Großdichter Grass, die Medien und das Weltgewissen

Eigentlich wollte ich ja genau das tun, was Großdichter Grass der deutschen, ach was, der gesamten Weltöffentlichkeit immer wieder vorwirft: Ihn totzuschweigen. Aber das Totschweigen ist eine schwierige Sache, zumal wenn eine gewisse Medienresonanz nicht vermieden werden kann. Denn sonst bekommt ja keiner mit, wenn irgendwas totgeschwiegen wird – und wozu schweigt man es dann tot? Vertrackt.

Nun habe ich via Contradictio einen Aufsatz zu Grass, seiner Dichtkunst und der Moral von der Geschichte gefunden, auf den ich unbedingt hinweisen möchte: Deutscher Großdichter als Weltgewissen – national abgewatscht. Darin erklärt Freerk Huisken nicht nur, auf welche Weise der Dichter die politische Lage im Mittleren Osten verkennt und in der Folge verharmlost, sondern auch wie die Pein beschaffen ist, die Grass dazu gebracht hat, seine letzte Tinte zu verspritzen. Und vollständigerweise auch, wo die Interessen Deutschlands liegen, das neben seiner moralischen Pflicht natürlich auch noch eine politische Verantwortung hat. Und nun ja, auch eine gewisse Rolle in der Weltwirtschaft. Deshalb ist es extrem praktisch, in Günter Grass den Antisemiten beschimpfen zu können, und nicht etwa einen Feind imperialistischer Interessenpolitik.

Interessant auch, dass die ganze Sache in den Medien weitgehend als ein Skandal um Meinungsfreiheit ventiliert wird – darf ein deutscher Dichter überhaupt so eine Meinung haben? Da ist Grass ja selbst nicht so sicher, weshalb er seine Seelenqual in dem Gedicht vielfach ausführt. Die Antwort lautet wie erwartet: Klar darf er – schließlich gilt hier Meinungsfreiheit! Sogar für einen Intellektuellen, immerhin hat er ja mal einen Literaturnobelpreis bekommen! Doch gleich wird relativiert: Aber muss er denn unbedingt so eine Meinung haben? Und wenn er die schon hat, warum muss er dann auch noch ein Gedicht darüber schreiben? Und wenn er schon so ein Gedicht darüber schreiben muss, warum kann er das dann nicht für sich behalten? Warum musste er die Israelis provozieren, ihn zu Persona non grata zu erklären?! Und warum mussten die ihn auch noch dermaßen ernst nehmen?

Meine Meinung: Allein die Startcartoons auf der Seite des Satire-Magazins Titanic waren es wert.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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3 Antworten zu Großdichter Grass, die Medien und das Weltgewissen

  1. Tabul A. Raza schreibt:

    Bei allen Vorbehalten, die auch ich gegenüber Günter Grass habe, ist das eigentlich Entsetzliche an dem, was sich momentan abspielt, für mich aber die unglaubliche Schmutzkampagne, die gegen Grass gefahren wird. Die Reaktionen der Medien und der Politiker auf seinen Text sind nicht nur menschlich widerwärtig, sondern bewegen sich zum großen Teil auf einem Niveau, das man nur noch als totale Verblödung charakterisieren kann. Die erbsenzählerische und polemische Kritik in dem von Dir verlinkten Text, die im übrigen ebenfalls zum größten Teil nur Binsenweisheiten transportiert, reiht sich vor diesem Hintergrund leider lediglich in diese Schmutzkampagne ein. Warum man die Unzulänglichkeiten und (vermeintlichen) Halbwahrheiten in Grass‘ Text bzw. Person zum Hauptthema machen sollte und nicht die kompletten Lügen und Diffamierungen seiner Gegner und die menschenverachtende Qualität, die die öffentliche Meinungsmache in diesem Land inzwischen angenommen hat, ist mir nicht ganz klar.

    • Reiner Tisch schreibt:

      Nun, warum sich die deutsche öffentliche Meinung in dieser Weise „gleichgeschaltet“ massiv und böswillig gegenüber Grass zeigt, hat der Professor doch gut herausgearbeitet: übereinstimmendes Ziel aller ist die unbehinderte Verfügung über den geostrategischen Raum Naher Osten und seine Rohstoffe – und der Philosemitismus der Deutschen mit schlechtem Gewissen ist die passende massenkompatible Ideologie dazu. Und Grass hat die Lieferung der Uboote, die dieses Ziel untermauern, in seinem Text an hervorragender Stelle und später in seinen Verteidigungsversuchen immer wieder als sein Movens hervorgehoben. Da man dem alten Mann eine gewisse möglich Wirkung offenbar zutraute, fielen die Anwürfe um so unappetitlicher aus. Dass bei einem so bedeutenden Ziel nicht mehr auf Etikette oder auch nur minimale intellektuelle Redlichkeit geachtet werden durfte, sollte doch nicht verwundern. Traurig für Grass, der ja in seiner Kritik so weit gar nicht gehen wollte.

      • Tabul A. Raza schreibt:

        Hallo Reiner, 😉

        also mich verwundert diese Reaktion schon. So leicht kann und will ich mich an so was nicht gewöhnen.

        Davon abgesehen bezweifle ich, daß hinter der Reaktion ein „übereinstimmendes Ziel aller“ steht. Wenn ich z. B. dieses Interview sehe,
        http://www.3sat.de/mediathek/?display=1&mode=play&obj=30322
        dann habe ich nicht den Eindruck, daß hinter den Fragen ein Journalist steht, der „die unbehinderte Verfügung über den geostrategischen Raum Naher Osten und seine Rohstoffe“ will. Der würde sein Ziel viel cleverer verfolgen. Ich höre da eher jemanden, der zu einer Zeit zur Schule gegangen ist, als kritisches Denken als Lernziel bereits abgeschafft war, und der die Medien konsumiert hat, als die öffentlich-rechtlichen Sender schon keinen Bildungsauftrag mehr hatten. Die einzige Kompetenz dieser Leute besteht heute darin zu wissen, wie man einen (per se) drögen Wortbeitrag durch unterlegen mit elektronischen Trommelwirbeln aufpeppt. Kapitalistische Verschwörung ist das nur insofern, als die Verdummung (und Verrohung) der Massen natürlich gewollt war und ist.

        Jedenfalls ist die Reaktion auf Grass m. E. der eigentliche Skandal, nicht die Tatsache, daß er das Problem in seinem Text nicht erschöpfend behandelt hat.

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