Nachtrag. Ohne Titel

Kleiner Nachtrag zum Ego-Bürger: Die Geschichte, an der Herr F. seinen Hartz-IV-Irrtum aufgehängt hat, geht so:

Wie muss man sich den typischen Hartz-IV-Empfänger vorstellen? Vielleicht so: studierte Medizinerin mit 20 Jahren Berufserfahrung, jetzt arbeitslos, weil sie der Mann mit sechs Kindern im Stich ließ. Jeden Tag steht die Frau bei der Münchner Tafel, damit die Kinder etwas frisches Obst bekommen; dafür bringt der achtjährige Sohn in Mathematik eine „eins mit Sternchen“ nach Hause.

Das hat sich Herr F. nicht ausgedacht, sondern Kathrin Hartmann in ihrem Buch geschrieben. Und diese Geschichte ist gar nicht so weit hergeholt, wie Herr F. anschließend glauben machen will. In ähnlicher Form hab ich sie selbst erlebt – allerdings bin ich keine Medizinerin und ich hatte auch keine Berufserfahrung, aber ich wurde halt als frisch diplomierte Nachwuchswissenschaftlerin mit zwei kleinen Kindern sitzen gelassen. Und obwohl ich zu den besten meines Jahrgangs gehörte, bekam ich nirgends einen Fuß in die Tür – dabei konnte es an meiner Qualifikation und Leistungsbereitschaft doch keinen Zweifel geben. Aber als Frau mit zwei kleinen Kindern bist du halt nicht der Traum potenzieller Arbeitgeber, sondern eine typische Vertreterin der „neuen Armut“, die angeblich so verklärt wird. Natürlich kann einem das auch als Mann passieren – interessanterweise sind meine Ex-Männer jobtechnisch keineswegs erfolgreicher als ich, obwohl sie mir ja großzügig die Aufzucht und Betreuung ihrer Kinder überlassen haben. Ohne Unterhalt zu zahlen – wovon denn?!

Vielleicht habe ich einfach nur verzweifelter gekämpft, weil meine Lage noch beschissener war. Es ist für die meisten meiner Generation nicht leicht gewesen, nach dem Studium einen adäquaten Job zu bekommen. Gerade als wir fertig waren, wurden die Jobs im universitären Mittelbau gnadenlos zusammengestrichen – auch das Projekt, mit dem ich eigentlich hoffte, ein Promotionsstipendium zu bekommen. Eigentlich war die Sache klar – dann kam aber die Nachricht, dass die TU Berlin noch mehr Stellen abbauen und deshalb auch einige Graduierten-Kollegs streichen müsse. Das wars dann.

Aber zwei Jahre Sozialhilfebezug sind auch eine Erfahrung fürs Leben. Und das, obwohl die Zuwendungen Mitte der 90er Jahre noch vergleichsweise großzügig waren. Ich bekam noch Kohlengeld und Kleidergeld, eine Beihilfe für den Kauf einer (gebrauchten) Waschmaschine und eines (gebrauchten) Kinderwagens, nachdem mir der erste (ebenfalls gebraucht gekauft) im Hausflur vandalisiert worden war. Spaß hat das alles keinen gemacht – meine Sachbearbeiterin unterstellte mir, dass ich mit meinem ausgezeichneten Abschluss nur zu faul zum Arbeiten sei – ich musste für sämtliche Zulagen ihren Vorgesetzten bemühen, der bestätigte, dass mir diese Leistungen laut Gesetz zustünden. Ich habe jeden Monat jeden einzelnen Bescheid nachgerechnet und jedes Mal irgendeinen Posten gefunden, der mir vorenthalten wurde. Meine Sozialamtstante hat mich genauso gehasst wie ich sie. Nur dass sie am längeren Hebel saß. Aber ich konnte das Sozialgesetzbuch eben auch lesen. Trotzdem war es harte Arbeit, wenigstens den mir zustehenden Mindestunterhalt ohne Abzüge zu bekommen. Ich weiß nicht, was Herr F. sich da so vorstellt. Aber anstrengungsloser Wohlstand sieht anders aus. Wobei, es ging ja nicht um „Wohlstand“ – der ist bis heute bei mir nicht ausgebrochen – es ging um die Grundsicherung!

Auf dem Arbeitsamt das Gegenteil: „Sie haben doch zwei kleine Kinder – warum wollen Sie denn arbeiten?“ Zum Verrückt-werden!!! Ich habe nebenbei heimlich Praktika gemacht – damals war es so, dass man damit den Anspruch auf Sozialhilfe aufs Spiel setzte – denn in der Zeit, wo man ein Praktikum macht, steht man dem Arbeitsmarkt ja nicht zur Verfügung. Aber was hätte ich denn sonst machen sollen? Zu der logistischen Herausforderung der Kinderunterbringung kam auch noch die Angst, dass ich damit auffliege und damit dann auch noch den Anspruch auf Sozialhilfe verliere. Zum Glück hatte ich eine extrem kooperative Mitbewohnerin, die cool und souverän reagierte, als die Kontrolle kam. Denn ich wurde vom Sozialamt kontrolliert. Aber meine Mitbewohnerin war selbst Sozialarbeiterin, die wusste, worauf es ankam. Und die wusste auch, dass ich praktisch keine Chance hatte.

