Günter Grass: Gedicht für Griechenland

Tja, ist ist das, wenn man sich mit ollen Kamellen beschäftigt, man verpasst glatt die aktuellen Ereignisse: Günter Grass hat wieder ein Gedicht geschrieben! Und ich muss sagen, das finde ich ziemlich gut. Leider traue ich mich aus Gründen der heftig umkämpften Urheberrechte nicht, es hier einfach in voller Länge zu bringen, aber den Link zur Süddeutschen Zeitung, in der es abgedruckt ist, liefere ich gern:

Europas Schande

„Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht,“ – das ist schon mal ein starker Anfang und so bleibt es bis zur letzten Strophe „Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land, dessen Geist Dich, Europa, erdachte.“ Nein, das Land der Griechen sucht man nicht mehr mit der Seele, wie weiland Goethe es tat, sondern mit dem Euro heim. Ein weiteres Beispiel für die Barbarei des Kapitalismus – jetzt trifft es aber nicht irgendwelche Wilde, sondern eine anerkannte, sehr alte Kulturnation.

Übrigens: Ich gebrauche den Begriff „Wilde“ nicht, weil ich die Menschen so sortieren würde, sondern drücke damit das Achselzucken aus, mit dem wackere europäische Geschäftsleute beispielsweise die nordamerikanischen Ureinwohner oder verschiedene afrikanische oder asiatische Völker platt gemacht haben, um ihre Territorien für die eigenen Geschäftsmodelle zu nutzen.

Nachtrag: Mir hätte auch sehr gut gefallen, wenn das Gedicht tatsächlich von der Titanic gewesen wäre. Ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass Grass Gedichte seiner Kollegen vorträgt:

http://www.ndr.de/ndrkultur/grass197.html

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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5 Antworten zu Günter Grass: Gedicht für Griechenland

  1. pantoufle schreibt:

    Moin, Modesty
    … wenn er es denn geschrieben hat. Wenn nicht, war es einer der größten Dinger der Titanic – was ich ja vermute.
    Steigerbar wäre die Geschuichte nur noch dadurch, das sich Grass und die Redaktion der Titanic vor Gericht über die tatsächliche Urheberschaft streiten 😉
    Lasset die Spiele beginnen
    L.G.
    das Pantoufle

  2. Sepp Aigner schreibt:

    Das waren wohl die TITANIC-Freaks: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/noch-n-gedicht-wo-waere-guenter-grass-ohne-griechenland-11764737.html . Die FAZen sind übrigens in einer ersten Besprechung selber darauf hereingefallen und haben den Artikel dann schnell wieder veschwinden lassen. Was soll´s. Ist doch klar, dass jeder TITANIC-Redakteur mindestens so gut dichten kann wie der olle Grass. Aber dass die SZ sich so hereinlegen lässt, sagt alles über die journalistische Qualität der heutigen Mainstream-Medien. Von ihren ideologischen Scheuklappen ganz abgesehen, ist einfach keine Zeit mehr für sauberes Arbeiten.

  3. vunkenvlug schreibt:

    reingefallen sind wir, G. und ich, doch.
    G. grauste es gar vor dem altwerden, wenn das mit solcher enthirnung vor sich gehen sollte.
    zurück bleibt mir doch ein grauen, dass literarischer rufmord so einfach ist.

  4. Sepp Aigner schreibt:

    Reingefallen ? Das ist nicht sicher. Vielleicht war die FAZ-Geschichte vom Fake selber ein Fake: http://www.n-tv.de/politik/Spott-ergiesst-sich-ueber-Grass-article6363081.html .

  5. vunkenvlug schreibt:

    ich versuche mal, ein gelungenes gegenbeispiel ins gespräch zu bringen, das vor beinahe 200 jahren verfasst wurde, aber schon damals alle klippen kunstreich umschiffte, an denen die heulboje von verfasser oder seinem verwandten gefolge so jämmerlich scheitert:

    Venedig liegt nur noch im Land der Träume
    Und wirft nur Schatten her aus alten Tagen,
    Es liegt der Leu der Republik erschlagen,
    Und öde feiern seines Kerkers Räume.

    Die ehrnen Hengste, die durch salz’ge Schäume
    Dahergeschleppt, auf jener Kirche ragen,
    Nicht mehr dieselben sind sie, ach! sie tragen
    Des korsikan’schen Überwinders Zäume.

    Wo ist das Volk von Königen geblieben,
    Das diese Marmorhäuser durfte bauen,
    Die nun verfallen und gemach zerstieben?

    Nur selten finden auf des Enkels Brauen
    Der Ahnen große Züge sich geschrieben,
    An Dogengräbern in den Stein gehauen.

    und aus diesem schutt scharrte Platen eines der gelungensten sonette unserer literatur überhaupt.

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