Politisch motivierter Krawall-Journalismus (garantiert nicht links)

Linke sind Chaoten und werden immer gewalttätiger. Das meldet die Bild-Zeitung heute exklusiv. Das Qualitätsblatt mit den vier Buchstaben schreibt, dass 2011 gut ein Viertel mehr Fälle linksmotivierter Gewalt registriert wurden – nämlich 1160 Fälle. Im Jahr davor waren es 916 Fälle. Dafür waren die Rechten weniger aktiv – hier waren es 579 registrierte Fälle statt 597 im Jahr zuvor. Verwundert auch kaum, jetzt, wo sich der harte Kern des deutschen Rechtsextremismus einen Kugel in den Kopf gejagt bzw. sich selbst der Polizei übergeben hat. Welche Taten überhaupt als Fall von links- oder rechtspolitisch motivierter Gewalt gelten, wird leider nicht erklärt.

So hatte sich ja beispielsweise herausgestellt, dass die angeblich von linken Chaoten begangenen Autobrandstiftungen in Berlin und anderen Städten zum großen Teil auf das Konto von unpolitischen Nachahmungstätern gingen. Für ein erhöhtes Aufkommen angeblich linker Gewalt dürfte beispielsweise auch die Räumung eines besetzten Hauses in der Liebigstraße in Berlin-Friedrichshain gesorgt haben – wobei das Besetzen von Häusern im Grunde nichts spezifisch Linkes ist. Im Westjordanland besetzen orthodoxe jüdische Siedler palästinensische Häuser. Und die sind garantiert nicht links. Aber niemand käme auf die Idee, sie als krawallorientierte Chaoten zu bezeichnen – das wäre ja antisemitisch. Und die antisemitisch motivierten Straftaten gehen ja erfreulicherweise zurück. Schreibt Bild.

Was ist eigentlich mit den Oben-Bleiben-Prostesten gegen S21? Wutbürger kommen ja nicht vom linken Rand, sondern mehr so aus der Mitte. Manchmal sogar von rechts. Politisch motiviert sind sie trotzdem. Oder die Proteste gegen die Castortransporte im Wendland, bei denen es immer wieder Gewaltausbrüche gibt, wie werden die gezählt? Ist es „linkspolitisch motivierte Gewalt“ wenn ein Bauer mit seinem Trecker die Zufahrt zum Atomlager blockiert? Oder fällt das nicht eher unter angewandte Unzufriedenheit mit der herrschenden Politik? Fragen über Fragen, die sich dem Bild-Leser vermutlich gar nicht stellen.

Das Thema „Linksextremismus“, unter dem der zitierte Artikel einsortiert wurde, ist bei Bild übrigens mit folgenden Themenseiten vernetzt: Verbrechen, Ehrenmord, Bombendrohung, Mord und Drogenhandel.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Politisch motivierter Krawall-Journalismus (garantiert nicht links)

  1. der_emil schreibt:

    Ein Grund mehr, links zu bleiben und dieses Käseblatt zu verachten …

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