Schlecker als modernes Totenschiff

Die Geschichte mit der pleite gegangenen Drogeriekette Schlecker erinnert mich irgendwie an den Roman „Das Totenschiff“ von B. Traven. Der Seemann Gales, der durch missliche Umstände ohne Papiere an Land zurück bleibt, stellt fest, dass er jetzt quasi ein Niemand ist. Ohne Papiere wird er hin und her geschoben, er ist so gut wie tot.

Aber weil er ja irgendwie überleben will, heuert er auf einem Seelenverkäufer an, wo er gemeinsam mit anderen Seeleuten ohne Papiere unter den miesesten, elendsten Bedingungen für den Skipper schuftet. Keiner von ihnen hat die Chance, jemals wieder von dem Schiff herunter zu kommen. Allerdings wird er während eines Landgangs shanghait und auf ein anderes Schiff verschleppt. Dieses ist zwar in ganz gutem Zustand, soll aber versenkt werden, damit die Schiffseigner die Versicherungsprämie kassieren können. Als Gales das realisiert, hat er plötzlich Sehnsucht nach der schäbigen Yorikke, auf der er wenigstens eine Existenz hatte, wenn auch eine elende. Aber weil Gales ja keine Papiere hat, lässt ihn der große Käptn im Himmel nicht ein und er überlebt den Untergang, während die meisten der Besatzung dabei umkommen.

Schlecker ist so etwas wie dieses Totenschiff, diese elende Yorikke, wo die Mannschaft für schlechten Fraß und wenig Heuer, um die sie ständig noch betrogen wird, schwer arbeiten muss. Aber angesichts des Untergangs erscheint die Arbeit auf der Yorikke natürlich in einem viel freundlicheren Licht, auf jeden Fall ist sie besser als der Tod.

Jetzt, wo die Schlecker-Filialen reihenweise dicht machen, ist vergessen, dass Schlecker seine Angestellten jahrelang um ihren Tariflohn betrogen hat, dass der Konzern zu geizig war, Toiletten oder Telefone bereit zu stellen, dass er Mitarbeiter überwacht und ausspioniert hat, dass Mitarbeiter in eine eigens dafür gegründete Zeitarbeitsfirma verschoben wurden, um dann als Leiharbeiter die gleiche Arbeit statt für 14 nun für lumpige 7 Euro pro Stunde zu erledigen.

1998 wurden die Schleckers wegen Lohndumping zu Bewährungsstrafen und der Zahlung von Zwei Millionen Mark Schadensersatz verurteilt. Verdi rief zum Boykott auf. Und der war, wie sich nun erwiesen hat, sogar erfolgreich. Aber nun, wo es einen miesen Arbeitgeber weniger gibt, ist das Geheul groß, weil nun Tausende ihre miesen Jobs verlieren.

Nein, ich sage nicht, dass die Verkäuferinnen doch froh sein sollen, dass sie den Untergang ihres Seelenverkäufers überleben werden – leider ist es so, dass in unserer Welt auch ein mieser Job oft noch besser ist als gar keiner. Aber statt zu versuchen, miese Jobs zu erhalten, lohnt es sich doch viel mehr, darüber nachzudenken, wie man das Leben für alle Menschen angenehmer gestalten kann.

Kleiner Nachtrag:

Die verbliebene Schlecker-Besatzung hat noch eine Chance: Wenn sie bescheiden ist und bereit, sich noch mehr ausbeuten zu lassen, wird sich schon ein Investor finden, der den Laden übernimmt. Interessenten lassen bereits Wunschlisten kursieren, mit Posten wie Streichung von Weihnachts- oder Urlaubsgeld (sofern es überhaupt gezahlt wurde), Lohnsenkungen, noch flexiblere Arbeitszeiten und so weiter. Ob die Opfer der Besatzung sich lohnen werden, ist ungewiss, sinken kann der Kahn später noch immer. Und ein findiger Investor kann das dann auf irgendwelchen Konten vorteilhaft verbuchen, während sich die Mannschaft um die Plätze in den Rettungsbooten prügelt.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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