Netzkritik: Ansgar Heveling und der bürgerliche Totalitarismus

Von Ansgar Heveling hatte ich bislang noch nie etwas gehört. Aber er hat jetzt einen Gastkommentar im Handelsblatt geschrieben, der mit „Liebe Netzgemeinde, ihr werdet den Kampf verlieren!“ überschrieben ist und derzeit viel kommentiert wird. In diesem Artikel lamentiert Heveling darüber, wie sehr doch das geistige Eigentum in Gefahr ist und dass die „digitalen Maoisten“, die meinen, dass sie das Web-Zwo-Null gepachtet hätten, gar nicht die Guten sind, sondern im Gegenteil die ganz, ganz Bösen. Denn letztlich wollten sie statt der totalen Freiheit nur den digitalen Totalitarismus.

Vermutlich hat der Typ damit nicht mal ganz unrecht, denn die Abschaffung des Privaten – nichts anderes meint ja völlig naive Forderung nach totaler Transparenz, mit der etwa die Piraten-Partei angetreten ist – ist tatsächlich totalitär: Privatsphäre war gestern, heute steht alles eh auf Twitter und Facebook. Alles ist öffentlich. Dabei ist gerade Facebook als Unternehmen nicht unbedingt ein leuchtendes Beispiel in Sachen Transparenz: Facebook selbst legt nichts offen, es verlangt nur, dass seine Nutzer zu allem ja und amen sagen. Ab und zu veröffentlicht es versehentlich irgendwelche Nutzerdaten, aber die Nutzer sind offenbar sehr leidensfähig, sie bleiben und geben weiterhin alles von sich preis, was die professionellen Datensammler von ihnen wissen wollen und haben selbst nichts davon, außer das Gefühl, bei irgendetwas Großem dabei zu sein, überall und jederzeit.

Ganz schön verrottet, dieses Internet.

Ganz schön verrottet, dieses Internet.

Insofern stimme ich Heveling sogar zu, wenn er sagt, dass man dieser Sorte selbst ernannter digitaler Avantgarde nicht die Zukunft überlassen dürfe. Ganz und gar nicht: Es muss nicht jeder wissen, wo ich gerade meinen Café Latte schlürfe und wer mit mir befreundet ist. Wer sich dafür interessieren sollte ohne mich näher zu kennen, ist entweder vom Verfassungsschutz oder hat sonst einen an der Waffel. Es geht schlicht niemanden etwas an, den ich nicht persönlich gefragt hätte, ob er oder sie vielleicht gern gemeinsam mit mir einen Kaffee trinken würde. Oder auch etwas anderes.

Auch stimme ich Heveling zu, wenn er den Googles und Wikimedias der Welt zuruft, dass sie ihren starken Arm gern mal zeigen können, aber niemand daran stirbt, wenn sie sich mit symbolischen Zensurbalken schmücken und mal einen Tag teilweise nicht erreichbar sind. Das ist weder das Ende des Wissens der Menschheit noch der Menschheit selbst. Es ist nicht mal das Ende vom Internet.

Allerdings bin ich der Ansicht, dass die Leute, wenn sie denn schon auf die Barrikaden gehen sollten (auch so eine gängige bürgerliche Fantasie, die der olle Arnulf Baring vor einiger Zeit wieder belebt hat), lieber nicht Goethe oder die Bibel zitieren sollten, denn da steht nichts Vernünftiges drin, für das es sich lohnte, auf die Barrikaden zu gehen. Sondern dann schon lieber Marx, den Heveling immerhin auch erwähnt. Hauptsache, man hat sich seine Erkenntnis nicht schnell aus dem Internet zusammen kopiert, sondern ein gedrucktes Buch in der Hand. (Das ist Hevelings Argument, meinetwegen kann man das gedruckte Buch auch weglassen und sich lieber auf die richtigen Forderungen konzentrieren.) Damit hat sichs dann aber auch mit den Übereinstimmungen. Denn er schließt seinen Anti-Netzgemeinde-Sermon mit folgendem Absatz:

Wir dürfen die Gestaltung der Zukunft nicht denen überlassen, die sich als digitale Avantgarde verstehen und meinen, sie wüssten, was das Beste für die Masse Mensch vor den Maschinen sei. Piraten sind jedenfalls dabei der schlechteste Ratgeber. Sie achten das Eigentum des anderen nicht, setzen ihr Wissen nur für den eigenen Vorteil ein, sind darauf bedacht, zusammenzuraffen, was sie von anderen kriegen können. Und offensichtlich sind Narzissmus und Nerdzismus Zwillinge. Natürlich soll niemandem verboten werden, via Twitter seine zweite Pubertät zu durchleben. Nur sollte man das nicht zum politischen Programm erheben. Jetzt haben wir noch die Zeit, diesem Treiben Einhalt zu gebieten. Wir brauchen den Citoyen, dem Werte wie Freiheit, Demokratie und Eigentum auch im Netz am Herzen liegen.

Diesen Citoyen, der eben auch in erster Linie ein Bürger ist, ein Besser-Bürger eben, nicht nur ein blöder Bourgeois, kann mir gestohlen bleiben. Was ich von Freiheit halte, habe ich an anderer Stelle schon beschrieben. Demokratie ist bei genauerem Nachdenken eine mitunter sehr zweifelhafte Herrschaftsform – vor allem eben eine Herrschaftsform, die ein braves Volk benötigt, das sich beflissen beherrschen lässt, und Eigentum – arrgh, würg, röchel.

