Hurra-Meldungen vom deutschen Arbeitsmarkt

Vor ein paar Tagen hat die Süddeutsche noch gewusst, dass die Arbeitslosenstatistik geschönt wird – inzwischen ist das schon wieder vergessen. Schön, dass die Bundesagentur für Arbeit das Jahr unerwartet positiv abschließen kann – statt eines erwarteten Defizits von 5,4 Milliarden gibt es doch tatsächlich einen Überschuss von 100 Millionen Euro. Es lohnt sich also, Arbeitslose ist so beschissene Arbeitsverhältnisse abzuschieben, dass sie gar nicht erst in den „Genuss“ von Arbeitslosenunterstützung kommen, wenn sie wieder auf der Straße stehen.

Mir spukt die ganze Zeit ein Lied im Kopf herum, dass so gar nicht zu den Hurra-Meldungen passen will, die nur Erfolge vom deutschen Arbeitsmarkt melden. Fakt ist, dass derzeit so viele Menschen wie noch nie in Deutschland antreten müssen, um sich für ein Taschengeld nützlich zu machen, weil es einfach gar nicht mehr anders geht. Es ist ja nun nicht so, dass in der Dauerkrise plötzlich überall Qualitätsjobs aus dem Boden schießen, an die vorher nur kein Mensch gedacht hat. Im Gegenteil: Die halbwegs gut bezahlten Jobs werden immer weniger. Und wenn Papa dann für Niedriglohn arbeiten muss, muss auch die Mama ran – oder umgekehrt. Auch die Altersarmut ist mittlerweile so gut ausgebaut, dass die Alten – insbesondere alte Frauen – weiter arbeiten müssen, wenn sie nicht bei Wasser und Brot in der kalten, dunklen Wohnung sitzen wollen, weil die Rente nicht mehr reicht.

Das althergebrachte Modell: Von wegen Papa geht arbeiten und Mama kümmert sich um die Kinder wird zwar in gewissen Kreisen noch propagiert (Herdprämie), ist für die Frauen aber extrem gefährlich geworden, denn die bisherigen Rentenkürzungen treffen vor allem genau diese Hausfrauen. Die paar Rentengroschen, die es für Kinderaufzucht gibt, sind eher symbolischer Natur. Alten Frauen wird künftig gar nichts anderes übrig bleiben, als irgendwie noch Geld zu verdienen, wenn sie nicht verhungern wollen. Armen Männern aber auch nicht.

Die Welt bejubelt die Spätrente indes schon als wunderbare Chance, als Jungbrunnen gar für die Alten selbst und vor allem die Wirtschaft, die vom Erfahrungsschatz der Alten profitieren könnte – als ob die Alten heute erfahrener wären als die noch gar nicht so Alten, die man vor einigen Jahrzehnten noch massenhaft in Frührente schickte – eine ziemlich teure Maßnahme, um die Arbeitslosenzahlen besser aussehen zu lassen.

Meine Generation muss sowohl deren üppige Frührenten als auch die neu beschlossenen zusätzlichen Einbußen für die eigene Rente schultern, in dem wir in hoch verdichteten, aber schlechter bezahlten Jobs länger durchhalten müssen, um am Ende noch weniger Rente zu bekommen. Falls es in zwanzig, dreißig Jahren überhaupt noch so etwas gibt. Und für die ganz jungen, die jetzt versuchen, einen Fuß in die Tür zum Arbeitsmarkt zu bekommen, sieht es noch viel schlechter aus. Insofern kann man nur wünschen, dass das ganze System möglichst bald zusammen bricht. Klar braucht die Wirtschaft Alte genauso wie Junge, Frauen genauso wie Männer, und ob Deutsche oder Chinesen am Band sitzen und die Hightechgeräte der Zukunft zusammen schrauben, ist „der Wirtschaft“ auch herzlich schnuppe, der Politik allerdings weniger, zumindest, wenn es sich um deutsche Politiker handelt, die in erster Linie Deutschland als Nation voran bringen wollen.

Die deutschen Malocher aber, die intensiver, billiger und länger arbeiten sollen, um Deutschland voran zu bringen, sollten endlich kapieren, dass sie letztlich genauso arm dran sind wie die Malocher in Griechenland, in Irland, Portugal und Spanien, in Polen, Russland, den USA oder China: Sie sind nichts als Manövriermaterial, sie sind nur Produktionsmittel für eine Wirtschaft, die so gnädig ist, uns zu benutzen, um Geschäfte zu machen, von denen die Mehrzahl der benutzten Leute nichts hat. Von denen, die nicht mal mehr gebraucht werden, gar nicht zu reden. Klassenkampf ist als Begriff zwar ziemlich aus der Mode gekommen, die Notwendigkeit, dem Klassenkampf von oben wieder mit einem von unten zu entgegnen, dagegen nicht. Im Gegenteil.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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