Am Ende habe ich mir mit Beharrlichkeit und Trickserei dann doch einen Job erkämpft, eine geförderte Stelle in dem Programm „Stelle statt Stütze“ – in das ich eigentlich gar nicht kommen konnte, weil ich erstens total überqualifiziert und zweitens noch gar nicht richtig langzeitarbeitslos war – und dann noch Kinder hatte, die ich ja eigentlich hätte ganztägig betreuen müssen. Auch hier musste ich wieder zum Amtsleiter, der schließlich einsah, dass ich diese Chance wirklich dringend brauchte.

Es hat auch geklappt: In dem Jahr bei dem Verein, der mir diese Stelle eingerichtet hatte, konnte ich mich tatsächlich neu orientieren und mir endlich einen vernünftigen Computer kaufen, mit dem ich dann tatsächlich eine Grundlage für meine weitere Berufstätigkeit geschaffen habe. Nach dem Jahr hatte ich binnen zwei Wochen einen neuen Job, und als es mit dem nach der Probezeit nichts wurde, binnen weniger Tage den nächsten. Einen Traumjob habe ich noch immer nicht, aber ich kann mich und meine Kinder ernähren. Ich muss mich nicht auf dem Amt, heute heißt das ja in der Agentur, schikanieren lassen. Ich darf das Kindergeld behalten und muss nicht fragen, ob ich nächste Woche zu Oma und Opa fahren darf – denn als Zuwendungsempfänger darf man im Grunde nicht einmal allein aufs Klo.

Ich bin schon ein bisschen Stolz auf mich, dass ich es unter denkbar ungünstigen Bedingungen da wieder raus geschafft habe. Geholfen hat mir keiner, aber ich habe mich auch nicht unterkriegen lassen. Aber ich weiß, wie willkürlich und ungerecht es zugeht. Ja, man kann es schaffen, wenn man sich wirklich extrem dahinter klemmt. Aber es hätte auch anders ausgehen können. Und, das ist bei mir wie bei so vielen anderen: Es liegt eben nicht an der persönlichen Vortrefflichkeit, ob man es zu etwas bringt oder nicht. Es liegt sehr, sehr viel an den Umständen: Ob man im richtigen Augenblick an die richtigen Leute gerät oder eben im falschen Augenblick an die falschen. Mir ist beides passiert. Ich kann mir zwar sagen, dass ich getan habe, was ich tun konnte. Aber es lag eben nicht nur in meiner Hand, ob das reichen würde. Unter anderen Umständen hätte ich eine ganz andere Karriere machen können – ich wäre schon gern Frau Professor geworden. Und war nicht durch Heirat, sondern durch eigene Leistung. Aber es ist anders gekommen. Ich hätte auch in der Sozialhilfe hängen bleiben können. Aber dann wäre ich vielleicht schon tot. Obwohl – so lange meine Kinder mich noch brauchen, halte ich durch, so oder so. Aber ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass fast alles besser ist als eine Hartz-IV-Existenz. Insbesondere, wenn man Kinder hat. Es reicht einfach nicht – ich bin wirklich froh, dass ich nicht für jeden Wandertag und jede Klassenfahrt aufs Amt muss – denn das ist im Etat nicht vorgesehen! Jeder Scheiß muss einzeln und immer wieder beantragt werden.

Nee, ich kann meinen Kindern sagen: Klassenfahrt nach London, geht klar. Ihr fahrt an die Ostsee? Ihr habt eine Projektwoche und braucht Material? Kein Problem! Dafür ist das Geld da. Obwohl ich sehr viel weniger verdiene, als bei meiner Qualifikation, meiner jetzt durchaus vorhandenen Berufserfahrung und meiner aktuellen Tätigkeit angemessen wäre. Wäre ich bei einer alteingesessenen Firma mit einem klassischen Tarifvertrag beschäftigt, müsste ich mindestens das Doppelte bekommen. Aber so ist es nun mal. Ich habe einen – immerhin unbefristeten – Arbeitsvertrag bei einem inzwischen in die Jahre gekommenen Internet-Start-Up. Da gilt kein Tarif. Da gibt es Wochenend-Dienste ohne Zulage und natürlich auch keinen Betriebsrat. Aber ich hab den Job. Und ich mache ihn gut. Und ja, ich fühle diesen grimmigen Stolz, diesen Proletarier-Stolz, dieses Wissen: Ich mache meinen Job verdammt gut. Auch wenn ich weiß, dass ich ausgebeutet werde. Aber deshalb maße ich mir doch nicht an, auf die anderen herunter zu sehen nur weil sie gar nicht erst die Chance bekommen haben, diesen Job machen zu dürfen!

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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2 Antworten zu Nachtrag. Ohne Titel

  1. Stefan Posselt schreibt:

    Hallo,
    auch wenn ich deinen Blog erst jetzt gefunden habe (Datenspeicherung hat auch was gutes :)), finde ich ihn sehr interessant. Besonders dieser Artikel verdient viel mehr Aufmerksamkeit, räumt er doch mit einigen üblen Vorurteilen in unserer Gesellschaft auf. Gleichzeitig spendest du vermutlich vielen Menschen durch die ehrliche und offene Darstellung deiner Erfahrungen Mut und das Gefühl, verstanden zu werden, nicht allein zu sein. DANKE!

  2. modesty schreibt:

    Vielen Dank für den Post. Habe im Moment ziemlich viel Stress und überlegt, ob ich überhaupt weiter blogge oder nicht. Mache jetzt erstmal weiter 🙂

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