Demographische und menschliche Katastrophen

Weil ich am vergangenen Wochenende meine Kindespflichten bei meinen inzwischen erschreckend gealterten Eltern ausüben musste – und wollte – bin ich gar nicht zum Bloggen gekommen. Obwohl es natürlich schon einiges gegeben hätte, über das es sich nachzudenken lohnte – aber das wurde halt um ein paar Tage verschoben. Heute ein kurzer Gedanke über das Leben und vor allen das Altwerden: Insbesondere das letztere hat seine Schattenseiten.

Meine Eltern gehören zu den Rentnern, oder besser: Pensionären, denen es richtig gut gehen könnte. Dabei fing es übel an – kurz vor dem zweiten Weltkrieg geboren, während des Krieges eingeschult, einklassige Dorfschule, in den mageren Zeiten nach dem Krieg ein sehr früher Start ins Berufsleben – wie das so war, damals, als die Männer fehlten. Immerhin waren sie Landkinder, sie haben nicht hungern müssen. Aber dann konnten sie den wachsenden Wohlstand der 60er und 70er Jahre voll mitnehmen. Bei ihnen reichte ein Gehalt, um eine Familie zu ernähren und nebenbei noch das Haus mit Garten zu finanzieren. Ach ja, diese seligen Zeiten, als Familienauto, Haus und Sommerurlaub irgendwie dazu gehörten. Ja, es gab auch einige in meiner Schulklasse, bei denen es dafür nicht reichte. Aber bei den meisten war das so. Das ist keine verklärende Erinnerung – die Gehälter stiegen kräftig, die Preise waren günstig. Zumindest bis Mitte der 80er Jahre. Dann begann die „geistig-moralische Wende“ zu greifen, die Mieten stiegen, das Bier wurde teurer, der Sprit übrigens auch, und wir Oberschüler schrieben uns „No Future“ auf die Schultasche. Allerdings war damals noch nicht abzusehen, wie recht wir behalten würden.

Heute ist das Haus längst abbezahlt und meine Eltern könnten es sich gut gehen lassen. Sie haben jetzt im Ruhestand wesentlich mehr Geld zur Verfügung als ich, obwohl ich jeden Tag zur Arbeit antreten muss. Ich werde trotz Studium und ehrlichem Bemühen den Lebensstandard meiner Eltern nicht im Entferntesten erreichen können – dazu hätte ich mich vor gut 20 Jahren für eine Karriere im öffentlichen Dienst entscheiden müssen. Aber das konnte ich mir damals nicht vorstellen – ich wollte erstmal studieren, dann ein bisschen von der Welt und danach weiter sehen.

Schön blöd – jetzt werde ich den Rest meines Lebens für ein Anfängergehalt arbeiten müssen. Ich hab zwar studiert und auch ein bisschen was von der Welt gesehen, aber das mit dem „danach weiter“ hat nicht wie erwartet funktioniert. Anfangs war das noch nicht so schlimm – ich konnte in der Zeit nach der Wende noch einmal in die frühen 80er zurück – damals, als das Leben ins Ostberlin so günstig war, wie das im Westen zehn, fünfzehn Jahre zuvor. Doch die Zeiten ändern sich.

Von meiner Rente werde ich ohnehin kaum leben können – seit Jahren wird die zu erwartende Summe ständig nach unten angepasst, obwohl ich immer länger einzahle. Vermutlich wird das Rentenalter demnächst ohnehin auf 75 Jahre oder gar mindestens 60 Beitragsjahre erhöht – damit auch kaum einer mehr die Chance hat, die vollen Bezüge zu bekommen. Aber: Meine Eltern, statt sich an ihrer üppigen Versorgung zu erfreuen, jammern nur herum: Sie haben sich im wahrsten Sinne des Wortes kaputt gearbeitet und jetzt können sie ihr Haus und ihren Garten gar nicht mehr genießen: Alles instand zu halten, ist lästige Pflicht. Verständlich: Das macht auch keinen Spaß mehr, wenn man körperlich nicht mehr so richtig fit ist. Aber alles deshalb aufgeben? Und so stellt sich heraus, dass alles irgendwie vergeblich war: Die Kinder sind nicht am Haus in der Kleinstadt interessiert, sie haben ihre Jobs und ihre Freunde wo anders. Einfacher wäre es, die Eltern würden das Haus aufgeben und zu ihren Kindern ziehen. Denn die müssen ja noch arbeiten, lange, lange Zeit.

Das ist leider wirklich nötig: Aus der Generation meiner Eltern kenne ich nicht wenige, die mit einer komfortablen Vorruhestandslösung in der Blüte ihrer Jahre aus dem Erwerbsleben ausgestiegen sind, und bei bester Gesundheit noch jahrzehntelang eine Rente beziehen werden, von der ich nicht mal träumen kann. Wir müssen jetzt mit unseren Abgaben dafür sorgen, dass die jeden Monat ihr Geld kriegen, aber für uns wird nicht mehr gesorgt. Das ist schon bitter. Manche nenne es die „demographische Katastrophe“. Und die Rezepte, die dagegen helfen sollen, werden alles nur noch schlimmer machen. Da war zum Beispiel dieser Artikel in der FAZ: Jedes Alter zahlt. Schön wär’s!

Die Analyse fand ich nicht schlecht. Aber die Rezepte, die dagegen helfen sollen, sind völliger Unsinn. Das mit der Zuwanderung hat man ja in den frühen 60er schon probiert: Auch aus den arbeitswilligsten Ausländern werden irgendwann einmal Renter. Und die gehen, nach dem sie 40 Jahre hier gearbeitet haben, doch nicht mehr zurück – da kennen sie ja keinen mehr!

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Demographische und menschliche Katastrophen

  1. runa schreibt:

    ich liebe deine beiträge :))

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