Internet, Eigentum, Freiheit und Kunst: Was passt hier nicht?

Mit Sorge und Unverständnis verfolge ich die in ihrer Hilflosigkeit schon fast wieder komische Kampagne von Urhebern, also Autoren und Künstlern, das Urheberrecht als historische Errungenschaft zu verkaufen: Bürgerliche Freiheit sei doch so viel schöner als feudale Abhängigkeit! Nun ist aber die großartige Freiheit in Gefahr, sich mit seiner Kunst an Verlage, Verwerter und letztlich das Publikum verkaufen zu müssen. Denn von Kunst an sich kann keiner leben, sondern nur von ihrem Verkauf. Deshalb finden gerade die erfolgreichen Autoren und Künstler, die sich bisher ganz gut verkauft haben, es total blöd, dass durch das Internet wunderbare Möglichkeiten für Millionen Menschen geschaffen wurden, künstlerische Werke einfach kopieren zu können statt sie kaufen zu müssen.

Analoge Kunst

Analoge Kunst

Aber anstatt sich darüber zu freuen, dass nun sehr viel mehr Menschen als zuvor in den Genuss ihrer Kunst kommen, grämen sie sich darüber und wünschen sich in die analoge Zeit zurück. Und jammern, dass die alltägliche Präsenz und der zweifellos vorhandene Nutzen des Internets keine Entschuldigung für Gier oder Geiz seien. Und deshalb wollen sie sowohl vor ihrem gierigen und geizigen Publikum, als auch vor global agierenden Internetkonzernen geschützt werden. Leider sagen sie nicht, auf welche Weise das geschehen soll: Totalüberwachung aller Internet-Nutzer, damit immer nachvollzogen werden kann, wann wer auf welche Inhalte zugegriffen hat? Furchtbare Vorstellung! Und was soll dann mit den gierigen und geizigen Kunstkonsumenten geschehen? Lebenslange Internetsperre? Finger abschneiden? Umerziehungslager? Liebe Künstler, wenn ihr wollt, dass die anderen nicht mehr gierig und geizig sein sollen, dann fasst euch erstmal an die eigene Nase!

Was ist denn das für ein Kreativenpack, das sich dermaßen ans geistige Eigentum klammert, weil es nicht in der Lage ist wirklich kreativ mit neuen Situationen umzugehen? Vielleicht ist gar nicht der ach so einfach gewordene Diebstahl geistigen Eigentums das Problem, sondern das Eigentum an sich?! Nur weil so ziemlich alle vom Eigentum weniger ausgeschlossen sind, funktioniert dieses wunderbar arbeitsteilige Gesellschaftssystem samt bürgerlicher Freiheit überhaupt: Die allermeisten Menschen müssen sich jeden Tag aufs Neue abzappeln, damit sie mit ihrer Arbeit die fürs Überleben nötigen Euros verdienen. Die anderen lassen arbeiten und kassieren ab. Dem durchgesetzten Recht auf Eigentum sei Dank! Tolle Sache, da wollt ihr euer Stück natürlich abhaben. Aber jetzt fällt euch auf, dass es ziemlich klein ist.

Aber, liebe Künstler, das nur nebenbei, auch andere Menschen müssen damit leben, dass der Wert ihrer Arbeit immer geringer geschätzt wird: Fragt mal die Fließbandarbeiter, die in China eure Laptops und Smartphones zusammen schrauben oder die Servicekraft, die euch euren Caffè Latte bringt. Wie kommt ihr eigentlich darauf, dass ausgerechnet ihr von eurer Arbeit anständig leben können müsstet? Was unterscheidet euch von der Friseurin, die für 4 Euro die Stunde arbeiten muss und auch nicht davon leben kann? Wie wäre es, anstatt eine ohnehin mit vernünftigen Mitteln gar nicht mögliche unbedingte Durchsetzung des offensichtlich von der digitalen Realität längst überholten Urheberrechts zu fordern, lieber gleich vernünftige Lebensbedingungen für alle Menschen zu fordern – egal ob Autor, Künstler oder bloß profanes Publikum?! Wenn ihr wollt, dass es keinen Diebstahl mehr gibt, dann schafft das Eigentum ab! Das wäre eine zeitgemäße Forderung.

