Wirtschaft in der Schule – heute: Ungesunder Kinderfraß

Unser Ziel ist es, Tag für Tag die Lebensqualität der Konsumenten in aller Welt zu verbessern, indem wir ihnen schmackhaftere und gesündere Nahrungsmittel- und Getränkeoptionen bieten und sie zu einem gesunden Lebensstil anregen. Hierfür steht unsere Devise „Gooß Food, Good Life“.

Wenn ein Weltkonzern seine eigentlichen Interessen – nämlich Geld zu verdienen und zwar möglichst viel davon – hinter wohlklingenden Unternehmensgrundsätzen versteckt, ist immer Misstrauen angebracht. Natürlich geht Nestlé nicht auf den Markt, um seinen Kunden das Leben schöner zu machen. Wenn man sich die Palette der schmackhaften und gesunden Nahrungsmittel ansieht, die so im Supermarkt zu kaufen sind, merkt man schnell, dass der größte Lebensmittelkonzern der Welt vor allem Süßigkeiten und überzuckerten Frühstücksflocken für Kinder am Start ist. Und mit zahlreichen mehr oder weniger verkappten Marketingprogrammen in sorgt Nestlé bereits in den Grundschulen dafür, dass Kinder nicht am Ende noch auf tatsächlich gesundes Obst und Vollkornbrot ausweichen. Es ist keineswegs nicht so, dass nur die Finanzunternehmen die Schulen unterwandern. Angewandte PR und innovatives Product Placement beherrschen auch andere.

Anlässlich des Nestlé-Zukunftsforums, das heute (19. April 2012) in Berlin stattfindet, fordert die Verbraucherorganisation foodwatch den Nestlé-Deutschland-Chef Gerhard Berssenbrügge in einem Offenen Brief auf, die eigenen Grundsätze endlich in die Tat umzusetzen: „Bieten Sie Kindern tatsächlich ‚gesündere Nahrungsmittel- und Getränkeoptionen‘ an“, schreiben Thilo Bode und Anne Markwardt in Anspielung auf Nestlés Zielsetzung. „Beenden Sie jegliches Kindermarketing für Eiscreme, überzuckerte Frühstücksflocken und andere unausgewogene Produkte. Ziehen Sie sich aus den Schulen zurück und stellen Sie Ihre so genannten ‚Bildungsinitiativen‘ ein. Leisten Sie einen Beitrag dazu, dass Schulen PR- und werbefreie Räume werden.“Nestlé solle sein „Zukunftsforum“ mit geladenen Gästen dazu lieber nutzen, die Probleme der Kinderernährung zu thematisieren und sich zur eigenen Verantwortung zu bekennen. Statt dessen will der Konzern aber über „Consumer Confusion“ reden – angesichts der erfolgreichen Werbekampagnen der Lebensmittelindustrie, aber auch der Anhänger verschiedenster Ernährungssekten weiß wirklich kaum noch ein Mensch, was eine ausgewogene und gesunde Ernährung sein sollte. Nestlé wird diese Situation schon für sich zu nutzen wissen.

Aber ich finde diesen Versuch von foodwatch natürlich lobenswert und verweise hier deshalb auf die foodwatch-Kampagne. Die Verbraucherschützer haben Nestlés Marketingaktivitäten für Kinder-Produkte analysiert, das ist schon ganz interessant zu lesen. Aber natürlich ist es reichlich naiv, den Konzern auf seine eigenen Methoden hinzuweisen – es ist ja nicht so, dass die PR-Leute und Geschäftsführer von Nestlé nicht wüssten, was sie da tun. Im Gegenteil – ich bin mir sicher, dass sie ihre ganzen süßen Kinderprodukte in aufwendigen Testreihen mit voller Absicht genauso ungesund, aber genau auf die unreifen Geschmacksnerven ihrer jungen Kunden zielend, designen, damit sie das Zeugs in Massen verkaufen können.  Wenn Nestlé das nicht genau so tun wollte, dann würde es das ja nicht tun. Nestlé ist nun man kein Biobauernhof.

