Das scheinmoderne Kollektivsubjekt und richtig echte Freiheit

Angeregt durch einen Beitrag im Forum muss ich heute noch ein paar Worte über Freiheit verlieren. Man kann von unserer Gesellschaft ja halten was man will, aber was man ihr nicht vorwerfen kann, ist, dass es nicht genügend Freiheiten gäbe. Die Freiheit des Einzelnen wird garantiert. Gut, mit einigen kleinen Einschränkungen, die mir auch nicht passen – man darf halt nicht daran zweifeln, dass die freiheitlich demokratische Gesellschaftsform inklusive Marktwirtschaft die beste aller denkbaren Möglichkeiten für ein menschliches Zusammenleben sei – aber gerade das, was Freiheit schlechthin ausmacht, gilt: Jeder ist frei, sein Glück auf dem Markt der Möglichkeiten zu versuchen. Dass bei der großen Lotterie der Freiheit die meisten Lose Nieten sind, ändert nichts daran, dass jeder sein Los ziehen kann.

Freiheit darf nicht verwechselt werden mit Glück: Darauf gibt es kein Recht. Freiheit bedeutet nicht, dass jeder alles tun oder werden kann. Aber die individuelle Freiheit jedes Menschen wird durch mehr oder weniger segensreiche Institutionen wie Privateigentum, Ver­tragsfreiheit, Gewerbefreiheit, Religions- und Ge­wis­sensfreiheit und so weiter vor der Unterdrückung durch andere Menschen geschützt. All das gilt und zwar uneingeschränkt – falls man nicht gerade Kommunist ist. Oder bekennender Nazi. Oder fundamentalistischer Islamist.

Auch wenn einige Typen das anders sehen und behaupten, dass wir in einer sozialdemokratischen Scheinmoderne der eigentlichen Befreiung durch die wahrhaft Liberalen erst entgegen dämmern würden. Die aktuelle Zivilgesellschaft sei ein zweifelhaftes Kollektivsubjekt (darauf muss man erst mal kommen), das nach Beratschlagung im vorgeblich herrschaftsfreien Diskurs über die künftige Entwicklung aller Individuen der Gesellschaft entscheide. Das ist natürlich frech – aber auch die freiheitlichste Gesellschaft wird nie etwas anderes tun können – denn alles, was eine Gesellschaft entscheidet, hat Konsequenzen für die künftige Entwicklung aller Individuen. Selbst, wenn sich eine Gesellschaft weigert, etwas fürs Kollektiv zu entscheiden und alles dem persönlichen Glück oder Pech des Einzelnen anheimstellen will. Denn dann ist die Festlegung auf den künftigen Entwicklungsweg schon ziemlich eindeutig: Wer unten ist, bleibt mit großer Sicherheit unten, und wer oben ist, oben. Gut, ein Carsten Maschmeyer schafft es vielleicht trotzdem nach oben. Aber wenn das die Freiheit ist, die die Liberalen meinen, kann ich gern drauf verzichten. Denn nur, wenn eine Gesellschaft bereit ist, ein gewisses Maß an Gleichheit herzustellen, können sich Individuen (also echte Menschen und keine abgefeimten, stromlinienförmigen Anpasser) tatsächlich frei entwickeln – auch wenn das Herrn Schäffler und seinen Fans nicht passt.

Sogar in den freiheitsbesoffenen USA hat sich inzwischen herumgesprochen, dass eine zu krasse Ungleichheit die demokratische Gesellschaftsordnung an sich gefährdet. Dazu gab es einen bemerkenswerten Artikel in der News York Times, den ich den Schäfflers im Lande zu lesen empfehle – dass die USA die vergangenen Dekaden in einer sozialdemokratischen Scheinmoderne verdämmert hätte, kann wirklich niemand behaupten – dafür kann man dort schon besichtigen, was eine wirtschaftsliberale Lobbyistendiktatur mit einer Gesellschaft anrichtet, die an das Glück des tüchtigen Individuums glaubt und entsprechend nichts an die weniger Glücklichen umverteilt: Diese Gesellschaft wird in nicht allzu langer Zeit an der zunehmenden Ungleichheit zerbrechen – der Zerfall der Sowjetunion liefert einen ungefähren Vorgeschmack auf das, was da kommt. Hoffen wir, dass der Durchschnitts-US-Bürger ähnlich friedlich und duldsam ist, wie der Durchschnitts-Sowjetbürger. Sonst wird es verdammt ungemütlich.