Eigentum ist der Ausschluss aller anderen von etwas, das sie gut gebrauchen könnten, aber ihnen nun mal leider nicht gehört. Auch keine schöne Sache. Insbesondere Privateigentum an Produktionsmitteln ist ein ganz schlimmes Ding, aber auch geistiges Eigentum halte ich für keine großartige Errungenschaft der Menschheit, sondern für eine ihrer Geißeln. Geistiges Eigentum ist nämlich keineswegs immer der Motor für Innovation und Entwicklung, sondern kann auch ein Hemmschuh sein. Man muss ja nur mal das Patentunwesen genauer betrachten, um zu erkennen, wie schwachsinnig es ist, anderen eine gute Idee zu verbieten, die halt ein anderer schon mal gehabt hat. Und möglicherweise gar keinen Gebrauch davon macht. Es werden reihenweise Patente aufgekauft, um zu verhindern, dass innovative Ideen umgesetzt werden, weil sich die Unternehmen ihre bisherigen Geschäftsmodelle nicht kaputt machen lassen wollen. Hier dient geistiges Eigentum der Verhinderung von Innovation.

Nein, ich meine jetzt nicht dass man der Oma ihr klein Häuschen wegnehmen soll. Das ist eine andere Dimension von Eigentum. Das ist der handgreifliche Besitz. Warum sollen den Leuten die Sachen, die sie ohnehin benutzen bzw. bewohnen, nicht gehören?! Ich persönlich möchte gar nicht zwischen dem Besitzer einer Sache und dem Eigentümer unterscheiden. Ich fände es prima, wenn den Leuten, die Wohnung, in der sie wohnen einfach gehören würde, weil sie sie offensichtlich brauchen – damit ginge natürlich auch die Verpflichtung einher, dass sie sich um die Instandhaltung kümmern. Aber nein, die dürfen gar nichts tun, sondern müssen andererseits Miete zahlen, weil ihnen die Wohnung, die sie brauchen, nicht gehört, sondern irgendeinem Eigentümer. Der unter Umständen keinen Finger dafür krumm gemacht hat, der hat vielleicht ein paar Mietshäuser von seinen Eltern geerbt. Der wird unter Umständen zum totalen Innovationshindernis, nur weil er einfach so einen Haufen Geld bekommt, von den Mietern, die dafür arbeiten gehen müssen, und mangels guter Beziehungen vielleicht einen miserablen Job haben. Okay, das führt jetzt zu weit, das nur zur Illustration. Ich will mich nur gegen Heveling abgrenzen, wir teilen fast nichts außer der Ansicht, dass man das Internet nicht irgendwelchen unreflektierten Idioten überlassen sollte, die keine Ahnung davon haben, was die Menschheit tatsächlich braucht. Denn das sind nicht Facebook und Twitter, sondern Wasser und Brot. Und schon gar nicht dieser unsägliche Bürgerlichen-Scheiß.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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3 Antworten zu Netzkritik: Ansgar Heveling und der bürgerliche Totalitarismus

  1. las artes schreibt:

    Ich halte dies insgesamt für einen sehr interessanten Ansatz zur Eigentumsdefinition, der sicherlich etwas intensiver diskutiert werden sollte. So wird z.B. die Konsequenz, dass durch diese Definition so etwas wie „geistiges Eigentum“ ausgeschlossen wird, gewiss zu kontroversen Diskussionen führen.

  2. Werner Fröhlich schreibt:

    Ist die Idee des geistigen Eigentums im Netz in Gefahr?
    geistges eigentum kapitalismus

    Es könnte sich als unser Glück herausstellen, das nicht nur die Idee vom geistigen Eigentum ein ziemlicher Unsinn ist. Darauf berufen kann sich nur, wer unterschlägt das sein geistiges Produkt vor dem Hintergrund von Jahrtausenden menschlicher Entwicklung, also mit Millionen oder Milliarden von „Zulieferern“ entstehen kann.

    Gelingt es ihm nun dieses „Gesamtmenschliche Gedankengut zu einer neuartigen Essenz zu verdichten, die am Ende vielleicht sogar einen Nützlichkeitsfaktor in sich trägt, dann hat er Lob und Belohnung verdient. Betrügerisch wird sein Handeln, wenn er sein Produkt dem, ihn umgebenden gedanklichen „Kompost“ – ohne den er keinen klaren Gedanken fassen könnte – vorenthält.

    Eigentum insgesamt ist dann eine feine Sache, wenn der Eigentümer es in ganz persönlicher Omnipotenz ohne Hilfe geschaffen hat. Spätestens wenn die Arbeitskraft anderer beteiligt war, macht er sich zum Dieb wenn er von „seinem“ Eigentum spricht.

    Diese Form der Unterschlagung wird zwar derzeit gern zu den Hauptantriebskräften menschlicher Schaffenskraft verklärt, leidet jedoch unter gewissen Nebenwirkungen: der Beipackzettel berichtet von Kriegen, Not und Gammelfleisch.

    Auch entwickelt der „Eigentümer im Endstadium“ gern den Hang zu Fettleibigkeit, geistiger und moralischer Armut, also zur Dekadenz. Seine Lebenserwartung ist eine begrenzte.

  3. modesty schreibt:

    Na, hoffen wir mal 😉

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