Na klar, besser ist es, wenn möglichst viele Menschen sagen, dass sie diese Methoden nicht gut finden. Vielleicht lässt der eine oder andere dann die Cini-Minis im Regal stehen und kauft doch lieber das Vollkörnbrötchen (hoffentlich aber nicht die Ausbeuterbrötchen von Lidl). Es ist nicht so, dass die Konsumenten gar keine Macht haben. Der Schlecker-Boykott hat schließlich auch funktioniert. Aber noch viel schöner wäre es doch, wenn die Verbraucher nicht nur die Wahl zwischen billigem Scheißdreck und weniger billigen, aber am Ende genauso ungesunden Scheißdreck hätten, sondern sich einfach darauf verlassen könnten, dass man ihnen keinen Scheißdreck vorsetzt. In einem kapitalistischen System wird das aber nichts. Denn es geht hier nicht um die gesunde Ernährung der Leute, es geht nicht mal darum, alle Menschen überhaupt zu ernähren: Wenn es nun darum ginge, könnte man das einfach tun. Die Mittel dafür sind vorhanden und man könnte sich den ganzen Schnulli mit dem Entwickeln von neuem Scheißdreck einfach sparen. Aber es geht ums Geschäft. Und zwar ausschließlich.

Die Nestlé-Leute (und nicht nur die) wussten in den 70er Jahren beispielsweise auch, was sie taten, als sie in Afrika intensiv für die Vorteile von künstlicher Babynahrung warben. Viele Babys starben, weil ihre Mütter überhaupt kein sauberes Wasser hatten, um die Babynahrung sachgerecht zuzubereiten. Hätten ihre Mütter nur nicht auf die angeblich wohlmeinenden Experten aus Europa gehört, sondern ihre Kinder nach alter Sitte gestillt! Den Experten ging es keineswegs um eine Verbesserung der Ernährungslage in Afrika, sondern sie wollten neue Märkte erschließen. Aber so ist das mit dem Fortschritt im Kapitalismus, der geht oft über Leichen. Der Fortschritt in der Nahrungsmittelindustrie macht da keine Ausnahme. Egal was man den Kindern in der Schule erzählt.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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3 Antworten zu Wirtschaft in der Schule – heute: Ungesunder Kinderfraß

  1. Kurator schreibt:

    foodwatch und Nestle bedienen dialektische Pole, unter denen wir dann wählen sollen. Meist wird nicht durchschaut, daß foodwatch im gleichen System gefangen ist wie Nestle. Die brauchen genauso wie Nestle eine Refinanzierung und müssen neue Märkte erschließen.
    Wenn wir tatsächlich an den Zuständen etwas ändern wollten, würden wir uns nicht in Symptombehandlungen erschöpfen, sondern den Dingen auf den Grund gehen. Die Radix des Problems ist das Geldsystem, das auf jeglichen Polen gleiches Verhalten erzwingt.
    Und das geht ganz einfach: Wir verwenden ein kapitalfreies Geld siehe hier:
    http://rheingoldblog.wordpress.com

    • modesty schreibt:

      Ja, genau so isses. Allerdings ist es nicht ganz so einfach – neben dem Geldproblem sehe ich da schon noch ein paar andere Probleme, die gelöst werden müssen. Etwa die Eigentumsfrage – insbesondere, was die Produktionsmittel betrifft. Und wie sieht es mit der Arbeit aus? Wie wird soll die organisiert werden? Muss man für sein Rheingold arbeiten oder bekommt jeder einfach, so viel er braucht?

      • Kurator schreibt:

        Die noch zu lösenden Probleme sind alle eine Folge eines fehlstrukturierten Geldsystems. Konstruierst Du die Grundlage (=Geld) richtig, lösen sich die Folgeprobleme von selbst oder entstehen erst gar nicht. Arbeit organisiert sich in einem entstörten, monopolbefreiten Markt von selbst, wenn im Hochmittelalter schon 6 Stunden täglich bei einer 4-Tage-Woche genügten, dann wird das auf dem heutigen Produktivitätsniveau mit wohl 1 Stunde am Tag erledigt sein. Wenn das Eigentum an Produktionsmitteln über die Kapitalrendite nicht mehr den Arbeitslohn raubt, weil das Geld kapitalfrei ist, erledigt sich die Eigentumsfragen; sie werden wohl den Produzenten gehören. Für das Rheingold, das man nicht selber emittiert, wird man arbeiten, der Arbeitsbegriff wird sich allerdings von „Muss“ zu „Muße“ wandeln. Was es braucht, ist nur die Bereitschaft, ein Wohlstandsgold zu verwenden, der Rest entwickelt sich dann vo selbst. Hier ist der Blog für nähere Infos: http://rheingoldblog.wordpress.com

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