Die Hardcore-Libs um Schäffler behaupten allen Ernstes, dass krude Gedanken wie „Eigentum ist Dieb­stahl“, „Familie ist ein Unterdrückungsapparat“ und „Religion ist Opium fürs Volk“ im aktuellen Kollektivsubjekt dermaßen verankert sind, dass es nie und nimmer eine richtig freie und offene Gesellschaft werden könne. Da frag ich mich wirklich, in welchem Paralleluniversum sich diese Jungs bewegen. Ich sehe nämlich nichts, was der real existierenden Zivilgesellschaft heiliger wäre als das angeblich nicht konsequent durchgesetzte Recht auf Eigentum. Das Eigentum ist dermaßen heilig, dass man in diesem Staat sogar dafür bestraft wird, wenn man sich eine Packung Kekse aus dem Müll nimmt, die jemand anders weggeworfen hat. Diebstahl ist Diebstahl – sogar ohne Eigentum.

Die Familie ist fast genauso heilig, aber nur, wenn sie einwandfrei funktionierende Staatsbürger produziert – total wahlfrei, ob Mama arbeiten muss, weil Papas Billigjob für die Miete nicht reicht oder ob Mama sich lieber vorwerfen lässt, dass sie ja nur zuhause rumhängt, um das Betreuungsgeld zu versaufen. Aber auch für Familien gilt, dass Eigentum heilig ist – weshalb streiten sich Eltern nach der Trennung sonst so erbittert um die Kinder? In einer vernünftigen Gesellschaft würde man danach schauen, was denn die beste Lösung für die Entwicklung der Kinder wäre. Die könnte auch sein, dass sich gar nicht die an ihrer Beziehung und den sonstigen Umständen gescheiterten Eltern um die Kinder kümmern, sondern professionelle, eigens dafür ausgebildete Menschen. Aber nein, Kinder müssen heute in den absurdesten Konstruktionen aufwachsen, damit jeder sein Recht auf Familie wahrnehmen kann – dafür werden die Kinder wochenweise von Mama zu Papa verschoben, am Wochenende in den Zug, in den Ferien ins Flugzeug gesetzt, um dem jeweiligen Elternteil das Gefühl zu geben, irgendwie sein Recht auf Familie ausleben zu können, auch wenn die betroffenen Kinder vielleicht ganz andere Entwicklungsbedingungen brauchen könnten. Danach geht es aber nicht. Das fällt dann wieder unter die Rubrik persönliches Pech.

Und Religion als Opium fürs Volk – es gibt kaum etwas, das abgedroschener und gleichzeitig zutreffender wäre als dieser Satz. Nur, dass die Leute heute die fantastische Freiheit haben, sich ihre Religion selbst zu basteln. Trotzdem gehen noch erstaunlich viele Menschen in die Kirche, um sich ihr Dope dort abzuholen – ich kann das wirklich verstehen. In einer Gesellschaft, in der man vor lauter Freiheit gar nicht mehr weiß, wie man klar kommen soll, wenn es einem eben nicht so gut gelingt, sich im ständigen Wettbewerb aller gegen alle zu behaupten, tut es gut, wenn man die Verantwortung dafür einmal abgeben kann. Ob das im Meditationskurs, bei der psychotherapeutischen Selbstoptimierung oder in der Mitternachtsmesse geschieht, spielt gar keine Rolle. Insofern wird gerade in einer freiheitlichen Gesellschaft jede Menge Opium benötigt. Ersatzweise tut es auch Alkohol. Oder Ritalin.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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3 Antworten zu Das scheinmoderne Kollektivsubjekt und richtig echte Freiheit

  1. Zwei anmerkungen:

    – Der Schäffler heißt Frank und nicht Ralf.

    – Bei Marx heißt es nicht »opium fürs volk« sondern »opium des volkes«. Ein kleiner, aber wichtiger unterschied.

  2. modesty schreibt:

    – huch, aber in den Stichworten hatte ichs korrekt.

    – das Opium hatte ich auch nicht nach Marx zitiert, sondern aus dem Pamphlet des Liberalen Aufbruchs. Das ist kein kleiner, aber ein wichtiger Unterschied 😉

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