Nun ja, jede Zeit hat die Künstler, die sie verdient. Und wenn die Künstler nichts mehr verdienen, dann liegt es vielleicht daran, dass sie statt Kunst zu schaffen, lieber rückwärtsgewandten Scheiß reproduzieren, wie in diesem unsäglichen Aufruf dokumentiert ist. Das ist einerseits peinlich, andererseits aber tatsächlich nichts wert. Übrigens: Wenns mit der Kunst nicht klappt, fühlt euch so frei, euch mit einem anderen Job zu versuchen. Vielleicht merkt ihr dann, dass das mit dem Eigentum auch im nichtgeistigen Bereich eine vertrackte Sache ist.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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3 Antworten zu Internet, Eigentum, Freiheit und Kunst: Was passt hier nicht?

  1. Du hast deine klare Sprache wiedergefunden.
    Die Geschichte mit dem Urheberrecht sehe ich genau so wie du es beschrieben hast.
    Die Künstler werden bei dieser Kampagne vorgeschoben.Die eigentlichen Drahtzieher bleiben im Hintergrund.Das Internet soll nur noch kommerziellen Zielen dienen.Dafür wurde es aber gar
    nicht auf den technischen Stand, wie wir Ihn zur Zeit nutzen können ,entwickelt.
    Wenn sich Demokratie weiterentwickeln will, zu einer freiheitlichen Demokratie, dann geht das nur wenn der Eigentumsbegriff neu diskutiert und geregelt wird. Selbst diejenigen, die glauben
    Eigentum zu besitzen, sind Sklaven von diesem Irrsinn und handeln dann auch so.
    Die Würde des Menschen ist von unserem Grundgesetz her unantastbar.
    Diese Tatsache spielt im gesellschaftlichen Tagesgeschäft aber keine Rolle mehr.
    Unsere gewählten Vertreter in den Parlamenten treten dieses Grundrecht mit Füßen.
    Wenn Sie darauf angesprochen werden,versuchen Sie sich herauszureden, und zwar in einer Sprache, die menschenverachtend ist.

  2. In der vergangenen woche hatte hier im blog ein kommentator ein loblied darauf gesungen, wie toll es sei, als selbständiger (o.ä.) angeblich »aus dem nichts« dinge zu erschaffen.

    Wie irr dergestalte gedanken sind, legt dieser artikel ausgesprochen schön dar: Es reicht in diesem wirtschaftssystem keinesfalls, die fertigkeit zu haben, irgendetwas sinnvolles oder schönes zu schaffen, das die menschen haben wollen oder sogar brauchen: Man muß, was auch immer man geschaffen hat, in der lage sein, das zeug zu verkaufen – und zwar mit gewinn.

    Es hat nichts mit gier oder geiz zu tun, wenn sich beispielsweise jugendliche die neuesten hits aus dem internet besorgen. Wie die meisten menschen haben die eine eingeschränkte kaufkraft. Als musik noch »analog« raubkopiert wurde, war es völlig normal, über das weitergeben von kompaktkassetten soziale kontakte zu pflegen. Niemand hatte das geld, all die schönen schallplatten selbst zu kaufen. Da könnten die künstler ruhig mal aufschreihen: Um raubkopien zu verteilen, brauchts keine sozialen kontakte mehr.

    Und noch mehr sollten sie aufschreien über den widerspruch, in dem sie gezwungen sind zu leben: eigentlich möchte man, daß das eigene kreative schaffen möglichst bekannt wird. Das passiert aber nicht, wenn das an die kaufkraft des etwaigen publikums gebunden sein muß.

    Ich will nicht verlegt werden – ich will gelesen werden.

  3. Pingback: Urheberrechts-Debatte: Freiheitskämpfer unter sich | Gedanken(v)erbrechen

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