Demokratie für alle oder Bullshito-Politik

Dass es Künstler mitunter in die Politik zieht, ist nichts Neues. Man denke nur an den bekanntesten US-Präsidenten-Darsteller aller Zeiten. Ronald Reagan war nebenbei auch einer der republikanischsten Republikaner und hat während seiner Regierungszeit in den 80ern des verflossenen Jahrhunderts mit der Einführung seiner asozialen Reaganomics die Grundlage für die jetzt immer schneller fortschreitende Spaltung der US-Gesellschaft geschaffen. Diese driftet auseinander: in eine immer (einfluss-)reicher werdende Ober- und eine immer schneller verarmende und immer größer werdende Sonstigen-Schicht. Allein in den vergangenen drei Jahren büßten US-Mittelschichtfamilien, deren größte Wertanlage in der Regel das eigene Haus ist, 40 Prozent ihres Vermögens ein, weil die Immobilienpreise am Boden sind. Besserverdiener wurden von der Krise sehr viel weniger betroffen. Inzwischen zeichnet sich ab, dass die jungen Erwachsenen von heute erstmals durchschnittlich weniger besitzen werden als ihre Eltern. Bis auf die Erben der Reichen natürlich.

Oder Ilona Staller, auch bekannt als Cicciolina. Die ehemalige Pornodarstellerin trat in Italien erst für die italienischen Grünen, später für die radikal-liberale Partito Radicale an und saß von 1987 bis 1992 im römischen Parlament. Sie gehörte zu den ersten Frauen, es überhaupt ins italienische Parlament geschafft haben. Bis heute kämpft sie nicht nur für die absolute sexuelle Freiheit und die Legalisierung von Bordelle, sondern auch gegen die Atomenergie, die Todesstrafe und Tierversuche. Insofern will ich sie eigentlich nicht mit Ronald Reagan vergleichen – aber ich meine hier ja auch eher die künstlerische Ebene, wobei ich nicht gesagt haben will, dass Cicciolina schlechtere Politik gemacht hat als Ronny, im Gegenteil.

Nun will also auch Rüpel-Rapper Bushido in die Politik. Und weil ihm keine der vorhandenen Parteien passt, gründet er einfach seine eigene. Zwar ist noch nicht klar, wofür diese Partei eigentlich stehen wird, aber spätestens seit dem furiosen Auftritt der Piraten-Partei weiß man ja, dass politische Inhalte eigentlich total nebensächlich sind. Und selbst wenn: Auch Parteien mit ernsthaften Inhalten richten keinen Schaden an. Entweder, sie wollen das, was sie freiheitlich marktwirtschaftlich wollen sollen, können, dürfen – oder sie werden verboten. Gut, mit der NPD hat das bisher nicht geklappt, weil noch nicht klar ist, ob es sich nicht doch eher um eine Sonderabteilung des Verfassungsschutzes handelt. Und der Verfassungsschutz wird von der Verfassung geschützt, egal wie die Verfassungsschützer drauf sind. Aber die KPD war nun wirklich eine Partei mit ernsthaften Inhalten und wurde folglich verboten. (Kleine Anmerkung am Rande: Es gibt aktuell sogar noch eine KPD, die im Januar 1990 in der DDR als Nachfolgerin „der KPD Liebknechts und Luxemburgs, Thälmanns und Piecks“ wiedergegründet wurde. Beim Anschluss der DDR an die BRD fiel sie damit auch unter den Bestandsschutz, der für die politischen Neugründungen aus der Endzeit der DDR galt – somit ist sie kein bisschen verboten. Wohl auch, weil kaum einer weiß, dass sie existiert)

Immerhin ein Motto gibt es für die neue Partei schon – „Bushido for a better world“ origineller geht’s gar nicht. Allerdings kann Bushido durchaus gewisse Qualifikationen vorweisen, so ist er beispielsweise ein amtlich anerkannter Plagiator. Laut einem Gerichtsurteil hat er bei insgesamt 13 seiner Songs ungefragt Anleihen bei einer unbekannten französischen Gothic-Band gemacht. Das Hamburger Landgericht verknackte deshalb ihn zur Zahlung von 63.000 Euro Billigkeitsentschädigung – und die Alben, Singles und Sampler auf denen die geklauten Songfragmente zu hören sind, dürfen nicht mehr verkauft werden. Das ist schon fast so gut wie eine abgeschriebene Doktorarbeit.

Ein weiterer Pluspunkt ist, dass der Kerl selbst sehr empfindlich ist, wenn er meint, dass er beklaut wird: In der Filesharing-Szene hat sich Anis Mohamed Youssef Ferchichi als Massenabmahner einen Namen gemacht. Sex an Crime allein rockt äh, rappt heutzutage halt auch nicht mehr. Und mehr Ghetto geht sowieso nicht: Plagiator, Abmahnarsch und dann noch Politiker, das nenne ich mal konsequent. Das hat schon fast CSU-Qualität.

Kein Wunder, dass die Jungs aus dem anderen Ghetto gleich eine Neidkampagne losgetreten haben: Ein gewisser Tobias Huch von der konkurrierenden FDP-Gang witzelte: „Der Bushido will ne Partei gründen. Nur schade, dass all seine potentiellen Wähler noch nicht wählen dürfen.“ Und dann ließ er sich noch dazu hinreißen, die Fans des Rappers „Bullshito-Fans“ zu nennen – derartige Flachwitze gehören natürlich bestraft. Was laut RP-Online von den Bushidoniern auch entsprechend niveauvoll gekontert wurde. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Die Teppich-Nummer vom Niebel hätte Anis Mohamed sicherlich besser hingekriegt.

Der ist, wie der Grünen-Kreistagsabgeordnete Axel Mueller in anderem Zusammenhang schon festgestellt hat, als Künstler ja nicht unbedingt an Verwaltungsvorschriften gewöhnt. Typisch Grüne wieder, diese blöden Alternativen verstehen ja immer alles und jeden. Immerhin taugen die Ambitionen des wohlintegrierten Rappers – nicht die Grünen, sondern Burda hat ihn mit einem Integrations-Bambi ausgezeichnet – für neue „dei Mudda“-Witze: Dei Mudda is Frauenbeauftragte bei der Bushido-Partei!

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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