Preissteigerungen: Es ist nicht der Euro, sondern Gefühl

Was ist eigentlich mit dem Euro los? Das ganze Wochenende über keine Horronachrichten über unzureichende Rettungspläne, stürzende Kurse und Regierungen, keine neue Milliarden-Löcher, ja, über die Ratingagenturen wird noch ein bisschen geschimpft, aber das ist auch schon alles. Sollen die geplagten Bürger zum 4. Advent noch mal so richtig schön einkaufen gehen, in Ruhe den Xmas-Terror genießen und ihren Kosumentenpflichten nachkommen, bevor dann im nächsten Jahr die nächste Runde der Zuwendungskürzungen und Preiserhöhungen auf sie zu kommt? Sieht ganz so aus. Passend dazu gab es einen hübschen Pro-Euro-Propaganda-Artikel in der Financial Times Deutschland, der beweisen sollte, dass der Euro kein Teuro ist, wie böse Zungen immer wieder flüstern. Oder auch mit Wutbürger-Emphase brüllen. Aber wer dem Bauchgefühl traut, der irrt sich! Denn nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes hat der Euro hat die Lebenshaltungskosten nicht erhöht.

Wer sich nun die Augen reibt und sich wundert, warum dann so dermaßen viel weniger Geld auf dem Konto übrig bleibt, sei folgendes gesagt: Seit der Einführung des Euro-Bargeldes für alle Anfang im Jahr 2002 lag die Preissteigerung bei durchschnittlich 1,6 Prozent im Jahr. Zu Zeiten der D-Mark sollen es nach Angaben der Statistiker dagegen im Schnitt 2,6 Prozent gewesen sein. Alles halb so wild also!

Das Dumme ist nur, dass einige wenige Produkte, die aber nun mal sehr wichtig sind, richtig viel teurer geworden sind. Etwa Erdöl und Erdgas und in der Folge auch Heiz- und Energiekosten. Und wer im Winter nicht kalt und im Dunkeln sitzen will, muss deutlich mehr zahlen als zu D-Mark-Zeiten. Besonders krass ist das bei den Preisen für Heizöl und Sprit: Sie lagen im November 2011 um schlappe 85 Prozent über dem Niveau kurz vor der Euro-Einführung. Die Strompreise legten im gleichen Zeitraum um etwa 66 Prozent zu. Daran sei aber nicht der Euro schuld, sondern – nun ja, die bösen Konzerne und die blöde Regierung mit ihren Ökosteuern.

Deutlich teurer geworden sind aber auch einige Lebensmittel, insbesondere Obst, Gemüse, frisches Brot und Milchprodukte. Dinge also, an denen keiner vorbei kommt. Deshalb hätten viele Verbraucher das Gefühl, dass der Euro weniger wert sei als die D-Mark. Was aber nur ein Gefühl sei. Dazu kommt auch noch, dass es in den vergangenen Jahren spürbare Steuer- und Abgabenerhöhungen gab, etwa die Erhöhung der Mehrwertsteuer im Jahr 2007. Die nebenbei eine besonders gemeine Steuererhöhung war, weil sie vor allem diejenigen trifft, die ohnehin wenig haben. Wer sein ganzes Geld in den Konsum stecken muss – was auch schon eine bezeichnende Umschreibung dafür ist, dass den Habenichtsen ihr Quasinichts dafür abgezockt wird, dass sie irgendwo wohnen und irgendwas essen müssen – ist besonders hart betroffen, wenn jedes verdammte Ding, was konsumiert werden muss, damit man am Leben bleibt, ein paar Prozent teurer wird. Wer eh genug hat, den juckt das nicht weiter, der hat genug andere Möglichkeiten, um Steuern zu sparen. Wobei auch die Besserverdiener merken, dass Restaurantbesuche deutlich teurer geworden sind. Die Statistiker reden von Aufschlägen von 20 bis 40 Prozent, aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das so nicht ganz hin kommen kann: Zu D-Mark-Zeiten bin ich in Prenzlauer Berg gern ausgegangen, ein Milchkaffee kostete in der Regel 2,50 DM, ein Bier zwischen 2,30 und 2,70 DM. Jetzt muss man schon Glück haben, wenn man einen Café Latte für 2,60 Euro bekommt, und ein Bier für unter 3 Euro. Und wenn man dann auch noch etwas zu Essen wünscht, das einigermaßen lecker ist, dann geht das ohnehin gleich in Regionen, die ich mir nicht mal zu hohen Feiertagen leisten kann.

Dabei räume ich durchaus ein, dass Berlin, insbesondere Ostberlin ein Sonderfall ist. Denn das Nette an Ostberlin war ja, dass man dort nach der Wende zu D-Mark-Zeiten wirklich gut leben konnte, wenn man einen halbwegs brauchbaren Job hatte. Hier passiert jetzt im Zeitraffer, was andere Metropolen schon lange hinter sich haben. Die Mieten beispielsweise, die einen hohen Anteil an den Konsumausgaben der Haushalte haben, haben sich angeblich nur um insgesamt 12 Prozent erhöht. Das wäre fantastisch! Tatsächlich ist es aber so, dass ich inzwischen ziemlich genau das in Euro bezahle, was ich vor zehn Jahren in DM für meine Wohnung bezahlt habe. Nur dass ich damals eine 120-Quadratmeter-Altbauwohnung in Prenzlauer Berg hatte (unsaniert, aber nett) und jetzt eine 65-Quadratmeter-Plattenbauwohnung in Mitte. Hier ist offenbar verzögert angekommen, was die Statistiker in den 1o Jahren zuvor festgestellt hatten: Da habe es bei den Nettokaltmieten einschließlich Wohnungsnebenkosten noch einen Preissprung von 40 Prozent gegeben. Also im Durchschnitt. Vor allem diejenigen, die aus irgendeinem blöden Grund umziehen müssen, sind in den Arsch gebissen: Neuverträge sind in Berlin derzeit absurd teuer, auch wenn das gemessen an den Preisen in Hamburg, Frankfurt, Köln, Stuttgart oder München lächerlich erscheinen mag. Die Berliner verdienen ja auch viel weniger als die Leute in den Schickimicki-Städten! Wobei es auch dort immer mehr Geringverdiener gibt.

Aber wie immer die Statistiker das hin-und-her-rechnen mögen, es geht hier nicht um ein diffuses Bauchgefühl, sondern um die Tatsache, dass so ziemlich alles, was existenziell ist, sehr viel teurer ist, als zu DM-Zeiten. Es ist doch nicht so, dass sich die Leute nur einbilden würden, dass sie weniger auf dem Konto haben: Es bleibt weniger übrig. Und das, was übrig bleibt, ist am Ende auch weg, wenn man mal wieder beim Zahnarzt war. Oder so. Denn bei den Gesundheitskosten werden die Leute auch viel mehr geschröpft, auch wenn das in dem FTD-Artikel elegant unter den Tisch fällt.

Wie es damals schon so schön hieß: Nichts ist auch nur einen Pfennig teurer geworden! Aber dafür ein paar Cent. Oder ein paar Euro.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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