteilung von Einkommen und Eigentum führt kein Weg vorbei.“ Sie hätte natürlich schon erwähnen können, dass für einen Großteil der Zigmillionen Toten ja nicht allein die Staatssozialisten, sondern vor allem Faschisten und die sie unterstützenden Kapitalisten verantwortlich waren, aber andererseits ist es auch gut, sich nicht auf diese Aufrechnereien einzulassen. Denn dass es weltweit auch ohne Staatssozialismus noch Zigmillionen Tote gibt, weil die Leute kein Geld, nichts zu essen und auch sonst nichts zu lachen haben, kommt ja am Rande schon immer mal wieder vor.

Vielleicht wird Sahra Wagenknecht das System noch überwinden, in dem sie in die CDU eintritt und sich zur Kanzlerin wählen lässt. Cool genug, auf die dümmsten Fragen noch eine vernünftige Antwort zu finden, ist sie jedenfalls. Leider aber auch abgefuckt genug, um ihr Bekenntnis zum Sozialismus ausgerechnet mit der Lektüre Goethes Faust zu begründen. Aber das kommt bei den deutschen Bildungs-Wutbürgern sicherlich besser an als ein Marx-Zitat.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Die Linke und der Herz-Jesu-Marxist

  1. Norbert schreibt:

    …diese Frau Wagenknecht ist ebensowenig eine „Linke“, wie Herr Geißler ein „Marxist“ ist: Und das ist – bei aller Gewitztheit in der Beantwortung dümmlicher Fragen – der Ausgangspunkt der Debatte. Folglich kann aus dem ganzen Salat nichts weiter herauskommen als dümmliches Geplauder! Bestenfalls „interessant“ für einige spitzfindige Pseudointellektuelle.

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